Gottfried Helnwein

Fotorealismus

Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt?

Fachbereichsarbeit aus Bildnerische Erziehung
Vorgelegt bei Herrn Professor Siegfried Stadlhuber

Susi Wiesenegger, Bundesgymnasium Salzburg- Nonntal Schuljahr 2008 / 2009

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Inhaltsverzeichnis

Erklärung 4
Vorwort 5
Einleitung 6
Abstract 9
1. Fotorealismus
1.1 Geschichte und Entwicklung 10
1.2 Fotorealistische Motive 13
1.3 Fotorealistische Technik 13
1.4 Fotorealistische Plastik 15
1.5 Vertreter des Fotorealismus 18

2. Gottfried Helnwein
2.1 Darf Kunst alles? 19
2.2 Biographie 22

2.2.1. Zwischen Himmel und Hölle 22
2.2.2. Enfant terrible 25
2.2.3. Die Wiener Haberer 26
2.2.4. Zwischen zwei Kontinenten 28
2.3 Werke
2.3.1. Selbstbildnisse 31 s
2.3.2. Zeichnungen und Aquarelle 33
2.3.3. Fotografien und Bühnenbilder 37
2.3.4. Öffentliche Kunst und Tryptichen 41
2.4 Schlafende Engel in Prag 44
2.5 Stil & Botschaft 45

3. Fotorealismus: Bloße Nachahmung oder doch künstlerische Interpretation? 47
4. Zusammenfassung 52
Literaturverzeichnis 55
Abbildungsverzeichnis 57
Anhang

• Weitere Vertreter des Fotorealismus
• Werdegang von Gottfried Helnwein
• E-Mailverkehr mit Gottfried Helnwein

 

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Erklärung



Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne Benutzung anderer als der genannten Materialien angefertigt habe. Alle aus fremden Werken direkt oder indirekt übernommene Gedanken sind als solche kenntlich gemacht.
Die Erlaubnis zur Verwendung aller durch Copyright geschützten Produkte wurde von mir nachweislich eingeholt. Ich bin mir bewusst, dass eine falsche Erklärung rechtliche Folgen haben wird.



Salzburg, am 16. Februar 2009 Susi Wiesenegger e.h.

 

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Vorwort

Ich habe mich nun mehr als ein halbes Jahr mit dem Thema meiner Fachbereichsarbeit auseinandergesetzt. Es war eine anstrengende, aber auch sehr interessante Zeit, in der ich unbeschreiblich viel gelernt habe.
An dieser Stelle möchte ich meinen Eltern für die Unterstützung danken. Mein Dank gilt vor allem meinem Vater, Hans Wiesenegger, der mir immer mit Rat und Tat beiseite stand und mir in techni schen Bereichen weiter geholfen hat, aber natürlich auch Herrn Professor Stadlhuber, der mich während meiner Arbeit betreut hat und stets eine Quelle neuer Inspiration war.
Zu guter Letzt danke ich Gottfried Helnwein selbst. Danke für das Interesse an meiner Arbeit und danke dafür, dass ein so großartiger Künstler und bemerkwerter Mensch sich die Mühe gemacht hat, meine Fragen ausführlich zu beantworten.



Salzburg, am 16. Februar 2009 Susi Wiesenegger

 

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Einleitung:

„Kunst ist Leben und Leben ist realistisch.“
(Duane Hanson)1

Ich habe schon sehr früh, am Beginn der Oberstufe, mit dem Gedanken, eine Fachbereichsarbeit zu schreiben, gespielt. Ich war von der Vorstellung selbst ein Thema auszuwählen und somit einen Teil meiner Maturaprüfung mit gestalten zu dürfen, fasziniert.
Zu diesem Zeitpunkt war ich mir jedoch noch nicht ganz sicher, in welchem Fach ich diesen Weg bestreiten würde. Im Laufe der Oberstufe hat sich dann aber ganz deutlich ein Favorit herauskristallisiert: Kunst.
Einer der schwierigsten Teile meiner Arbeit war, im Nachhinein betrachtet, die Themen- bzw. Titelauswahl. Schwierig deshalb, da mein besonderes Interesse für mich als leidenschaftliche Fotografin vor allem der Fotografie galt und ich mich daher auch in meiner Fachbereichsarbeit gerne mit diesem Medium auseinandersetzen wollte. Weiters war es für mich von Anfang an besonders wichtig, wirklich begeistert vom Thema meiner Arbeit zu sein.

Herr Prof. Stadlhuber hegt jedoch eine ähnliche Begeisterung für die Malerei. Wir suchten daher nach einem Weg, die beiden Kunstformen sowie unser unterschiedliches Interesse auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und zu verbinden. In weiterer Folge kamen wir zu folgendem, natürlich in sehr vereinfachter Form dargestellten Schluss:

Fotografie + Malerei = Fotorealismus


Herr Prof. Stadlhuber zeigte mir in einer auf unser Gespräch folgenden Unterrichtstunde ein Bild von Isabel de Frías, ich war begeistert und wusste, das war mein Thema: Fotorealismus.

Heute, fast am Ende meiner Arbeit angelangt, kann ich diese Euphorie für Fotorealismus jedoch nicht mehr so ungeteilt nachvollziehen, da ich inzwischen einen Künstler gefunden habe, der mich viel mehr als die traditionellen Fotorealisten fasziniert: Gottfried Helnwein.
Der Weg zu dieser Erkenntnis war allerdings ein langer: Am Beginn meiner Sommerferien 2008 habe ich mich vor allem mit Fotorealismus beschäftigt. Mit seiner Entstehungsgeschichte, mit den Vertretern und den Arbeitsweisen etc. Ich fand das Thema durchaus interessant, aber dennoch war ich immer auf der Suche nach etwas Anderem, Außergewöhnlichem, nach etwas Einzigartigen;

 

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1 Duane Hanson in: Buchsteiner, Thomas: Kunst ist Leben und Leben ist realistisch. In: Buchsteiner, Thomas; Letze.
Otto (Hrsg.): Duane Hanson more than reality. Ostfildern - Ruit 2001, S. 68

 

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etwas, das die Fotorealisten von allen anderen Künstlern unterscheidet. Doch das Detail, das die Fotorealisten vor allem von anderen Künstlern maßgeblich unterscheidet, ist die Technik. Ich persönlich hege eigentlich kein besonders großes Interesse für Technik. Aus diesem Umstand resultierte folglich eine stetig sinkende Begeisterung für mein ausgewähltes Thema. Ich war nun auf der Suche nach einem Künstler, dessen Bilder mich buchstäblich umwerfen würden, an denen ich teilhaben könnte, zu dessen Kunst ich eine Verbindung spüren würde und bei dem nicht nur die Technik im Mittelpunkt steht. Diese Suche endete, als ich einen der begabtesten und aufregendsten Künstlern unserer heutigen Zeit entdeckte: Gottfried Helnwein.
Ich kann mich ganz genau an diesen Moment erinnern. Ich saß am Flussufer der Salzach, als ich zum ersten Mal eine Biographie des Künstlers in der Hand hielt. Ich begann sie zu lesen und es dauerte keine zehn Sekunden, bis ich von seinem aufregenden Leben gefesselt war. Am nächsten Tag recherchierte ich genauer im Internet und sah mir zahlreiche Bilder von Gottfried Helnwein an. Sehr schnell war mir klar, das ist mein Künstler, nach ihm war ich auf der Suche. Somit änderte sich auch mein Thema, im Mittelpunkt meiner Arbeit stand nicht mehr länger Fotorealismus sondern Gottfried Helnwein. Meine Begeisterung für den Künstler gipfelte zunächst bei einer Reise nach Prag als ich die Möglichkeit hatte, Helnwein's Bilder im Original zu sehen.
Im Museum Rudolfinum wurden zahlreiche Werke unter dem Titel „Angels Sleeping“ ausgestellt. Es war in der Tat ein unbeschreibliches Erlebnis, so dass es mir schwer fällt diese Erfahrung in Worte zu fassen. Bislang kannte ich die Werke des Künstlers nur aus Büchern und dem Internet. Aber als ich diese riesigen Gemälde und Fotografien im Original sah, war ich buchstäblich sprachlos und überwältigt. Überwältigt vor allem von der Bildwirkung, der Klarheit seiner Botschaft und der Bedeutung für mich persönlich. Bei manch anderen Künstlern fällt es mir schwer, Bildinhalt und Künstler zu verstehen, beim Anblick von Helnwein's Bildern war ich zu Tränen gerührt, weil mich die Bilder so ergriffen und ich die Angst, Verletztheit und all diese schrecklich dargestellten Gefühle auch selbst kenne.
Zu Schulbeginn habe ich dann nochmals mit Herrn Prof. Stadlhuber die Verlegung des Schwerpunktes meiner Arbeit von Fotorealismus zu Gottfried Helnwein besprochen, er war mit meiner Entscheidung einverstanden. In dieser Zeit entstand auch der eigentliche Titel meiner Arbeit: Gottfried Helnwein mit der Fragestellung Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt?
Den weiteren Verlauf meiner Arbeit kann ich als sehr unproblematisch bezeichnen, ich bin bei meiner selbstständigen Arbeit auf keine größeren Schwierigkeiten gestoßen und bin stets mit neuen Anregungen seitens meines Professors bedient worden.

Eine besondere Arbeitshilfe war mir vor allem der Ausstellungskatalog „Helnwein“, der anlässlich einer Retrospektive des Künstlers 1997 im Museum Ludwig in Moskau veröffentlicht wurde. Ein sehr komplexes Werk, das alle bis dato vorhandenen Informationen und Werke des Künstlers kompakt zusammenfasste. Sehr hilfreich waren auch die Recherchen in der Bibliothek des Lentos Mu-

 

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seums in Linz, welche über eine große Anzahl von Ausstellungskatalogen und Presseberichten verfügte und natürlich auch die offizielle Homepage des Künstlers, die auch auf zahlreiche andere hilfreiche Links verwies.

Zum Schluss war mir vor allem aber auch der Künstler selbst eine große Hilfe und Anstoß neuer Inspiration. In den Weihnachtsferien habe ich ein E-Mail an Gottfried Helnwein verfasst, indem ich dem Künstler drei, für mich interessante Fragen stellte (siehe E-Mailverkehr im Anhang).
Ich habe zwar erwartet, dass ein vielbeschäftigter Künstler wie Gottfried Helnwein, kaum Zeit finden würde, meine Fragen zu beantworten, aber insgeheim hoffte ich doch, eine Antwort zu erhalten.
So geschah es auch und ich danke Gottfried Helnwein an dieser Stelle nochmals, dass er sich die Zeit nahm, sich mit meinen Fragen ausführlich zu beschäftigen. Dies war mir nicht nur eine große Hilfe, ich habe mich auch wahnsinnig darüber gefreut, dass er sich für meine Arbeit interessiert und mich auch darum gebeten hat sie ihm zuschicken, sodass er sie lesen kann!
Die Antworten auf mein E-Mail und die darin gestellten Fragen, waren neben dem Ausstellungsbesuch in Prag sicherlich das Highlight meiner Arbeit. Für mich war seine Reaktion nochmals eine Bestätigung dafür, dass er nicht nur ein großartiger Künstler sondern auch ein wahnsinnig toller Mensch ist, der sich sogar die Mühe macht, einer Schülerin persönlich zu antworten, während andere Künstler bestenfalls ihre Sekretärinnen antworten lassen oder erst gar nicht reagieren.

Insgesamt betrachtet, hat es wirklich sehr viel Spaß gemacht, eine Fachbereichsarbeit über einen so großartigen Künstler zu schreiben, ich habe in dieser sehr intensiven Zeit sehr viel dazu gelernt.

 

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ABSTRACT

Titel:

Gottfried Helnwein
Fotorealismus

Fragestellung:

Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt?

Autor:

Susi Wiesenegger

Fach:

Fachbereichsarbeit aus Bildnerische Erziehung



In der Fachbereichsarbeit wird zuerst die Entstehungsgeschichte des Fotorealismus geschildert, anschließend werden Motive, unterschiedliche Techniken und deren jeweilige Vertreter näher erklärt bzw. erläutert.

Der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit liegt jedoch beim Künstler Gottfried Helnwein und seinen faszinierenden Werken, die zum Teil bewusst provozieren, um dadurch den Betrachter zum Nachdenken anzuregen.

Helnwein's Werdegang vom Wiener Enfant terrible bis zum Pendler zwischen zwei Kontinenten wird ausführlich beschrieben und die Bedeutung von Entenhausen, Donald Duck und Katholizismus für seine späteren Werke näher erläutert.

Zuletzt wird versucht, Antworten auf die Frage: Warum malt jemand im Zeitalter der Technik immer noch fotorealistisch? zu finden.




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1. Fotorealismus:

1.1 Geschichte und Entwicklung

Nach einer Fülle gewöhnungsbedürftiger Stilrichtungen wie Expressionismus (vor allem der abstrakte Expressionismus), Kubismus sowie Futurismus führte die Wiederkehr des Realismus im 20. Jahrhundert zum Aufatmen so mancher Kunstliebhaber aber vor allem auch zum Aufatmen einiger Künstler. Die neue Stilrichtung, der so genannte Neurealismus, war für jedermann leicht verständlich und wahrscheinlich gerade deshalb so populär im 20. Jahrhundert. Der Neurealismus oder die Neue Sachlichkeit, wie der jedermann geläufige Name, schien jedoch nicht wirklich etwas grundlegend Neues zu bringen, sondern war lediglich ein Versuch neue Ordnung, Übersichtlichkeit und Verständlichkeit zu verbreiten, von der man sich im Laufe der Jahrhunderte weit entfernt hatte. Der Begriff Realismus bezeichnet ein großzügiges Spektrum an einer Vielfalt von Kunstrichtungen, das vom Fotorealismus bis hin zum Kapitalistischen Realismus reicht.2

Das ursprüngliche Bedeutungsfeld, zumindest in Bereich der Kunst, war viel kleiner und übersichtlicher. Als Realismus wurde zunächst eine Kunstrichtung im 19. Jahrhundert bezeichnet, die sich selbst, zum ersten Mal in der Geschichte der Kunst, als realistisch bezeichnete, um damit einen bewussten Gegenpol zu den überwiegend vorherrschenden abstrakten Künsten zu schaffen.
Gustave Courbet (1819-1877) wurde für sein Werk Stein(e)klopfer (1850), welches mit einer groben, pastosen Malweise, ohne jegliche Idealisierung, angefertigt wurde, zunächst von Kritikern als „Realist“ angegriffen. Courbet gelang es jedoch diesen Begriff ins positive Licht zu rücken. Nach der Ablehnung seiner Bilder vom Pariser Salon, zeigte der Künstler seine Werke, anlässlich der Weltausstellung im Jahr 1855, in einer Baracke, die er als „Pavillon du Réalisme“ bezeichnete.
Im selben Jahr verfasste der Künstler das einflussreiche „Realistische Manifest“. Ein Schriftstück in dem der Künstler für eine individuelle Kunst eintrat und festlegte, nur das darzustellen, was er sehen und anfassen kann. Anders als im Akademismus, will Courbet nicht länger repräsentative Themen, sondern das ganz normale, alltägliche Leben realistisch darstellen.3

Courbet’s im Jahr 1855 entstandenes Programmbild Das Atelier des Künstlers ist ein häufig zitiertes Beispiel für eine Malerei, die mit Hilfestellung der Fotografie ihre ausgewählten Motive präzisiert. Der, unter anderem im Werk abgebildete Akt einer Frau ist Anlehnung an eine Aktfotografie von Julien de Vallou Villeneuve. Diese Integration einer fotografischen Vorlage verweist darauf, dass die revolutionäre Erfindung der Fotografie einen Prozess in die Wege leitete, der auch die Malerei grundlegend veränderte und viele Künstler beeinflusste4.


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2 Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 6
3 Vgl.: Ebd., S. 6
4 Vgl.: Ebd., S. 6f

 

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Der Begriff Realismus ist jedoch nicht nur ein Epochenkonzept des 19. Jahrhunderts, von Courbet eingeführt und von weiteren französischen Künstlern wie Edouard Manet fortgesetzt. Realistische Tendenzen gab es schon seit der Antike, nur wurden sie damals anders benannt.
Im 20. Jahrhundert begann erneut eine produktive und intensive Auseinandersetzung mit dem Begriff Realität und Realismus. Jene führte zu den verschiedensten Erscheinungsformen mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen von Realismus, darunter auch der Fotorealismus.5
In den frühen Sechzigern arbeiteten mittlerweile viele Künstler, unterschiedlicher Herkunft, an der lang ersehnten Wiederkehr der Bildsymbolik in die Kunst. All diese Künstler wurden, trotz verschiedenster philosophischer Überzeugungen sowie künstlerischer Herkunft, unter dem Begriff „Neue Realisten“ zusammengefasst. Zu den so genannten Neu Realisten zählte im Prinzip jeder Künstler, der in Ansätzen realistische Bilder kreierte. Da er in der postabstrakten Periode lebte, wurde er als Neu Realist bezeichnet damit er von Künstlern früherer realistischer Epochen unterschieden werden konnte. Folglich entstanden auch verschiedenste neue Begriffe, um die einzelnen Richtungen des Realismus zu differenzieren. Darunter befanden sich also nun die bekannten Richtungen wie Sharp Focus Realism, Super- Realism oder Hyperrealismus sowie der Phantastische
Realismus.6
Die Bezeichnung Fotorealismus wurde ursprünglich vom Galeristen Louis K. Meisel eingeführt. Meisel sah 1968 die Werke der Künstler Richard Estes und Chuck Close und erkannte, dass es sich hierbei um einen fotografischen Realismus handeln musste, sowohl in der Methode als auch im Erscheinungsbild. In weiterer Folge begann der Kunsthändler, jene und andere ähnliche Arbeiten als Fotorealismus zu benennen. Meisel verwendete den Begriff mehrere Jahre lang und wurde währenddessen immer wieder gefragt, was er mit Fotorealismus und Fotorealisten meine.7

„Ein Fotorealist ist ein Künstler, der anstelle eines Skizzenblocks eine Kamera verwende und Bilder mit Hilfe eines Rasters oder eines Projektors auf den Malgrund überträgt und die technischen Fähigkeiten besäße [sic!], ein Bild fotografisch erscheinen zu lassen".8

Dies war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch eine sehr vage Definition der Kunstrichtung und konnte deshalb auch Künstler mit einschließen, die keine wahren Fotorealisten waren.
Um den Begriff zu konkretisieren, schuf Meisel 1972 eine so genannte Fünf- Punkte- Definition für Fotorealisten. Daraufhin wurde Meisel von Stuart M. Speiser gebeten eine gleichnamige Ausstellung zu gestalten, die erfolgreich in zwanzig verschiedenen Museen gezeigt wurde.
Somit rückte der Begriff Fotorealismus und seine damaligen vertretenden Künstler ins Licht der Öffentlichkeit und gewann mehr und mehr an Bedeutung.10

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5 Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 8
6 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 12
7 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 12
8 Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 12
10 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 12f

 

 

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Die Definition eines wahren Fotorealisten, nach Louis K. Meisel, lautete:

1. Der Fotorealist sammelt mit der Kamera und dem Foto Informationen.

2. Der Fotorealist verwendet mechanische oder halbmechanische Mittel, um die Informationen auf die Leinwand zu übertragen.

3. Der Fotorealist muss eine Arbeit fotografisch erscheinen lassen können.

4. Der Künstler muss bis 1972 Arbeiten als Fotorealist ausgestellt haben, um als echter Fotoealist anerkannt zu werden.

5. Der Künstler muß [sic!] sich mindestens fünf Jahre lang der Entwicklung und Ausstellung fotorealistischer Arbeiten gewidmet haben.

Ein echter Fotorealist will also, ähnlich wie der impressionistische Gedanke, einen Moment, allerdings mit der Kamera, einfangen bzw. einfrieren und diesen in seinem Werk gemalt wiedergeben. Die Veränderungen (wie Jahreszeiten, Wetter, Licht, Wind,...) und Bewegungen (wie der Verkehr bei Stadtaufnahmen) will der Künstler in einer Sekunde festhalten und genau diese vollständig und bis ins kleinste Detail wiedergeben. Buchstäblich, eine Malerei des Augenblicks. Eine solche Malerei kann dennoch ohne die Hilfestellung der Fotografie nicht bestehen, da das Thema eines fotorealistischen Bildes die Fotografie ist. 12

Die Künstler zielen auf!eine konzentrierte Darstellung ab, um die Wirklichkeit als Illusion zu entlarven. Durch eine „hyperrealistische“ Darstellung möchten einige Künstler die Bildwirkung verstärken. Die Wirklichkeit wird in den Bildern übersteigert, sprich hyper- realisiert und oft durch die Verwendung und Abbildung reflektierender Gegenstände ( wie glänzende, glasverkleidete Fassaden, Schaufenster, Supermärkte, Autos, etc.) sogar vervielfältigt.

Im Zeitalter der Medien, in dem der Mensch oft von visuellen Informationen überreizt wird, ist es den fotorealistischen Malern ein Anliegen, den Betrachter zu sensibilisieren, damit er auf die gemalten Kleinigkeiten und Details aufmerksam wird, die er immer weniger bewusst in seiner Umgebung wahrnimmt. Da ein Foto bzw. Dia als Inspiration und Vorlage dient, besteht der kreative Akt also aus der Motivauswahl sowie der anschließenden farblichen Gestaltung.13


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12 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 13
13 Vgl.: Rambousek, Friedrich: BILDER BAUTEN GEBILDE, Wien 2000, S. 94f

 

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1.2 Fotorealistische Motive:

Die Motive im Fotorealismus variieren von Künstler zu Künstler, es ist also schwer die Sujets der Bilder einzugrenzen. Man kann jedoch im Allgemeinen sagen, dass moderne Gebrauchsgegenstände, Autos, Reklamen, Schaufenster, Ausschnitte aus Großstädten, sowie deren moderne Architektur, typische Motive vieler Fotorealisten sind. Diese werden bewusst verwendet, um den Betrachter auf die Schönheit der modernen Welt aufmerksam zu machen, gleichzeitig aber auch, um in ihrer stilllebenhaften Darstellung, auf die Vergänglichkeit unsere Konsumwelt hinzuweisen.14

1.3 Fotorealistische Technik:

Die Technik der fotorealistischen Maler gibt es in zahlreichen Variationen, die der jeweilige Künstler für sich selbst ausgewählt oder zum Teil auch selbst entwickelt hat. Meistens wird allerdings ein Foto bzw. Dia als Vorlage und Inspirationsquelle verwendet.
Der kreative Prozess beginnt also schon vor dem eigentlichen Malakt, mit der Motivauswahl. Fotorealisten müssen folglich auch fotografisches Geschick beweisen. Sie machen sich dabei fotografische Techniken, wie beispielsweise Weitwinkel- und Nahaufnahmen, Schnappschüsse oder exakt arrangierte Porträts, zunutze um die gewünschte Bildwirkung zu erzielen. Manchmal setzen sie sogar mehrere Fotos zu Panorama- Bildern zusammen. Beim weiteren Vorgehen gibt es zwei Varianten:

• Das Dia wird von einem Beamer auf eine meist großflächige Leinwand projiziert und anschließend detailgerecht und naturgetreu auf eine Leinwand übertragen. Die Projektion dient als Hilfe um das gesehene Bild proportional zu malen.

• Die Leinwand sowie das Dia werden in Rasterkästchen geteilt. Anschließend versucht man das Kästchen vom Foto bzw. Dia exakt, natürlich aber vergrößert, auf die Leinwand zuübertragen. Oft wird zuerst das Bild mit Bleistift vorgezeichnet um den Vorgang zu erleichtern.

Wichtig ist jedoch, egal ob man ein Raster verwendet, mit Bleistift vorzeichnet oder das Dia direkt auf die Leinwand projiziert, dass das Bild wie das Original-Foto aussieht und dieses trotz der Tatsache, dass es gemalt ist. Es soll fotorealistisch sein. Gemalt wird meist in Acryl oder Dispersion, zum Teil aber auch in Öl.15

Fotorealistischen Künstlern wird oft vorgeworfen, nicht selbst bzw. eigenständig malen zu können, da sie lediglich Fotos kopieren und mit Hilfe ausgefeilter Techniken abmalen. Dieses Vorurteil


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14 Vgl.: Hoffmann, Fabian. Der Fotorealismus. In: http://did.mat.uni-bayeruth.de/~kunst/bib/fotoreal.html, zugegriffen am 09. Oktober 2008
15 Vgl.: Hoffmann, Fabian. Der Fotorealismus. In: http://did.mat.uni-bayeruth.de/~kunst/bib/fotoreal.html, zugegriffen am 09. Oktober 2008

 

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kann leicht aus dem Weg geräumt werden, wenn man in Betracht zieht, dass es legitim ist, ein Bild von einem Objekt zu malen, warum also nicht ein Bild von einem Foto?
Die Impressionisten beispielsweise fertigten ihre Bilder nach Zeichnungen und Skizzen an, die ihnen halfen Ideen, Informationen und Farben festzuhalten, um sie anschließend künstlerisch auszuarbeiten.
Fotorealisten hingegen verwenden anstatt eines Skizzenblocks eine Kamera, aber nicht weil es ihnen an zeichnerischem Talent mangelt, sondern um Zeit zu sparen.16 Realisten mögen vielleicht hunderte von Zeichnungen für ein Bild anfertigen, Fotorealisten hingegen machen eine Aufnahme, ein Foto (vielleicht auch mehrere und sie wählen eines aus).
Für die fotografische Integration gibt es auch philosophische Gründe. Viele Fotorealisten finden Gefallen an dem Gedanken schon vor Beginn des Malakts zu wissen, wie das Werk aussieht. Dafür wollen sie vor dem Malen schon die meisten Entscheidungen getroffen haben, wie Komposition, Farbe, Bildsymbolik, etc.. Sie können sich anschließend ausschließlich auf die technischen Probleme des Malens konzentrieren. Ein Fotorealist weiß genau wie letztendlich das Bild aussehen soll und arbeitet solange daran, bis es seiner Vorstellung entspricht.17
Howard Kanovitz, ein US-amerikanischer Fotorealist sagte einst:

Alles ist, wie es ist - und ist als zusammengesetzte Oberfläche doch neu und anders als es scheint.“18

Durch diese Aussage wird deutlich, dass die Fotorealisten nicht versuchen mit der detaillierten Genauigkeit des Kameraauges zu konkurrieren, die Technik zielt nicht unbedingt nur auf eine genaue Imitation des Fotos ab. Das Interesse gilt viel mehr den Problemen, welche bei der Übertragung von Lichtpunkten, Reflexen und Farben entstehen (hierbei liegt, wenn auch nur entfernt, eine Verbindung zur Concept Art verborgen).19
Die glatte Oberfläche der Bilder ist eines der Hauptmerkmale der fotorealistischen Technik. Um die gewünschte Bildwirkung zu erzeugen, werden beim Fotorealismus grundsätzlich zwei Hilfsmittel zum Auftragen der Farbe auf die Leinwand verwendet. Zum einen der traditionelle Borstenpinsel und zum anderen die Spritzpistole, auch Airbrush genannt.20 Der tatsächliche Ursprung der
Airbrush- Technik ist sehr umstritten.
Abner Peeler soll die erste Airbrush- Pistole im Jahr 1878 konstruiert haben. Peeler war ein amerikanischer Juwelier der seine Erfindung 1882 patentieren ließ. Seinem Patentantrag legte er ein Selbstportrait, welches er mit Hilfe seiner neuen Erfindung retuschieren konnte, bei. Das Prinzip der Airbrush hat sich seither kaum verändert, obwohl sich die Verarbeitung, Materialien und Fein-

 


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16 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 21
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Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 21
18 Kanovitz, Howard in: Merkert, Jorn: Between Worlds: Painter of Contradiction. In: www.howardkanovitz.com/merkert.html, zugegriffen am 06. Februar 2009
19 Vgl.: Photorealismus (seit 1964). In: www.kunstwissen.de/fach/f-kunst/b_postm/frOO.html, zugegriffen am 14. Jänner 2009
20 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S.15

 

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technik seitdem wesentlich verbessert haben. Die ersten Bilder, die mit Airbrush- Pistolen entstanden, wurden von Kunstliebhabern, Museen und Kritikern abgelehnt. Die Werke seien mit „nicht künstlerischen Mitteln“ gemalt worden und somit keine „richtige“ Malerei und damit auch keine Kunst. Erst in den Sechzigern und Siebzigern erreichte die Airbrush- Kunst, zuerst durch die Pop-Art, ihren Höhepunkt und wurde als Kunstrichtung anerkannt und entwickelte sich zu einer eigene Kunstform, die sich mit der realistischen, oder gar hyperrealistischen Darstellung des Objekts beschäftigt. Die Technik wurde teilweise auch zur Fotoretusche eingesetzt, da sie hier ihren Hauptvorteil, den sanften Farbverlauf, ausspielen konnte. In den neunziger Jahren, musste die Airbrush-Pistole ihren Stellenwert, zumindest in der industriellen Branche, an den Computer abgeben.21
Dennoch wird die Airbrush -Technik heute noch in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt, beispielsweise in der Werbe-Illustration oder im Bereich von Custompainting (vor allem von Fahrzeugen).22

1.4 Fotorealistische Plastik:

Duane Hanson:

Dass Fotorealismus bzw. dem Konzept von Realismus keine Grenzen gesetzt sind und die Ideen auf viele Bereiche der Kunst übertragbar sind, lässt sich gut am Beispiel des Künstlers Duane Hanson demonstrieren. Der Künstler gilt als Bindeglied zwischen der Pop- Art und dem Foto- bzw. Hyperrealismus, deshalb nannte man ihn auch liebevoll den „Hyperrealisten der Pop- Art Bewegung“.23

„Ich liebe keine Fiktion, ich liebe Geschichten“24 sagte einst der amerikanische Bildhauer in einem Interview.

Der Künstler Duane Hanson wurde berühmt für seine fotorealistischen, detailgetreuen Skulpturen. Sie sind sein persönlicher, künstlerischer Ausdruck für diese Auffassung des realistischen Konzepts. Jede einzelne Figur erzählt nicht nur eine Geschichte und ist Symbol für individuelle Schicksalsschläge, sondern ist zugleich auch das Medium seiner politischen und gesellschaftskritischen Botschaft.25 Seine Geschichte begann am 17. Jänner 1925 in Alexandria, Minnesota, in den Vereinigten Staaten.

 



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21 Vgl.: Schlapbach, Dirk: Airbrush. Grundlagen. Motive und Modellgestaltung. Wiesbaden 2004!
22 Vgl.: Nußdorfer, Jürgen: Kursskriptum „Airbrush für Anfänger“ (teilgenommen vom 18.- 19. Oktober 2008, VHS Salzburg)
23 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25. Oktober 2008
24 Duane Hanson in: Romain; Bluemeler (Hrsg.): Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. Duane Hanson. Ausgabe 24. München 1993, S.2
25 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25.Oktober 2008

 

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In den 60er Jahren beginnt Hanson mit der Herstellung von maßstabgetreuen Figuren. Für deren Anfertigung entwickelt Hanson eine besonders ausgefeilte Technik um seine Skulpturen möglichst realistisch wirken zu lassen.
Die einzigartige Wirkung erzielte er durch ein strenges Kompositionskonzept wobei an erster Stelle die Auswahl eines Modells steht. Die natürliche Haltung spielt hierbei vor allem eine bedeutende Rolle, denn seine visuelle Übereinstimmung mit der Realität wirkt zweifellos am überzeugendsten.26
Seine weitere Vorgehensweise, der eigentliche Herstellungsprozess, besteht aus zahlreichen Teilen, die mit größter Sorgfalt ausgeführt werden mussten, um die gewünschte Authentizität zu erzielen. Zunächst begann er damit, das sorgfältig ausgewählte Modell mit Mineralöl einzureiben, um eventuelles Festkleben von Körperhaaren zu vermeiden. Anschließend wurde flüssiger Silikongummi in einzelnen Arbeitsabschnitten auf den Körper des Modells aufgetragen, dabei blieben Mund und Augen ausgespart, sodass das Modell atmen und sehen konnte. Daraufhin wurde der Silikongummi mit Streifen aus Fiberglas und Gips verstärkt, um die Stabilität der Gussform zu gewähren. Danach begann die Herstellung der eigentlichen Skulptur. Hanson goss erhitztes Polyvinylacetat Schicht für Schicht in die einzelnen, hergestellten Gussformen. Anschließend wurde die äußere Form in kleine Stücke zerschnitten und vorsichtig vom getrockneten Polyvinylacetat abgelöst. In weiterer Folge verwendete Hanson Sandpapier um die Gussstücke zu glätten und zu säubern. Diese baute er
nun bei den Füßen beginnend vorsichtig zusammen. Zuletzt wurde die Oberfläche mit Schellack versiegelt. 27
Ein weiterer wichtiger Arbeitsabschnitt war die Bemalung der Skulpturen, um sie möglichst lebensecht und überzeugend wirken zu lassen. Dafür verwendete er Acryl und Öl-Farben, die er durch Sprühen, Pinseln oder durch den Gebrauch eines Lappen oder gar mit seinen eigenen Fingern auftrug. Hanson widmete sich jedem noch so kleinen Detail, das in irgendeiner Weise wichtig für den Gesamteindruck war. Sei es ein faltiges Gesicht, schmutzige Hände, Dreck unter den Fingernägel, blaue Flecken, dunkle Augenpartien, Narben oder gar Sommersprossen, Hanson entging nichts. Er ersetzte sogar die zuerst verwendeten, vorgefertigten Perücken, indem er einzelne künstliche oder menschliche Haarsträhnen mit einer Nähnadel in die Oberfläche einnähte.28
Auffallend an Hansons Figuren ist jedoch, dass der Mund stets geschlossen ist und niemals ein Lächeln zeigt. Dies tat Hanson jedoch aus Überzeugung, da er der Meinung war, das die von ihm dargestellten Menschen in ihrem trostlosen Leben nicht lächeln, geschweige denn etwas zu Lachen hätten.
Weiters ist der starre, oftmals auch demütige Blick stets zu Boden gerichtet, um einerseits Demut und Lebensmüdigkeit, die jene Figuren nach unten zieht, zu demonstrieren, andererseits aber auch,

 


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26 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25. Oktober 2008
27 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 25. Oktober 2008
28 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 25. Oktober 2008

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um jeden Augenkontakt mit dem Besucher, der die Skulptur sicherlich sehr rasch als unbeseelt entlarven würde, zu vermeiden. Erst die Kleidung sowie weitere Elemente, welche die Skulpturen umgeben, vervollständigen das wirkungsvolle Bild und verstärken den Effekt der Authentizität.
Hanson erhielt die oft schon getragenen, schmutzigen, zerrissenen Kleidungsstücke entweder von seinem Modell selbst, oder erwarb sie in Secondhand Shops. Aber auch da überließ Hanson nichts dem Zufall, folglich wurde alles genau aufeinander abgestimmt: Die typische Zigaretten Marke, das richtige Bier, sowie der abgetragene Schmuck kombiniert mit der richtigen Brille. Alles um nicht nur den Charakter des Authentischen zu verstärken, sondern um auch einen Wiedererkennungswert zu garantieren, um den Eindruck des Allgemeinen zu verstärken, um dem Betrachter das Gefühl zu geben, dieser Person schon einmal über den Weg gelaufen zu sein.
Der Mensch, das Thema Gesellschaft und die bis ins Detail perfektionierte Technik stehen im Mittelpunkt von Hansons Werken. Er thematisiert menschliche Schwächen, Sorgen, Alltagsprobleme, sowie die Einsamkeit, die Resignation, Leere, Alter, Anonymität in der Großstadt, damit trifft er auch gleichzeitig eine Aussage über die Geschichte, seine eigene Zeit und Lebenserfahrung.

Duane Hanson nimmt stets zu aktuellen Themen Bezug und verkörpert seine politisch- sowie sozialkritische Meinung in seinen Werken. Ein weiterer Aspekt seiner Arbeit ist natürlich die schwankende Wirkung zwischen Faszination und Befremdlichkeit mit der Duane Hanson die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Skulpturen lenken will. Die Reaktionen können dabei völlig unterschiedlich sein: man fühlt sich unbehaglich, man ist erschrocken aber viele werden gerade durch diese scheinbar erstarrten Menschen angezogen.
Somit erstellt Hanson eine Kommunikation zwischen Betrachter und Kunstwerk her. Der Betrachter beginnt nun über die Geschichte dieses künstlichen Menschen nachzudenken, möchte jene berühren. In Erwartung auf ein kleines Zucken, das Zeichen von Lebendigkeit, stehen viele nun gefesselt vor der Skulptur und warten um sicher zu gehen, dass sich nicht doch ein Zeichen der Atmung auftut. Die vielen kleinen, mit Überdeutlichkeit dargestellten Details vermitteln etwas Persönliches und lassen die Skulpturen eine Geschichte erzählen, wortlos. Durch die physische Haltung, ihre Bekleidung und Gestik gewährt Hanson einen Blick in die Psyche.29

„Kunst ist für mich Leben und Leben ist realistisch.“
30

Dies sagte Duane Hanson selbst über seine Werke und meiner Meinung nach ist dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Er war ein großartiger Künstler, der stets darum bemüht war einen Ausschnitt der Wirklichkeit ins Museum zu bringen und die Betrachter damit zu konfrontieren. Kunst war das Medium seiner Botschaft, mit ihr versuchte er Menschen wachzurütteln und zum Nachdenken.

 

 

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29 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25.Oktober 2008
30 Duane Hanson in: Buchsteiner Thomas: Kunst ist Leben und Leben ist realistisch. In.: Buchsteiner, Thomas; Letze, Otto (Hrsg.): Duane Hanson more than reality. Ostfildern-Ruit 2001, S. 68

 

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darüber, was außerhalb ihrer vier Wände passiert, anzuregen. Er entwickelte oft sehr brutale Skulpturen, die jedoch nur die Realität widerspiegelten. Ein Beispiel dafür ist die Skulptur „Abortion“ (Abb. 1).31

Diese Skulptur entstand 1965 und brachte für Hanson gleichzeitig den lang ersehnten künstlerischen Durchbruch mit sich. Er fertigte diese Skulptur anlässlich der Debatte um die Abtreibungsfrage in Florida.

In dieser Zeit gingen viele junge Mädchen und Frauen in ihrer Verzweiflung zu kubanischen, illegalen Ärzten um abzutreiben. Da diese Ärzte teilweise nicht ausgebildet waren, bezahlten viele mit ihrem Leben oder wurden schwer verletzt. Hanson war eindeutig für eine Legalisierung der Abtreibung und wollte mit jenen Skulpturen einen Appell an die Gesellschaft richten, darüber nachzudenken, wieso man diese Mädchen dazu zwingt, sich dem Risiko einer illegalen Abtreibung auszusetzen. Hansons Arbeiten löste aber auch Debatten und Grundsatzdiskussionen darüber, was Kunst sei und wie weit Künstler gehen dürfen, aus. Doch die Faszination an dieser Wirklichkeit und
Wahrheit, die er in seinen Figuren verkörperte, stellte alle Kritik, die seine Werke als simpel bezeichneten, meiner Meinung nach in den Schatten.32 Viele Künstler nahmen sich Hanson’s Grundsatz „Kunst ist Leben und Leben ist realistisch33 zu Herzen, eine ganz neue Stilrichtung, der Fotorealismus, entstand.

1.5 Vertreter des Fotorealismus:

„Realismus ist kein Stil, sondern eine Art des Zugangs und ein Ziel“34

Unter diesem oder ähnlichen Grundsätzen schufen viele Künstler als Vertreter des Fotorealismus zahlreiche Werke. Wichtige Vertreter der Stilrichtung waren: Don Eddy, Ralph Goings, Richard Estes, Chuck Close, Audrey Flack, Robert Brechtle, Richard McLean, Franz Gertsch, Gerhard Richter und viele mehr. (Im Anhang zur FBA erfolgt eine genauere Auseinandersetzung mit den Künstlern Richard Estes und Chuck Close)

 

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31 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25. Oktober 2008
32 Vgl.: Buchsteiner, Thomas: Kunst ist Leben und Leben ist realistisch. In: Buchsteiner, Thomas; Letze, Otto (Hrsg.):
Duane Hanson more than reality. Ostfildern- Ruit 2001, S.72f!
33 Duane Hanson in: Ebd., S. 68
34 Berger, John in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 9

 

 

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2. Gottfried Helnwein:

2.1 Darf Kunst alles???


Lieber Herr Dr. Gross

Als ich mir "Holocaust" (Die amerikanische Fernsehserie) angeschaut habe, ist mir Ihre Stellungnahme im "Kurier" wieder eingefallen.
Und da wir gerade das Jahr des Kindes haben, will ich die Gelegenheit ergreifen und Ihnen im Namen der Kinder, denen unter Ihrer Obhut in den Himmel geholfen wurde, herzlich danken. Danken dafür, dass Sie nicht "totgespritzt" wurden, wie Sie sich ausdrücken, sondern dass
ihnen das Gift lediglich ins Essen gemischt wurde.
Mit deutschem Gruss [sic!]
Ihr Gottfried Helnwein
35

Helnwein: „Der Künstler als Provokateur“36 lautet die Überschrift des von Peter Selz verfassten Essays zum Ausstellungskatalog der großen Retrospektive Helnwein, im Russischen Museum in St. Petersburg. Dieser Begriff ist es auch, der den österreichischen Künstler weltweit berühmt macht.
Im Jahre 1979 malt Gottfried Helnwein das oben abgebildete Aquarell Lebensunwertes Leben (Abb. 2) und veröffentlicht es mit dem beigelegten Brief in der Zeitschrift Profil. Jenes Bild entstand nach einem Kurier-Interview mit Dr. Gross, der über das Nazi- Euthanasie- Programm im Dritten Reich befragt wurde. Während dieser Zeit hatte Gross sowie andere Ärzte Kinder, die als„lebensunwert“ eingestuft worden waren, umgebracht. Gross jedoch versuchte diese Morde zu beschönigen, indem er angab, lediglich das Essen dieser Kinder vergiftet zu haben, so dass sie einfach schmerzlos einschliefen.37
Derselbe Mann, Dr. Heinrich Gross, wurde zum Leiter der Staatlichen Österreichischen Psychiatrie ernannt und es gab keinerlei Proteste von Seiten der Politik. Helnwein jedoch, so Selz in seinem Essay, war „über diese grundlegende politische Apathie38 entsetzt und malte daraufhin das Aquarell und veröffentlichte es mit dem sarkastisch beigefügten Brief in der Wiener Zeitschrift. Die folgenden Diskussionen, nach der Veröffentlichung der Zeitschrift, bewirkten höchstwahrscheinlich Gross' Amtsniederlegung.39 Nach diesem Vorfall wurde Gottfried Helnwein bewusst,

 

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35 Gottfried Helnwein in: Wien Profil 1979. In: www.helnwein.de/news/update/artikel_768.html, zugegriffen am 10. Februar 2009
36 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 11- 110
37 Vgl.: Ebd., S.11f
38 Peter Selz in: Ebd., S.12
39 Vgl.: Ebd., S.12

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dass Kunst in das Leben anderer Menschen eingreifen und Veränderungen bewirken kann. Helnweins Arbeiten ähnelten zu diesem Zeitpunkt den zeitgenössischen amerikanischen Fotorealisten wie Richard Estes oder Chuck Close, sein Bemühen galt stets einer präzisen, bis ins kleinste Detail ausgeführten Wiedergabe der Realität. Dennoch distanzieren die bedeutungsvollen Inhalte seiner
Arbeiten den jungen Künstler von den traditionellen Fotorealisten, denn für Helnwein soll die Kunst, ebenso wie die Philosophie, moralische Debatten auslösen.
Peter Sager bringt es in seinem Artikel auf den Punkt: „Helnweins Bilder treffen uns an der empfindlichsten Stelle, direkt unter dem Gürtel der Logik40 und das ist auch das Anliegen des Künstlers: „Ich möchte das Unterbewußtsein [sic!] dort anbohren, wo man sonst nicht hinkommt.41 Für Helnwein ist daher der Bildinhalt wichtiger als die angewandte Technik, in Gegensatz zu Malcom Morley, der als erster Fotorealist gilt und feststellt: „Mich interessiert weder der Inhalt noch die Satire oder der gesellschaftliche Kommentar oder irgendetwas, das mit dem Inhalt zusammenhängt…Ich akzeptiere den Inhalt als Nebenprodukt der Oberfläche."42 Helnwein hingegen ist ein Meister des Widerspruches, seine Werke zeichnen sich im Wesentlichen durch die Doppeldeutigkeit aus und heben sich damit von anderen Künstlern ab. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht als Hauptmotiv, das Kind. Unschuldige, wehrlose oft missbrauchte Kinder, die bandagiert oder mit
chirurgischen Instrumenten entstellt sind und von den Erwachsenen zu Opfern gemacht worden sind.
Beim Betrachten dieser Bilder stellt sich wahrscheinlich so mancher die Frage, was einen Künstler dazu bewegt solche Bilder zu kreieren. Heiner Müller schreibt über Helnwein:

Wie hält ein freundlicher Mensch wie Helnwein es aus, seine exzellente Malerei zum Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts zu machen? Oder hält er es einfach nicht aus, das nicht zu tun?43

Die Ursachen dafür gehen viele Jahre zurück, die Wurzeln liegen wahrscheinlich in der Kindheit und Erziehung des jungen Helnwein, da er in einem Wien der Nachkriegszeit aufwuchs. Keiner sprach über die Grausamkeiten und die Brutalität der Nazizeit. Es schien, dieser Meinung vertritt zumindest Peter Selz, als würde jegliche Erinnerung unterdrückt werden und die bedingungslose Kollaboration geleugnet werden. Das Land Österreich sah sich vielmehr selbst als Opfer des Faschismus. Für den jungen Gottfried Helnwein war es schwer, dieses Schweigen der Bevölkerung zu ertragen, da er ein rebellisches Kind mit vielen sozialen und politischen Fragen, auf die er jedoch keine Antworten erhielt, war. Gottfried hegte großes Interesse für die jüngste Vergangenheit der Nation, wurde aber nur durch die Apathie und das Schweigen der Menschen enttäuscht.

 

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40 Sager, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin, 1982, S.36
41 Gottfried Helnwein in: Sager, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin, 1982, S.36
42 Kultermann, Udo: New Realism. Greenich, 1972, S.14
43 Müller, Heiner: Klappentext des Ausstellungskatalogs. In:Lentos Kunstmuseum Linz, Direktorin Stella Rolling (Hrsg.): Face it. Wien, 2006

 

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Ich hatte das Gefühl, das höchste Ziel der Menschen um mich herum war, übersehen zu werden. Das einzige, was sie zu fürchten schienen, war, aufzufallen, entdeckt zu werden. Es war eine Welt, wie nach einem schlampigen Weltuntergang, wo eben doch ein paar überlebt hatten, die nun vorsichtig und geduckt in den Trümmern weiter dahinvegetierten, in der Hoffnung, der ewige Richter möge sie übersehen.44

So entwickelten sich zwei Erfahrungen zur bleibenden Erinnerung die der Schlüssel zu seinen späteren Werken sind: Zum einen war es die streng katholische Erziehung die er als Kind erhielt und zum anderen, so beschreibt es Selz, „ein auf Unterdrückung und Bestrafung basierendes konfessionelles Schulsystem, mit seinem Dogma der Schuld und dem Aufruf zur Bescheidenheit“45, die Helnwein in seinen jungen Jahren stark beeinflussten.
Bilder und Statuen der Geißelung Christi, der Kreuzigung sowie Heiligenbilder waren in Gottfrieds Umgebung allgegenwärtig. Krasser Gegenspieler zu der Flut an Todeskampfdarstellungen und zur Heiligenverehrung war Entenhausen und die Bilderwelt des Walt Disney. Die Comic Hefte wurden von Schulautoritäten als „jugendgefährlich“ eingestuft, dennoch, oder genau deshalb, waren sie ein
Lichtblick in Helnweins Leben.46
Im Jahre 1984 besuchte Helnwein sogar Carl Barks, Vater von Entenhausen, in Kalifornien und einige Jahre später schrieb Gottfried eine Homage an Barks in Form eines Buches, das er mit Wer ist Carl Barks? betitelte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Zitat Helnweins:

„Von Donald Duck habe ich mehr gelernt als auf allen Schulen, auf denen ich war.“47

In derselben Zeit begannen in der Kunstwelt Unruhen mit hitzigen Debatten über „hohe“ und„leichte“ Kunst. Helnwein verteidigt die als „leicht“ bezeichneten, populären Kunstformen wie Jazz, Filme, Rock’n’Roll, etc…indem er das Argument, sie würden die wahre und ästhetische Erfahrung verderben, zurückweist. Die gewünschte Spaltung in Hoch und Trivialkunst sei elitär und absolut künstlich. Walt Disney ebenso wie Picasso hätte die klassischen Schönheitsideale gebrochen und somit eine neue visuelle Kunst von wahrhaftiger emotionaler Bedeutung geschaffen.48
Im Laufe seiner Karriere beschäftigt sich der Künstler fortdauernd mit Mickey Mouse und der Ente Donald Duck, die immer wieder Motive seiner Bilder werden. Die Bewunderung der Vitalität und der facettenreichen Ausdrucksformen der animierten Figuren motivieren ihn stets von neuem. Über die sonderbare asexuelle Anmutung der Disney- Familie, so Peter Selz, sowie über das kapitalistische Unternehmertum der Enten- Familie scheint sich Helnwein nicht zu wundern.49

 

 

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44 Helnwein, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle. In: www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html, zugegriffen am 30.Dezember 2008
45 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S.13
46 Vgl.: Ebd., S.13
47 Helnwein, Gottfried: Wer ist Carl Barks. Radolfzell, 1993, S.14
48 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 14
49 Vgl.: Ebd., S. 14

 

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Doch die intensive Beschäftigung mit Populär-Kunst, vor allem zu Beginn der Karriere junger Künstler, scheint eine häufige Tätigkeit gewesen zu sein. So gehörten Toulouse – Loutrec sowie Pierre Bonnard zu den besten Gestaltern von Jugendstil-Reiseplakaten. Picasso und Matisse entwarfen ebenfalls französische Reiseplakate bis hin zu Andy Warhol, der Werbung für Schuhe entwarf. Die Liste lässt sich noch endlos weiterführen und so lässt sich Helnwein, laut Selz, klar in die Tradition der modernen Malerei einordnen.
Gottfried Helnwein schöpft alle technischen Möglichkeiten aus, um sein Anliegen zu verwirklichen und Kunst einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Künstler arbeitet dabei mit Plakaten, Zeitschriften- Covers, Offset Lithographien, Aktionen und großen Wänden auf öffentlichen Plätzen, wie beispielsweise in Wien, wo zuletzt eines seiner Gemälde als Mahnmal für den Klimaschutz aufgehängt wurde.
Durch die sorgfältig ausgewählte Kleidung und sein kalkuliertes Auftreten scheint es, als würde er sogar seine eigene Person zu einem populären Idol machen.50

Kunst muß [sic!] Kommunikation sein zwischen Künstler und Publikum. Und wenn das stattfindet, dann verkriechen sich die Mafia der Kunstszene, die meint, den Leuten sagen zu können, was Kunst ist und was nicht. Sie haben Angst, weil sie als ‚Experten‘, als Dolmetscher überflüssig geworden sind.“51

Die üble Nachrede der Presse, dass Helnwein ein „illustrer illustrierender Scharlatan “ sei, ein „Blut- und Narben-Maler“ und der „Gruselspezialist“ schlecht hin, soll einen also nicht länger wundern. Eins steht fest: Helnwein ist und bleibt ein makelloser Provokateur.

2.2 Biographie:

2.2.1 Zwischen Himmel und Hölle

Kindheit und Jugend:
Gottfried Helnwein wurde am 08. Oktober 1948 in Wien Favoriten geboren. Er war eines von vier Kindern und wuchs im Wien der Nachkriegszeit auf. Das Wohnhaus stand in einem traditionellen Arbeitsbezirk, damals ein Teil der sowjetischen Besatzungszone. Helnweins Kindheit fand, so sagt der Künstler selbst, in zwei Welten statt, Himmel und Hölle.52

Ich bin in zwei völlig gegensätzlichen Welten aufgewachsen: einmal im Wien der Nachkriegszeit […] Den anderen Teil meiner Kindheit erlebte ich im Himmel, der sich damals in Niederösterreich befand, nämlich auf dem Bauernhof meiner Grosseltern[sic!] in Kautendorf.53

 

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50 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 15
51 Laupitz, John: Mit Blut im Pinsel malt er was dem Publikum gefällt. Umstrittene Helnwein- Bilder bei „art & book“, In: Hamburgerabendblatt Nr.11/2 W./36, 1983
52 Vgl.: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, am 30. Dezember 2008
53 Helnwein, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle. In: www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html, zugegriffen am 30. Dezember 2008

 

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Der Grund für die „Hölle“ in Wien war die strenge katholische Erziehung der Eltern, Katholizismus schien das Wichtigste überhaupt in der Familie zu sein. Helnweins Eltern besorgten sich sogar eine Sondergenehmigung beim damaligen Erzbischof, damit ihr Sprössling schon früher, mit fünf statt sieben Jahren, zur Frühkommunion und Beichte gehen durfte54, „um mein kleines Herz von der Sünde und Unkeuschheit zu befreien.55 Helnwein und seine Schwestern bekamen sogar extra Unterricht von einer Seelsorgerin. Das ganze Leben beschreibt er als kirchlich bestimmt, es war Katholizismus pur, der jedoch noch keine lange Tradition in der Familie hatte, sondern durch eine Protesthaltung Helnweins Mutter gegenüber ihren Eltern entstand. Helnweins Mutter, die er als sehr gelassen und nicht wirklich in seine Angelegenheiten involviert beschreibt, war in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen. Die Großmutter, eine kämpferische Sozialdemokratin,
die schon sehr früh aus der Kirche ausgetreten war. Jene Frau hat den jungen Helnwein sehr beeindruckt und war für ihn die dominierendste Figur in seiner Familie. Er beschreibt sie als einzige Figur, neben Donald Duck, die nicht „gebeugt“ war. Der junge Gottfried fand das Leben der Großmutter, sowie das der Großeltern väterlicherseits, die einen großen Bauernhof in ihrem Besitz hatten, immer viel interessanter als das seiner Eltern.56 Die Schulzeit „war von A bis Z eine verlorene, grauenhafte Zeit.57 Im Rückblick betrachtet war die Ausbildung an katholischen Instituten eine einzige Katastrophe. Helnweins Ziel war es, so schreibt Selz, das repressive System des Katholizismus, das auf hasserfüllter Intoleranz basiere, zu unterminieren und zu zerstören. In dieser Zeit entwickelte sich auch Helnweins Standpunkt, dass der Katholizismus die Hauptquelle des Faschismus sei.58
Doch es gab einen Lichtblick, einen Zufluchtsort, zu dem er aus der Welt der Unterdrückung in eine positive, für ihn wirkliche Welt flüchten konnte, nach Entenhausen zu Donald Duck, das war seine Religion. Diese Welt war ein krasser Gegensatz zu der Welt in der er lebte, die er wie folgt beschreibt:

In meiner Erinnerung ist alles rostig und staubig. Die Straßen waren wie ausgestorben, nichts bewegte sich, niemand sprach. Die wenigen Menschen, die ich sah, waren gedrungen, unförmig, gebeugt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals irgendjemanden singen gehört zu haben.
Eine Welt, die stillstand, ohne Geräusch, ohne Farbe, ohne Bewegung, nur manchmal durchbrochen von einem klobigen Lastwagen, der, voll beladen mit russischen Soldaten, mit Karacho durch die Straßen fuhr. Dann war es wieder still.
59

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54 Vgl.: Helnwein, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle. In: www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html, zugegriffen am 30. Dezember 2008
55 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
56 Vgl.: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen am 31. Dezember 2008
57 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
58 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S.17
59 Gottfried Helnwein in: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen am 31. Dezember 2008

 

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Entenhausen jedoch war die Welt, in der sich wirklich zu Hause und verstanden fühlte. Dieses Erlebnis kann also auch keiner besser beschreiben als er selbst:

Als ich das erste Heft öffnete, fühlte ich mich wie einer, der bei einem Grubenunglück verschüttet worden war und nun nach den Tagen der Finsternis wieder ans Tageslicht trat. Ich blinzelte, weil sich meine Augen noch nicht an das gleißende Licht von Entenhausen gewöhnt
hatten, und sog gierig die frische Brise, die vom Geldspeicher Dagobert Ducks herüberwehte, in meine staubigen Lungen. Ich war wieder daheim in einer vernünftigen Welt […]Und hier traf ich auch jenen Mann, der mein Leben verändern sollte, von dem der österreichische Poet
H. C. Artmann sagt, er sei der einzige Mensch, der uns heute noch etwas zu sagen habe: Donald Duck.
60

Helnwein empfand, dass nach all den Jahren der Entbehrung von jeglicher Kunst und Ästhetik, in seinen Augen, ihn nun eine neue große Kultur umarmte. Diese Kultur, die Welt des Walt Disneys, habe auch seine Augen für die Augen seiner Mitmenschen geschärft. Der Künstler eignete sich in jenen Jahren eine Menschenkenntnis an, die ihn seither nie mehr betrogen habe.61 Dennoch war ihm durchaus bewusst, dass vielleicht nicht jeder diese ungebrochene Begeisterung für Entenhausen mit ihm teile:

Ich traf immer wieder Leute, in deren Kindheit der Barks'sche Donald Duck wie ein Meteor aus einem anderen Universum eingeschlagen ist - das war für mich ebenso. Aber jemand, der das nicht so intensiv erlebt hat, kann das vielleicht kaum nachvollziehen.62

Die Begeisterung für Entenhausen hielt fortlaufend an und spielt auch in seinen späteren Werken eine tragende Rolle. Die Schulzeit blieb weiterhin ein Kampf. Die Zeit im Gymnasium gipfelte in einer reinen Katastrophe:

Ich saß da wie jemand vom anderen Stern und habe nichts verstanden, wirklich gar nichts ... Ich verstand die Logik des Systems nicht: Prüfungen, in denen man zu bestimmten Tagen mit einem Griff irgendwelche Fragen beantworten mußte [sic!], die mit nichts in meinem Leben in Zusammenhang standen - dieses Speichern von willkürlichen Daten und dieses Bemühen, irgendwelche Sachen auswendig herunterzusagen... Was mich am meisten verblüfft hat, war, daß [sic!] alle Schüler mitgemacht haben - für die schien es etwas Natürliches zu sein.63

Helnwein war in dieser Zeit noch weit vom Protest entfernt, bestand aber einfach keine Prüfungen. Dies war jedoch mit Sicherheit kein Mangel an Intelligenz, sondern ein Mangel an Verständnis, sinnlose Sachen auswendig zu lernen. Nicht einmal der Kunstunterricht konnte in dieser Zeit Abhilfe leisten, denn er war ebenso einschläfernd wie der Rest. Sein einziges Sehnen und Streben galt allein dem Malen. Aber nicht das, was die Professoren von ihm verlangten, sondern Comics.

 

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60 Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen am 31. Dezember 2008
61 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
62 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
63 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008

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2.2.2 Enfant terrible

Studium:
Helnwein verließ in Jahr 1965 die Schule und wechselte auf die Höhere Graphische Bundes- Lehr-und Versuchsanstalt Wien. Die Ausbildung erwies sich jedoch, entgegen seinen Erwartungen, als traditionell und konformistisch. Helnwein hatte nun den nötigen Mut zusammen gefasst und er verlieh seiner Auflehnung gegen die Einschränkung, die auch hier stattfand, in Form eines Hitler-gemäldes Ausdruck. Mit einer Rasierklinge verletzte sich der Künstler selbst und malte mit seinem eigenen Blut ein Bild von Hitler.64

Es war ein Protest gegen all diese Normen, Regeln und diesen Schwachsinn um mich herum. Ich fand die Schule ekelerregend, von Anfang an. Unerträglich. Ich war aber weit davon entfernt, offen zu rebellieren, denn ich merkte: Die sind in jeder Hinsicht einfach stärker und mir überlegen; aber es wurde für mich eine lebenswichtige Idee, sich nie von denen brechen zu lassen. Das heißt: Meine ganze Haltung bestand nur aus Haß [sic!] allen Autoritäten gegenüber, und ich war total subversiv. Meine Idee war, zu sabotieren, kaputtzumachen, zu zerstören.65

Die Schulverwaltung, wie zu erwarten, war entsetzt und infolge dessen wurde Helnwein wenig später der Schule verwiesen. Für den Künstler jedoch war dies ein prägendes Ereignis und er begriff zum ersten Mal die Wirkungskraft eines Bildes sowie die Emotionen und Reaktionen die man damit erzeugen kann. Dies ist auch das Ziel seiner späteren Werke, etwas im Betrachter bewegen und ihn aktiv an der Kunst teilhaben lassen. Die rebellische Haltung blieb dem jungen Helnwein, er lehnte schon im frühen Alter die künstlerische Tradition der bürgerlichen Gesellschaft ab, glaubte an die primitive Kraft der Trivialkunst und sah jene als kontra- ästhetisches Konzept.
Dennoch fasste er den Entschluss an der Wiener Akademie der Bildenden Künste zu studieren, dort glaubte er unabhängig und frei arbeiten zu können. Er hatte von Rudolf Hausner, dem ältesten Mitglied des Phantastischen Realismus, die Hauptströmung der Nachkriegszeit- Kunst in Wien, gehört und wollte einer seiner Schüler werden, um seine eigene Kunst zu entfalten.66
Um die Zulassung zu erreichen, reichte Gottfried Helnwein 1969 das Gemälde Ostwetter ein.
Dieses Bild lehnte sich an die blutigen Märtyrerszenen, die dem Künstler aus seiner Kindheit noch in Erinnerung geblieben waren, an. Rudolf Hausner lobte die Arbeit sehr und Helnwein wurde daraufhin sofort in seine Klasse aufgenommen.
Hausner war damals der einzige Professor an der Akademie, der kein abstrakter Maler war und der seinen Schülern absolute Freiheit ließ. In seinem Buch Ich Adam meint er:

„Nichts verfälscht den Vorgang ärger als der Versuch, in die Anliegen des Schülers die des Lehrers zu projizieren. Da ich mich durch meine Arbeit in einer Art permanenter Selbstanalyse

 

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64 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S.17
65 Gottfried Helnwein in: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen am 31.Dezember 2008
66 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S.17

 

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befinde, neige ich dazu, mich mit dem Schüler zu verwechseln. Daher rede ich mit ihm nie über meine Arbeit. Das Arbeitsverhältnis ist ausschließlich durch die speziellen Konditionen des Schülers bestimmt – ich arbeite mit ihm an nichts anderem als an seiner Entwicklung zu sich selbst.
67

Nun konnte Helnwein zum ersten Mal tun und lassen was er wollte. Das Gefühl und die Auflehnung gegen Autoritätspersonen wurde er aber nicht los. Denn auch an der Akademie herrschte eine stark autoritäre Atmosphäre, die durch die hierarchische Organisation der Kunstuniversität erzeugt wurde. Zu dieser Zeit, diese Meinung vertritt zumindest Peter Selz, müsse Helnwein schon auf die Studenten-proteste, die überall auf der Welt erfolgten, sowie auf die skurrilen Taten der Wiener Aktionisten , aufmerksam geworden sein.
Vom Zeitgeist aufgerüttelt suchten nun auch Helnwein und einige Freunde nach Selbstbestätigung und organisierten eine sorgfältig geplante „Anarchistenaktion“. Der Aufstand war gegen das antiquierte Aufnahmeverfahren der Akademie gerichtet, die jungen Studenten setzten Feuerlöscher, Stinkbomben und dicke Rauchschwaden ein, um ihre Missbilligung gegenüber dem System Ausdruck zu verleihen.
Dabei verbrannten Türen, Fenster wurden eingeworfen aber verletzt wurde dabei niemand. Die daraus resultierende Panik brachte jedoch den Studentenprotest an die Öffentlichkeit, so Selz. 68
Als Ausdruck seines anhaltenden Protests gegen das Establishment, malt Helnwein weitere Hitler Porträts und zeigt sie gemeinsam mit anderen frühen Aquarellen bei Studentenausstellungen. Seine Absicht war Österreich an seine jüngste Vergangenheit zu erinnern und das komplizenhafte Schweigen über die Nazizeit zu brechen. Dabei erntete er einen großen Erfolg und Bewunderung bei seinem Publikum. Im Jahr 1973 schloss Helnwein sein Studium an der Akademie ab und wurde zuvor, im Jahr 1970, mit dem Meisterschulpreis ausgezeichnet.69

2.2.3 Die Wiener Haberer

Helnwein zeigte nie besonderes Interesse für die Kunstszene und ihre Geschichte, in seiner Kindheit und Jugend hatte er nie ein Kunstbuch oder eine Kunstzeitschrift gelesen, ganz zu Schweigen davon ein Museum oder eine Ausstellung besucht. Er nahm auch keine Notiz von den aktuellen Ereignissen die in der unmittelbaren Umgebung stattfanden, da er sich aus seiner rebellischen Haltung gegenüber der traditionellen Kunst, so Selz, von der Kunstwelt isoliert habe.70
Eine der Hauptströmungen der Nachkriegszeitkunst in Wien war der Phantastische Realismus. Rudolf Hausner war das älteste Mitglied dieser Schule, die er gemeinsam mit Arik Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden aufbaute. Die Künstler fanden die Substanz ihrer Kunst in Träumen, der Vorstellungskraft und der Phantasie. Die meisten dieser Künstler waren

 

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67 Hausner, Rudolf: Ich Adam. München, 1987, S.113
68 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 22
69 Vgl.: Ebd., S. 22 und S. 414
70 Vlg.: Ebd., S. 20

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Studenten von Albert Paris Gütersloh an der Wiener Akademie und widmeten sich dem Werk von Albrecht Altdorvers und anderen Renaissancemeistern. Die Künstler bewunderten persische Miniaturen und verspürten einen starken Einfluss der Surreallisten. Eine noch größere Affinität jedoch hegten sie zu den Malern des Symbolismus der Jahrhundertwende und entdeckten damit ihre eigene persönliche Symbolsprache. Anfang der 60er –Jahre erlangte die Künstlergruppe auch internationale Anerkennung.71
Zu dieser Zeit wurden aber vor allem die Repräsentanten des Tachismus, die dominierende Strömung an der Akademie, unterstützt. Einer dieser geförderten Studenten war der junge, von Helnwein hochgeschätzte Arnulf Rainer, dessen Einfluss auf Helnweins Werke auch sichtbar ist. Rainer unterhielt zur selben Zeit eine Verbindung zu jener Gruppe, die als Wiener Aktionisten bekannt wurde. Eine Kunstrichtung, die mit Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler entstand. Die jungen Künstler empfanden die Werke des Tachismus oder des Action painting als Aufforderung zu Live- Aktionen. Diese Überzeugung teilten sie mit anderen
Künstlern auf der ganzen Welt, mit Mathieu und Klein in Europa, Gutani in Japan und in den USA die Happening und Performance Künstler.72
Kristine Stiles hat in der Meinung des Autors Peter Selz die auf Konfrontation gerichteten und kathartischen Aspekte dieser Arbeiten, treffend beschrieben: „Eine systematisch verletzende repressive Sexualmoral, scheinheilig religiöse Werte, die offene Zerstörung des Krieges und die verdeckten physische und psychische Gewalt in der Familie, sie alle provozierten auf Auseinendersetzung gerichtete oft sadomasochistische und frauenfeindliche Aktionen, die Schmerz als einen kathartischen Beitrag zur Heilung zu visualisieren versuchen. Skandalös in Form und Inhalt, zog ihre Kunst immer wieder Verhaftungen, Geldbußen und Gefängnisstrafen nach sich.“73
Meiner Meinung nach ist diese Beschreibung auch sehr zutreffend und passend für die Ereignisse, die sich zu dieser Zeit zugetragen haben. Eine interessante Tatsache ist, dass Rudolf Schwarzkogler, eines der ersten Mitglieder, ebenfalls bandagierte Gestalten in seinen Kastrations- und Heilungsaktionen, so nennt sie Selz, einsetzt.74
Anfang der 70er beginnt nun auch Helnwein mit seinen ersten Aktionen die in den Bereich Kunsttheater einzuordnen sind. Aktionskunst gehört auch zur modernistischen Tradition, die unter dem Leitspruch: Kunst als Ausdruck des Missbilligung des Systems fungiert. Jenes Kunsttheater geht auf futuristische Szenographie, Dadaisten- Veranstaltungen zurück und weist Ähnlichkeiten mit den Performances aus den 60er Jahren auf. Dennoch ist Helnweins Aktionskunst und Werk anders als jene der Wiener Aktionisten. Im Großteil seiner Werke standen Kinder, bandagiert, verletzt und durchbohrt von chirurgischen Instrumenten, im Mittelpunkt. Helnwein jedoch benützt den Kinder-

 

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71 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.18
72 Vgl.:Ebd., S.18f
73 Kristine Stiles in: Ebd., S.19
74 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.19

 

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körper nicht, der Meinung ist Selz, als ästhetisches oder anti-ästhestisches Objekt oder als Bestandteil physisch-sexueller Zurschaustellung.75 Er wolle vielmehr ein Gefühl der Empörung gegen die verabscheuungswürdige und allgemein tolerierte Behandlung von Kindern als wehrlose Opfer provozieren.76, so Peter Selz.

2.2.4 Zwischen zwei Kontinenten:

Helnwein, der zu den wahrscheinlich bekanntesten aber auch umstrittensten österreichischen Künstlern der letzten Jahre zählt, feierte im Herbst letzten Jahres seinen sechzigsten Geburtstag.

Ich bin immer ein Einzelgänger gewesen. Für mich war es am wichtigsten, unabhängig zu sein. Ich bin ständig unterwegs gewesen und habe mich nie wirklich irgendwo zu Hause gefühlt, habe nie das Gefühl von Heimat gehabt.77

Dies ist möglicherweise die Erklärung für Helnweins häufige Umzüge, mit seiner Geburtsstadt Wien fühlte er sich nie wirklich verbunden, es war sein Ziel die Stadt möglichst bald zu verlassen.

Ich wollte weg von Österreich solange ich denken konnte, aber wenn ich Österreich sage, meine ich Wien, denn das ist das einzige, was ich davon kannte.78

Sein ganzes Leben verspürte er die Sehnsucht nach einer anderen Welt und als er die Welt von Walt Disney entdeckt hatte, schien es, als habe er sie gefunden. Er fühlte also eine starke Verbindung zu Entenhausen, Blues, Rock‘ n‘ Roll und Elvis, aber vor allem eine Sehnsucht zu dem Ursprung, aus dem all die schönen Dinge kamen: Amerika. Der Weg dorthin führte den Künstler jedoch über weite Umwege durch Europa. Der erste Umweg und Zwischenstopp, führte im Jahr 1985 von Wien nach Köln. Die Stadt empfand er damals als die interessanteste in ganz Deutschland. Der Ortswechsel steht mit einem künstlerischen Neubeginn in Zusammenhang, da er sich nun der Arbeit von großformatigen, mehrteiligen Bildern zuwandte und seine ganze Arbeitsweise komplett änderte. Die Zeit in Deutschland beschreibt er selbst als eine gute Schaffensperiode, die er in seinem Atelier umgeben von seiner Familie, seinen Kindern und Freunden verbrachte. Es war stets ein volles Haus, überflutet von spielenden Kindern und Familienmitgliedern.79

„Irgendwann verlor ich den Überblick und genoss das barocke Chaos und das Toben und Kreischen der stetig wachsenden Kinderschar. Ich bin wahrscheinlich im Grunde meines Herzens ein Italienischer Renaissance- Mensch, denn ich kann am besten arbeiten, wenn ich von

 

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75 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 23
76 Selz, Peter. In: Ebd., S.23
77 Helnwein, Gottfried in: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein Über das Leben in Los Angeles. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 06. Jänner 2009
78 Gottfried Helnwein in Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG, SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html, zugegriffen am 09. Jänner 2009
79 Vgl.: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein – Über das Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 06. Jänner 2009

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einer großen [sic!], lauten Familien- und Freundesschar umgeben bin und deren Stimmen und Geräusche in mein Atelier dringen.80

Dennoch wurde das Schloss in der deutschen Provinz allmählich zu eng für die Familie und auch ein wenig zu „deutsch“, wie Helnwein selbst sagt. Eine neue Sehnsucht nach Italien entflammte in seinem Herzen. Daraufhin zog die Familie ein zweites Mal um, in einen der angeblich schönsten Orte der Welt, im Süden Italiens, zwischen Rom und Nepal gelegen. Gottfried Helnwein war sich nicht sicher, jemals wieder einen Ort zu finden, der näher am Paradies liegen würde. Trotzdem war aber dieser Ort nicht der richtige für seine Tätigkeit als Künstler, vielleicht weil er zu perfekt war, zu paradiesisch um sich mit den belastenden Themen seiner Arbeit - Hass, Gewalt und Leid - auseinander setzen zu können. Helnwein erkannte, dass er seine Arbeit hier nicht weiterführen könne, da die Zustände auf ihre Art buchstäblich zu ideal wären. Schweren Herzens verabschiedete er sich von Süditalien und zu diesem Zeitpunkt war ihm schon mehr als klar, dass sein Weg letztendlich nach Amerika führen würde. Da er sich allerdings als zutiefst europäisch empfand bzw. empfindet, war es ihm ein großes Anliegen, unbedingt einen europäischen Stützpunkt zu haben, um mit dem Kontinent in Verbindung zu bleiben.
Nach einem zweiwöchigen Urlaub im grünen Paradies Irland hatten sich er sowie seine Familie in die Insel verliebt. Zum ersten Mal empfand nun auch Helnwein eine Art Heimatgefühl, was ihm völlig absurd erschien, da er ja keinerlei irische Wurzeln hatte. Die völlig intuitive Entscheidung sich in Irland nieder zu lassen, sei dennoch eine der besten die er in seinem Leben getroffen habe. Irland empfand er als den idealen Wohnort. Er bezeichnet es als das freieste Land der westlichen Welt, keiner scheint sich wirklich darum zu kümmern was man macht, es gibt kein Misstrauen und Neid.
Er erkannte, dass Heimat für ihn etwas rein Geistiges ist: Ein Ort an dem bestimmte ästhetische Qualitäten existieren, wo man auf bestimmte kulturelle Traditionen trifft, die einem vertraut sind.81
Als Gegenstück zur grünen Insel brauchte er jedoch eine weitere Inspirationsquelle für seine Arbeit. Die Wahl viel auf: Los Angeles, die Stadt der Engel? Oder doch nicht?
Optisch gesehen fühlte sich Helnwein in der Metropole ein wenig in seine Kindheit, nach Entenhausen versetzt: Die vielen Häuser, die Skyline, die Straßenlaternen, die Parks und die „Cops“ wiesen doch alle eine gewaltige Ähnlichkeit mit Donald Duck auf. In L.A. gibt es, um im Disney-
jargon zu bleiben, natürlich auch Tausende wie Onkel Dagobert, mit einem riesigen Geldspeicher. Traurigerweise muss Helnwein jedoch erkennen, dass die Großstadt auch eine Schattenseite hat, die von Korruption, Kriminalität, Armut, Isolation und Anonymität geprägt ist. Eine Seite die man

 

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80 Helnwein, Gottfried in: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein - Über das Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 06. Jänner.2009
81 Vgl.: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein - Über das Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 06. Jänner 2009

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aus Entenhausen nicht kennt. Aber genau diese ist unheimlich wichtig für Helnweins Arbeit und scheint eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration zu sein:82

„Meine Arbeit wird in erster Linie durch den Verfall der menschlichen Gesellschaft inspiriert die Dekadenz des urbanen Lebens, dem sogenannten Untergang des Abendlandes. Das ist mein Thema.[Hervorhebung durch die Verfasserin] Deswegen ist Los Angeles, für mich auch der ideale Ort für mein Arbeit. Die Stadt ist wie eine offene Wunde. Ich habe den Eindruck, dass man hier den augenblicklichen, tatsächlichen Zustand der westlichen Welt klarer sehen kann, als sonst irgendwo. Aus irgendeinem Grund versucht hier gar niemand dieses Chaos zu regulieren oder irgendetwas an der Situation zu kaschieren.“83

Helnwein war dennoch zuerst bekümmert ob die Kunst, wie er sie betrieb hier anerkannt werden würde. An einem Ort wo der Kapitalismus triumphiert und ihm keine Grenzen gesetzt sind. Wo Unternehmensrecht längst über Menscherecht steht und Konsum längst über Kultur. Im Bewusstsein der Politiker und der Medien scheint Kultur lediglich ein Störfaktor zu sein.!Hochtechnologie, National Security, Kontrolle, Atomenergie, Erdöl, Aktienmärkte, pharmazeutische und chemische Industrie – das sind die Werte, um die es hier geht. In Schulen wurde der Kunstunterricht gestrichen, wer braucht ihn schon, sogar der Geschichtsunterricht fehlt im Stundenplan. Ob seine Kunst in dieser Welt der special effects und des industriellen Massen- Entertainment überhaupt noch eine Funktion haben würde, war für den Künstler äußerst fragwürdig. Seine Zweifel und Bedenken waren jedoch unberechtigt. Die Ausstellung „The Child“ im San Francisco Fine Art Museum, 2004,
wurde von 130. 000 Besuchern besichtigt. Die Reaktionen und die Begeisterung für seine Arbeit waren überwältigend, das hatte er zuvor noch nie erlebt.84

Menschen aller Altersstufen kamen auf mich zu, umarmten mich spontan und dankten mir. Einige hatten Tränen in den Augen, und sagten mir, wie wichtig sie es fänden, dass ich diese Bilder gerade jetzt und hier zeigte. Ich habe nie zuvor eine so große emotionale Reaktion auf meine Arbeit bekommen wie an der Westküste der USA.85

Helnwein ist sich durchaus bewusst, dass seine Arbeit nicht leicht anzunehmen ist, vor allem nicht für Amerikaner, deren Kunst sich aus einer puritanisch- protestantischen Tradition entwickelte, so der Künstler. Sie könnten also folglich weniger gut mit provokativen Bildern umgehen als etwa ein Betrachter der barocken österreichischen Tradition, wo Künstler nahezu jede Schweinerei dargestellt hätten, so Helnwein. Die Reaktionen der Besucher erklärt sich der Künstler mit einem großen Hunger und Sehnsucht der Bevölkerung nach Kunst. Für Helnwein ist das ein Beweis, dass Kunst elementar ist, ebenso wie das Bedürfnis nach Religion oder Philosophie.86

 

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82 Vgl.: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein - Über das Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 06. Jänner 2009
83 Helnwein, Gottfried in: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein – Über das Leben in Los Angeles. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 06. Jänner 2009
84 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 06. Jänner 2009
85 Helnwein, Gottfried in: Ebd., zugegriffen am 06. Jänner 2009
86 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 06. Jänner 2009

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Helnwein pendelt nun zwischen Irland und L.A. und meint in einem Interview, er sei froh, in beiden Welten jeweils in den besten Orten leben und arbeiten zu können.
Derzeit arbeitet Gottfried Helnwein an einer neuen Oper, die 2009 /10 in der Israeli-Opera in Tel Aviv uraufgeführt werden soll. Sie heißt: "The Child Dreams" nach einem Theaterstück von Hanoch Lewin, dem bedeutendsten israelischen Dramatiker des 20ten Jahrhunderts.

Die Entdeckung dieses Textes war ein Schock und eine Epiphanie für mich, denn noch nie war die künstlerische Arbeit eines anderen so nah an meinen eigenen innersten Bildern. Es ist als hätte er dieses Stück ausschliesslich [sic!] all den Kindern gewidmet, die bisher in meinem
Werk aufgetaucht sind - und all jenen, die noch kommen werden
.“87


2.3 Werke:

2.3.1 Selbstbildnisse:

Gottfried Helnwein sieht sich selbst als Opfer aber auch als Märtyrer des Systems. Diesem Gefühl verleiht er in seinen zahlreichen Selbstbildnissen Ausdruck. 1970 begann er eine fortlaufende Reihe, wofür er sich selbst fotografierte und malte. Einige dieser Bildnisse erscheinen in Lebensgröße, auf ihnen befindet sich stets der schreiende, mit verbundenem Kopf und von chirurgischen Instrumenten durchbohrte Künstler. Oft erschweren diese Verunstaltungen des Gesichtes das „Opfer“ als die Person Helnwein zu identifizieren.
Peter Selz beschreibt die Erscheinung des Künstlers als einen schreienden Mann der die furchterregende Seiten des Lebens widerspiegelt, als eine Leidensgestalt des 20. Jahrhunderts. Das Schreien, so scheint es, drückt die Verzweiflung und den Schmerz einer Generation aus.

Dieser Schrei (Abb. 3) erinnert an Munchs Der Schrei (Abb. 4) und weist gewisseÄhnlichkeiten mit Helnweins Selbstporträt auf. Der Schrei in Helnweins Bildern ist jedoch so durchdringend, dass man ihn nicht nur sehen kann sondern es scheint, als könne man ihn auch direkt hören.88
Einige von Helnweins Grimassen, meint Selz in weitere Folge, würden an die grotesken und wilden Verrenkungen des exzentrischen Wiener Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt, dem sich Helnwein sehr verbunden fühlt, erinnern. Jene Skulpturen stammen aus dem 18. Jahrhundert und waren höchstwahrscheinlich ebenfalls Selbstbildnisse.89

 

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87 Gottfried Helnwein in: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG, SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html, zugegriffen am 09. Jänner 2009
88 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 26
89 Vgl.: Ebd., S. 26

 

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Abbildung 4
Abbildung 3

Betrachtet man die beiden Werke bemerkt man in der Tat einige Parallelen. Helnwein lasse sich, diese Meinung vertritt zumindest der Autor
Peter Selz, mit seinen Selbstporträts, in die ikongraphische Tradition, die auch in den expressionistischen Werken Oskar Kokoschkas, in den Werken Egon Schieles und auch häufig in denübertriebenen wilden Face Farces von Arnulf Rainer zu finden ist, einreihen90

Helnwein erzählt 2006 in einem Interview in Los Angeles, dass er diese Österreichische Tradition durchaus schätzt und sich auch damit verbunden fühlt, jedoch bevorzugt, nicht mehr dort zu leben

Durch die zeitliche und räumliche Distanz fiel es mir auch leichter die Qualitäten Österreichs zu erkennen, und vor allem die seiner grossen [sic!] kulturellen Vergangenheit. Mir ist auch klar geworden, dass meine eigene Arbeit zutiefst in dieser Tradition verwurzelt ist. Mit ihr fühle
ich mich verbunden, mit Kafka, Schiele, Franz Xaver Messerschmidt, Rainer, Kubin, Deix, Mahler, Schubert, Haydn und Mozart, mit Künstlern wie Joseph Roth, H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Elfriede Jelinek.
91

Das früheste Selbstporträt von Helnwein ist eine Fotografie aus dem Jahr 1970, die als Vorlage für spätere Werke dient. Davon entsteht eine Serie von mannigfaltiger Abwandlungen, die oft als Motive für Zeitschriftencovers und Posters dienen. In den 80er und 90er Jahren verwendet der Künstler sie in seinen Tryptichen, die eine doppeldeutige Botschaft beinhalten (Vgl.: Seite 43 Tryptichon Eismeer). 92
Die Serie von Selbstbildnissen Der Untermensch (Abb. 6) nimmt Bezug auf Rassentheorie und Praktiken in der Nazizeit. Helnwein kreierte davon zahlreiche Variationen in denen er als blutüberströmter Märtyrer, als Nazi Offizier, romantischer Held, Krieger, Panzerkommandant, Mumie, Guerilla- Kämpfer, Nachtwanderer und verborgener Zeuge erscheint.

 

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90 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 26
91 Gottfried Helnwein in: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein – Über das Leben in Los Angeles. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen am 02. Jänner 2009
92 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S 30


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2.3.2 Zeichnungen und Aquarelle:

Gegen Ende seiner Akademieausbildung in Wien beschäftigt sich der Künstler mehr mit Zeichnungen, vor allem Federzeichnungen. Dies sind oft Karikaturen und zeigen lustige, clownartige Figuren mit drolligen Nasen und lustiger Bekleidung. Beispiele dafür sind die Werke Knaben; Der Eingriff; Ich und Du. Hier wird vor allem der Comic als Inspirationsquelle für Helnweins Arbeiten deutlich sichtbar.

Dann ist ein bedeutender Wandel in seiner Arbeit zu bemerken. Ab 1975 beginnt Helnwein mit der Arbeit an einer Serie von außergewöhnlichen Zeichnungen, die, so behauptet Peter Selz, seine Kalligraphie begründen sollen.93 Selz beschreibt die neuen Bilder und ihre Entstehung wie folgt:

Haarfeine Linien bilden dornige Dickichte auf dem Papier. Die unzähligen Bleistiftstriche, die auf transparentes und/oder weiches Papier gezeichnet, gekratzt und manchmal geschrammt sind, weder zu spinnnwebenähnlichen Netzwerken. Diese Technik ähnelt häufig sorgfältig ausgeführten Radierungen. Die harten und spröden Striche lassen dramatische Lichteffekte entstehen. In einigen dieser visionären Zeichnungen scheint die Lichtquelle eine Person oder Objekt zu sein.94

Die Zeichnungen lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters im Allgemeinen stärker auf die Technik der Ausführung, als auf das Gemälde selbst. Selten beschäftigt sich ein Künstler so sorgfältig mit dem Prozess der Strukturierens und Restrukturierens so augenauffällig wie Helnwein. Das Ergebnis seiner Arbeit ist eine mysteriöse Werkgruppe, die Menschen bei seltsamen Tätigkeiten

 

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93 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.31
94 Selz, Peter in: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.31

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zeigt, die sich in leeren rechteckigen Räumen befinden. Dabei sind viele dieser Gestalten mit seltsamen Gegenständen ausgerüstet. Einige von ihnen tragen sogar Masken oder Verbände, die ihre Gesichter verhüllen und möglicherweise vor dem Erkanntwerden schützen. Auffallend sind Rohre und Gruben in die jene Gestalten drohen hinein zu fallen oder schon hinein gefallen sind. Über all diesen beängstigenden Schauplätzen liegt ein sonderbares, mysteriöses Licht, dass die Figuren beleuchtet oder aber auch verdeckt.

Die Zeichnungen erscheinen laut Peter Selz auf den ersten Blick kaum merkwürdig, ich teile diese Meinung. Erst bei längerer Betrachtung erschließt sich aus den dargestellten Vorgängen die Bildaussage, die jedoch meiner Meinung nach nicht immer leicht zu definieren ist, sondern viel Spielraum für persönliche, individuelle Interpretation lässt. Diese Zeichnungen können daher vieldeutig sein und sind, ebenso wie die surrealistische Kunst, nicht den Regeln der Logik unterworfen. Diese Bilder stellen Alpträume und Träume, sowie Gefahren, Ängste und Bedrohungen dar, die dem einen oder anderen Betrachter mit Sicherheit vertraut sind.95

So ist der Künstler selbst von der Wichtigkeit der aktiven Erfahrung des Betrachters mit dem Kunstwerk überzeugt und meint: „Ein Kunstwerk ist so gut oder schlecht wie die Reaktion darauf.96

Der Autor Peter Gorsen sieht Helnwein als einen Meister auf diesem Gebiet. Aber nicht nur im Provozieren von Reaktionen, sondern im „Ambivalent machen und offen halten des Bildes für ein möglichst breites, häufig sich widersprechendes demokratisches Deutungsspektrum97.

Helnwein gibt daher ungern rationale Bildlegenden und eindeutige Erklärungen zu seinen Bildern. Dies macht seinen Werke auch so unheimlich interessant und schafft somit individuelle Zugänge und Bedeutungen. Gorsen meint „derlei ‚Kunsthypothesen’ und ‚Reiserouten für Köpf und Herz’
greifen meist dem Betrachter vor und bestärken ihn in seiner passiven Konsumhaltung.
98

So erklärt sich auch Gorsen Helnweins Vorliebe für absurde und vage Bildtitel seiner Federzeichnungen und Aquarelle. Der Betrachter muss also selbst aktiv werden, sich mit dem Werk auseinandersetzen. Ziel von Helnweins Kunstwerken ist daher die Selbsterfahrung des Betrachters. Es ist also nicht verwunderlich, dass Helnwein 1979 die deutsche Ausgabe von Edgar Allan Poes „Unheimliche Geschichten“ illustriert.

 

 

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95 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 32
96 Helnwein, Gottfried in: Ebd., S. 29
97 Gorsen, Peter in: Ebd., S.29
98 Gorsen, Peter in: Ebd., S.29


Abbildung 9

 

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Peter Selz beschreibt jene Bilder folgendermaßen: „Die herausragenden Zeichnungen mit sensiblen Schwarz- , Weis- und Grautönen haben einen Chiarouscour99 – Effekt, der an die Radierungen Rembrandts erinnert. Helnweins Zeichnungen sind schwarze Essays des schwarzen Humors und
persönlicher Satire.
100

In weiterer Folge stellt Selz eine interessante Assoziation mit dem englischen Schriftsteller W.H. Auden her, für den die Satire zugleich zornig als auch optimistisch ist, „weil sie sowohl das Böse als auch seine potentielle Inanspruchnahme postuliere101, so Auden. Daher sind Helnweins Zeichnungen ein gleichzeitiger Eindruck von schaurigen Phantasmagorien, sowie einer möglichen Hoffnung.102

Den historische Vorstreiter dafür findet man bei Goyas „Caprichos“ (Abb. 10) in welchem der spanische Künstler der Aufklärung „die menschlichen Ungereimtheiten, Ungerechtigkeiten, Dummheiten und Grausamkeiten103, so Selz, darstellt, in der Hoffnung die Menschen würden den Aberglauben durch den Verstand ersetzen.104

Ein geographisch nahe liegendes Vorbild ist laut Selz, der österreichische Künstler Alfred Kubin, der vor allem für seine visionären und halluzinativen Zeichnungen, die zum Teil, ebenso wie Helnweins Bilder, von Gewalt erfüllt sind, bekannt wurde.105

 

 

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99 Chiaroscuro (italienisch: „hell-dunkel“), Hell-Dunkel-Malerei. In der Spätrenaissance und im Barock entwickeltes Gestaltungsmittel der Grafik und Malerei; zeichnet sich durch Hell-Dunkel- Kontrast aus sowie durch die Steigerung des Räumlichen
100 Selz Peter in: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.32
101 W.H. Auden. In: Ebd., S.32
102 Vgl.: Ebd., S.32
103 Peter Selz in: Ebd., S.32
104 Vgl.: Ebd., S.32
105 Vgl.: Ebd., S.32


Abbildung 10
Abbildung 11

 

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Eine gewisse Ähnlichkeit mit Helnweins Aktionen der frühen 70er Jahre zeigen seine Aquarelle wie Lebensunwertes Leben und Peinlich. Helnwein entwickelte eine ganz eigene Aquarelltechnik bei der er nur ein Minimum an Wasser verwendet. Er trägt die Farbe mit dem dünnsten Pinsel auf und schafft interessante Lichteffekte, indem er mit einer Rasierklinge über die Farbe schabt.

Gemeines Kind (1970) ist wahrscheinlich eine der frühesten Arbeiten dieser Serie.106 Die erzeugte melancholische Stimmung ist im Großteil seiner Arbeiten zu finden, ebenso wie das Motiv des Mädchens als Opfer, das auch in zahlreichen anderen Werken - Kleine Korrektur; Peinlich und Der Eingriff - , die alle aus dem Jahr 1971 stammen wiederzufinden ist.

Ein weiteres Bild aus dieser Serie ist Sonntagskind. Ein junges, scheinbar glückliches Mädchen lächelt, streckt aber gleichzeitig frech die Zunge heraus. Es hält eine Tafel Schokolade in der Hand und steht vor einem Laden in dessen Schaufenster Lebensmittelwerbungen hängen. Ein entzückendes kleines Entenküken, das genüsslich an einem Eis schleckt. Das Bild könnte Schauplatz einer beliebigen Straßenecke sein, ähnelt aber meiner Meinung nach zunächst, vor allem auf Grund der Werbungen im Hintergrund, einem Pop-Art Gemälde. Bei genauerer Betrachtung erkennt man die Blindenbinde am linken Arm sowie Blut, das zwischen ihren Beinen herunter rinnt. Beim Versuch das Blut zu erklären sind mir zwei Antworten in den Sinn gekommen. Beim Mädchen hat eine frühzeitige Regelblutung eingesetzt oder, die schlimmere Erklärung, sie wurde möglicherweise sexuell missbraucht.

„Ich bin mir dessen bewußt [sic!], daß [sic!] auf diesem Planeten Individuen schwer mißbraucht [sic!] und malträtiert, tief verletzt und unterdrückt werden und, daß [sic!] all dies mit optimistischer Propaganda [Hervorhebung durch die Verfasserin] vertuscht wird. Lange bevor ich zu malen begann, hatte ich den Eindruck, daß [sic!] die Menschheit sich in einem schlechten Zustand befindet, daß [sic!] niemand ohne Schmerz lebt, und daß [sic!] es offensichtlich eine Sehnsucht gibt, dies zu überwinden. Speziell in meinen frühen Bildern geht es um dieses Anliegen, die dem Betrachter vor Augen gehalten werden.“

 

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106 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 34

Abbildung 12
Abbildung 13

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2.3.3 Fotografien und Bühnenbilder:


Helnwein setzte schon zur Dokumentation seiner Straßenaktionen sowie für die Selbstporträts eine Kamera ein. In den 80er Jahren wandte er sich dann voller Begeisterung der Fotografie als Hauptmedium seiner Arbeit zu. Zeitgleich fasst er den Entschluss, Porträtfotos der zeitgenössischen Hoch- und Massenkultur, der sein ungeteiltes Interesse galt, aufzunehmen. 1982 fliegt er nach London, um dort die Rolling Stones, mit denen er sich vor allem als Jugendlicher in Wien identifiziert hatte, zu treffen. In dieser Zeit entstanden die wahrscheinlich düstersten Aufnahmen von Mick Jagger, dem Bandleader der Stones.107

Bereits in den frühen Jahren von Helnweins Karriere wird sein einzigartiger, persönlicher Stil bemerkbar. Die Modelle seiner Fotos sind nicht idealisiert, komponiert und bis ins kleinste Detail geplant, er versucht die Menschen so zu zeigen wie sie sind, oft in schwachen Momenten. Das Ergebnis seiner Werke sind prägnante und ausdrucksstarke Porträts berühmter Personen, die meiner Meinung nach oft sehr düster und bedrohlich wirken.

Helnwein entwickelt seine Aufnahmen nicht selbst in einer Dunkelkammer und manipuliert sie auch nicht. Die Kamera dient lediglich als ein Instrument für eine objektive Beobachtung. Hier sieht man die Anlehnung Helnweins an die Fotorealisten, die mit der Kamera ähnlich umgehen. Helnwein widmet sich
besonders den Gesichtern der Modelle, studiert sie genauestens und versucht dabei die charakteristischen Merkmale hervor zu heben. Die Fotografie ermöglicht Helnwein eine neue Bildkonstruktion, die sich von seinen bisherigen Arbeiten in der Malerei unterscheidet. Neue Möglichkeiten in Bezug auf das visuelle Verhältnis zwischen Künstler und Modell entstehen, der Fotograf kann also nun problemlos gleichzeitig in die Rolle des oder eines Teilnehmers und in die des Beobachters, schlüpfen.108

Im Jahr 1983 machte Helnwein eine herausragende Fotoserie (Abb. 14) vom berühmten Pop-Art Künstler Andy Warhol, vier Jahre vor dessen frühen Tod. Auch bei diesem Porträt wird der besondere Stil Helnweins sichtbar. Die Porträts von Warhol zeigen den jungen Mann nicht von seiner „Schokoladenseite“, sie sind kein Abbild von Eleganz, sondern zeigen eine tragische Figur „im Angesicht des Todes109, so Peter Selz etwas dramatisch in seinem Essay. Auffallend ist, dass der


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107 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 37
108 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 37
109 Peter Selz in: Ebd., S. 40


Abbildung 14

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Großteil dieser Porträts in brilliantem Schwarzweiß aufgenommen wurde, wobei das Licht in diesen Werken der Hauptbedeutungsträger ist und die verschiedenen Stimmungen erzeugt.

Helnwein setzte seine Serie von Porträts fort und fotografierte in den nächsten Jahren eine beachtliche Zahl von Schriftstellern, darunter der österreichische Dichter H.C. Artmann, ein treuergebener Freund und Bewunderer Helnweins, der ostdeutsche Autor Heiner Müller, sowie Norman Mailer und William S. Burrough. Zu letzterem empfand Helnwein eine starke Verbindung und fotografierte den Romanautor in Kansas, wohin sich jener zurückgezogen hatte. 110

Burroughs bestand darauf seinen Revolver mitzunehmen und Helnwein porträtierte daraufhin den Autor mit geschlossenen Augen und finsteren Gesichtsausdruck. Dieser Gesichtsausdruck strahlt ähnlich wie seine Werke, ein Gefühl von Horror und Grausen aus, so Selz. Burroughs war mit dem
Werk mehr als zufrieden gewesen, und legte in der Einführung zum Katalog „Faces“ für das Museum Ludwig in Köln (1992) dar: „Die Funktion eines Künstlers besteht darin, die Erfahrung seines überraschten Erkennens wachzurufen: dem Betrachter zu zeigen was er weiß, von dem er aber nicht weiß, dass [sic!] er es weiß. Helnwein ist ein Meister dieses überraschten Erkennens.111

Eines von Helnweins größten Anliegen war es „die letzten Zeugen, die ganz nah am Zentrum der Macht waren, die diese Katastrophe ausgelöst hat, zu fotografieren. Was mich fasziniert, ist die Chance, jemanden zu treffen, der dabei war, ganz oben mit dabei war, der das mit gestaltet hat.112 Er nahm dafür Arnold Breker, Hitlers bevorzugten Bildhauer, der für die Ästhetik im Dritten Reich verantwortlich war, auf. Breker hatte während Hitlers Regierungszeit für monumentale Nazi-Gebäude Bronzekolosse heroischer nackter Männer geschaffen.

Figuren von klassischer Gestalt, die das Ideal der Kraft und Macht des neuen reinen Deutschlands verkörperten.113, meint Selz in seinem Essay Helnwein: der Künstler als Provokateur. Eine dieser Fotographien zeigt also nun den gealterten Mann, der ein Aquarell- Porträt von Joseph Beuys, das Helnwein 1982 gemalt hat mit einem finsteren, grimmigen Gesichtsausdruck in den Händen. Im Gespräch mit Breker hätte dieser stets versucht, seine faschistischen Aktivitäten damit

 

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110 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 40
111 Burroughs, S.William. In: Nachwort Ausstellungskatalog. Face it 2006, S. 278
112 Helnwein, Gottfried. In: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com/maeckler/seite01.html., am 04. Jänner 2009
113 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 41

Abbildung 15

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zu rechtfertigen, dass er ebenso wie die Renaissancekünstler im Auftrag der Machthaber gearbeitet hätte und lediglich Befehle ausgeführt habe. „Das Problem mit Breker war, dass [sic!] er im Grunde die Einstellung eines Renaissance-Künstlers oder eines Künstlers der Antike hatte. Auch diese haben ihre Aufträge von mächtigen Herrschern erhalten und mussten - unter optimalen Bedingungen - bombastische Apotheosen herstellen und haben dabei noch einen Haufen Geld verdient. Glauben Sie, dass Michelangelo oder irgendeiner seiner Zeitgenossen sich darum gekümmert hat, welche Kriege seine Auftraggeber geführt haben oder wie sie mit ihren Untertanen umgegangen sind? Breker erzählte mir, dass (sic!) Stalin Anfang der dreißiger Jahre Interesse gehabt habe, ihn in die Sowjetunion zu holen, um dort die offizielle Staatskunst der UdSSR zu begründen. Molotow überbrachte Stalins Anliegen an Breker in Berlin, und der war nach eigener Aussage sofort bereit zu gehen. Er wurde nur in letzter Minute von Goebbels daran gehindert: "Der Führer bittet Sie zu bleiben. Das Deutsche Reich braucht Sie, Breker!" Das war ihm auch recht - also blieb er halt.“114

Im Jahr 1990 gelang Helnwein ein weiterer persönlicher Erfolg mit einer beachtenswerten Aufnahme von Leni Riefenstahl, Filmemacherin im Dritten Reich welche die großen Propagandaspektakel der NSDAP inszenierte und die Macht des deutschen Volkes, sowie die des Führers glorifizieren sollte. Helnwein porträtiert die alte Dame, die ähnlich wie Arnold Breker ihr Handeln damit rechtfertigt, lediglich Befehle ausgeführt zu haben und keiner persönlichen Überzeugung nachgegangen zu sein, mit einem leichten Grinsen115.

Einige Zeit später beginnt Helnwein mit der Arbeit einer Serie der Idole des 20. Jahrhunderts. Es entstehen dabei Aufnahmen von Marilyn Monroe, Joseph Beuys, Marlene Dietrich, usw. Mit letzterer, Marlene Dietrich, arbeitet er 1991, nach dem Fall der Berliner Mauer, an einem Buch über die
Stadt. Eines seiner bekanntesten Werke dieser Zeit ist das Porträt des Leinwandidols James Dean. Es zeigt den jungen Star wie er alleine auf dem Time Square in den frühen Morgenstunden durch den Schnee stapft. Es ist ein weiteres Werk, das Helnweins Stil verdeutlicht, da man normalerweise
eine Berühmtheit nicht in solch einer Lebenslage, verlassen, einsam und vielleicht traurig, darstellt.116

Ein weiteres berühmtes Werk des begabten Künstlers entstand 1990 und trägt den Namen 48 Porträts (Abb. 17). Es ist eine Bildserie 48 berühmter Frauen, darunter Alice Schwarzer, Marilyn Monroe, Simone de Bouvoir, Tina Turner, Anne Frank, Coco Chanel, Marlene Dietrich, Astrid Lindgren, Janis Joplin und viele andere mehr. Dieses Werk war eine farbige Antwort auf das zwanzig Jahre zuvor entstandene Werk Gerhard Richters, 48 Porträts (Abb. 16), das allerdings nur aus Schwarzweißaufnahmen von Männern bestand.

 


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114 Gottfried Helnwein in: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com/maeckler/seite01.html., am 04. Jänner 2009
115 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.41
116 Vgl.: Ebd., S.41

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Auch im Bereich Theater begann Helnwein mitzumischen, als 1983 eine Ausstellung für ihn organisiert wurde. Die Ausstellung zog über 100.000 Besucher an, darunter auch Peter Zadek wahrscheinlich einen der laut Meinung von Peter Selz "originellsten und provozierendsten" Theaterregisseure in Deutschland.

Peter Zadek war hell auf begeistert von Helnweins Kunst und bat ihn zugleich ein Plakat zu John Hopkins „Verlorene Zeit“, gespielt am Hamburger Schauspielhaus, zu entwerfen. Fünf Jahre später kreiert Helnwein das viel umstrittene Theaterplakat zu „Lulu“. Es zeigt einen kleinwüchsigen Mann, der mit einem Mantel bekleidet, den Unterleib eines Mädchens anstarrt. Ein Skandal bricht aus, vor allem als der Bürgermeister Hamburgs den Regisseur Peter Zadek, ebenso wie Helnwein der Pornografie beschuldigt.117 Eine „Deutschsprachige Bürgerinitiative zum Schutz der Menschenwürde“ erstattet sogar Strafanzeige gegen Helnwein und Zadek wegen Pornografie.

Der Bürgermeister der Stadt Wien, Helmut Zilk, hingegen ist von dem Plakat begeistert und gratuliert Helnwein von ganzen Herzen.118 Helnwein begann noch im selben Jahr mit den meiner Meinung nach genialen, Entwürfen von Bühnenbildern und Kostümen für eine Reihe von außergewöhnlichen Inszenierungen des Choreographen und Regisseurs Hans Kresnik.

 


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117 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retroperspektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.44
118 Vgl.: Ausgewählte Biographie. In: Lentos Kunstmuseum Linz, Direktorin Stella Rollig (Hrsg.): Face it. Wien 2006, S.219

 

Abbildung 16
Abbildung 17
Abbildung 18

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Darunter sind die Produktionen „Macbeth“, „König Lear“ und „Ödipus“ in Heidelberg, sowie „Marat / Sade“ in Stuttgart. Die Produktionen feierten einen großen Erfolg, Helnweins Avantgarde-Entwürfe für Carl Orffs „Carmina Burana“ an der Münchner Staatsoper wurden aber mit der Begründung, sie seien vielleicht doch etwas zu radikal für die bayrische Hauptstadt, abgelehnt und der Vertrag mit Helnwein gekündigt.119


2.3.4 Öffentliche Kunst und Tryptichen:

In den späten 80er Jahren verspürte Helnwein verstärkt den Drang im öffentlichen Raum zu arbeiten. Einer seiner Aktionen war die Installation vom 9. November 1988. Dieses Datum hatte eine ganz besondere Bedeutung, da es der 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ war und Helnwein wollte an dieses tragische Ereignis, dem Beginn des Holocaust am 9. November 1938, erinnern.120

Die ‚Kristallnacht‘ ist eine im Hinblick auf die zahllosen zertrümmerten Fensterscheiben verharmlosende Bezeichnung für den von Goebbels organisierten, von NSDAP, SA und aufgehetzten Jugendlichen durchgeführten Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. In dieser Nacht des Schreckens‘ wurden bei angeblich ‚spontanen‘ Kundgebungen 91 Juden ermordet und fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen Reich zerstört oder schwer beschädigt.121, lautet die Beschreibung der österreichischen Hompage „Kristallnacht 1938“ für dieses schreckliche Ereignis.

Als Mahnmal an dieses furchtbare Ereignis soll auch Helnweins 100m lange Installation, zwischen dem Kölner Hauptbahnhof und dem Museum Ludwig, dienen. Der Künstler fertigt dafür 17 Kinderporträts im Scannerchromverfahren an, die wie bei der (KZ-)Selektion aufgereiht wurden und daher für dieses Werk auch der Name „Selektion“ (Abb. 19) ausgesucht wurde. Die vier Meter hohen Gesichter blicken den Betrachter mit einem eindringlichen Ausdruck der Trauer an. Die 100 Meter lange Bildstraße wurde bewusst an dieser Passage platziert, da sie dort täglich Tausende von Menschen mit diesen Thema konfrontieren würde. Da Helnwein keine Sponsoren für seine Arbeit fand, finanzierte er seine Installation aus eigener Kassa.

 

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119 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 44
120 Kristallnacht 1938. In: www.kristallnacht.at/1938.html , zugegriffen am 04. Jänner 2009
121 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S. 54


Abbildung 19

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Mit dem Werk provozierte der Künstler jedoch einen weiteren öffentlichen Skandal. Helnweins Anliegen war es, die Menschen zum Nachdenken über die Gräueltaten der Nazizeit zu provozieren. Binnen weniger Tage wurden die Bilder jedoch von aufgebrachten Bürgern beschädigt oder gar mit Messern zerfetzt. Eines der Bilder wurde sogar gestohlen.122

Peter Selz führt in Folge die bewegten Worte Simon Wiesenthals im Ausstellungskatalog an: „Menschen, bitte bleibt alle stehen, schaut Euch (sic!) diese Kindergesichter an und multipliziert ihre Zahl mit einigen Hunderttausend. Dann werdet ihr das Ausmaß des Holocaust, der größten Tragödie der Menschheit, erkennen und erahnen.123

Helnwein malte weiterhin mit der „Kristallnacht - Installation“ in Verbindung stehende Werke. Im Frühjahr 1991 schuf der Künstler einen überdimensionalen Kindskopf, ein Gemälde für den Triumphbogen der Minoritenkirche in Krems / Stein in Niederösterreich.

Etwa zur selben Zeit kreierte Helnwein eines seiner wenigen dreidimensionalen Werke, White Christmas (Abb. 20). Es ist dies eine Gruppe von 48 gesichtslosen Kindern, die aus Naturpapier angefertigt wurden. Auf den Oberflächen der gesichtslosen Gestalten befindet sich Blütenstaub, der darauf gesprüht wurde.

In den 80er Jahren begann Helnwein schließlich mit der Arbeit an großformatigen Tryptichen, die aus drei großen Tafeln bestehen. Im Mittelalter dienten sie oft als Alterbilder, häufig in den Kirchen Nordeuropas. Diese Kunstform wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert von Künstlern wie Hans von Marees wiederbelebt, sie gipfelte in den neuen Tryptichen von Max Beckmann.

Das stille Leuchten der Avantgarde (römisch 1) ist eines von Helnweins Tryptichen, entstanden im Jahr 1986. Die Mitteltafel ist eine Wiedergabe von Caspar David Friedrichs Gemälde Das Eismeer entstanden im Jahr 1823/24. Das Bild schildert die Haverie des Schiffs „Hoffnung“, jenes Schiff welches den Seeweg zum Nordpol entdecken sollte. Im Einklang mit dem Werk des romantischen Künstlers, spielt auch Helnweins Werk, dieser Meinung ist zumindest Peter Selz, auf die Erscheinungsform des Schicksals und die gewaltige, zerstörerische Kraft der Natur an. Helnwein fügt zu beiden Seiten des Schiffes, welches an Eisbergen zerschellt, ein Selbstbildnis, auf dem sich der Künstler mit blutverschmierten Stirnband und Hemd befindet, hinzu.


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122 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.54Ebd.; S. 54
123 Wiesenthal, Simon. In: Ebd., S. 54


Abbildung 20

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Diese Selbstporträts beziehen sich auf Friedrichs romantisches Gemälde in einer modernen Vision dieser Niederlage, verursacht durch das menschliche Streben die Natur zu bezwingen. 124

Während der 90er Jahre dominiert die monochrom blaue Farbgebung die Werke Helnweins. Es entsteht eine Serie von Werken dieser Art, die alle durch eine magische Distanz, verursacht durch die spezielle Färbelung, dominiert sind, Werke wie Die Verkündung (1991) sowie Nacht 3 (römisch drei), Nacht 2 und das Porträt seines Sohnes Ali, die alle in monochromen Blau gehalten sind. Im selben Jahr malt der Künstler auch zwei großformatige, monoton blaue Leinwandgemälde Feuermensch und Eismensch. Beide Werke basieren auf den Fotografien zweier Männer, die im ersten Weltkrieg verwundet wurden. Die Gesichter der beiden Männer sind kaum zu erkennen, lediglich Umrisse der Nase und Andeutungen der Augen. Gelegentlich setzt der Künstler auch Farben ein wie bei dem Tryptichon Wiener Panorama von 1995. Es ist riesig, sechs Meter breit und zeigt den Künstler umgeben von Farben, Lösungsmitteln und Pinseln beim Malen einer Ansicht seiner Geburtsstadt, Wien.

In der Zeit von 1994 bis 1996 malt der Künstler eine Reihe von etwa 100 monochrom dunkelblauen Bildern die er mit dem Namen Feuer betitelt. Die Gemälde in Öl sowie in Acryl basieren auf Fotografien von Malern, Schriftstellern, Dichtern, Komponisten, Filmemachern, Wissenschaftlern, politischen Aktivisten, Philosophen, Schauspielern und Popstars. Es sind Darstellungen von Rebellen des 20. Jahrhunderts, von Persönlichkeiten die gegen den Strom der Zeit schwammen.125


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124 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998, S.66!
125 Vgl.: Ebd., S. 68 und 72


Abbildung 21

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2.4 Schlafende Engel in Prag

Ausstellung : „Angels Sleeping“ in der Galerie Rudolfinum in Prag, 12 Juni bis 31 August 2008 Eines der Highlights meiner Arbeit war es, Helnweins Werke im Original zu sehen - es war ein überwältigendes Erlebnis. Ich hatte die Möglichkeit im Sommer 2008 nach Prag zu fahren und die Ausstellung „Angels Sleeping“ zu besichtigen.

Helnwein sagt selbst, er habe früher, zu Beginn seiner Karriere, das Original als eine Art Edelabfall empfunden. In ihm brannte eine Sehnsucht nach einer Demokratisierung, einer Umorientierung von einer esoterischen in eine für jeden verständliche Kunst. Als Mittel dazu war er begeistert von der Möglichkeit der Massenvervielfältigung. Dieser Standpunkt änderte sich jedoch schlagartig als er zum ersten Mal die originalen Werke von Kandinsky in einer Ausstellung betrachtete:

Ich war so erschüttert und überwältigt von der Unmittelbarkeit nie zuvor erlebter ästhetischen Intensität und der spirituellen Qualität dieser Werke, dass ich zu zittern begann und den Raum verlassen musste, da ich nicht vor allen Leuten zu weinen beginnen wollte. Ich weiß nun dass es die Magie, die Aura eines Kunstwerkes gibt, und ich habe zu der Abendländischen Kunst (von der Gotik, über die Renaissance bis zur Moderne) ein geradezu religiöses Verhältnis. Ich bin
immer noch der Meinung, dass die modernen Reproduktionstechniken neue Bereiche und Möglichkeiten für die Kunst eröffnet haben, aber an der Bedeutung des Originals und der Aura eines Kunstwerkes hat das nichts geändert.
126

Ähnlich wie Gottfried Helnwein ist es auch mir bei der Besichtigung der Ausstellung ergangen. Ich hatte im Voraus schon recherchiert und kannte schon viele seiner Werke aus Büchern. Aber die Bilder im Original zu sehen, hat mich buchstäblich überwältigt. Es war unbeschreiblich und deshalb kann ich nur jedem empfehlen, sich bei Gelegenheit Originale Helnweins anzusehen, um diese Erfahrung selbst zu machen.

Helnwein sagt oftmals, es sei sein Anliegen die aktive Beteiligung des Betrachters zu provozieren und Reaktionen hervor zu rufen. Ein Werk sei deshalb nur so gut wie die Reaktion darauf. Und dies schafft er meiner Meinung nach außerordentlich gut. Ich war so berührt von den Bildern und sie gingen und gehen mir nach wie vor sehr nahe, sodass mir oft auch die eine oder andere Träne über die Wange läuft. Was mich persönlich so wahnsinnig fasziniert und begeistert an Gottfried Helnwein, ist, das er Kunst schafft, die man versteht, Werke mit einer Botschaft.

Obwohl der Künstler selbst nicht gerne genaue Erklärungen zu seinen Bildern abgibt, kann man dennoch erahnen was er damit ausdrücken will. Und selbst wenn es mit der eigentlichen Botschaft nicht zu hundert Prozent übereinstimmt, ermöglicht Helnwein individuelle Zugänge.

Seine Werke behandeln Themen, die uns alle betreffen - Ängste im Verborgenen die durch seine Bilder zum Vorschein kommen. Gefühle, die von den Menschen verdrängt werden um ja keine


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126 Gottfried Helnwein in Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG, SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html, zugegriffen am 09. Jänner 2009

 

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Schwäche zu zeigen, werden durch seine Bilder wachgerüttelt. Ich glaube ein Grund dafür, dass viele Kritiker und Menschen beinahe allergisch auf Helnweins Bilder reagieren, ist möglicherweise die Angst sich selbst einzugestehen, dass man diese Gefühle kennt, sie jedoch auf keinen Fall zu lassen darf. Mein kleiner Bruder hat, als er sich einige Bilder von Gottfried angesehen hatte, gesagt: eigentlich müsste er Dunkel- und nicht Hel(l)nwein heißen, mit der Begründung die Werke haben nichts mit Helligkeit zu tun, sondern sind von Dunkelheit, Angst und Schrecken geprägt.


Einen kurzen Moment lang habe ich mir gedacht er hat vielleicht recht, bin jedoch dann genau zu der gegenteiligen Meinung gekommen. Eigentlich versucht Helnwein, meiner Meinung nach, unsere Welt buchstäblich zu erhellen. Und dies im herkömmlichen Sinne, denn schon immer wurde Licht dazu verwendet, um sich in der Dunkelheit zurecht zu finden und auf Gefahren sowie mögliche Hindernisse aufmerksam zu machen; nichts anderes tut meiner Meinung nach Helnwein. Er will die Menschen wachrütteln, sie darauf aufmerksam machen, dass in unserer heutigen Welt so viel Gewalt, Angst und Ungerechtigkeit vorherrscht.


Da ich mich jetzt doch schon fast ein halbes Jahr mit den Werken des Künstlers beschäftigt habe, fragen mich Freunde oft, ob es nicht deprimierend ist, sich ständig mit dieser tristen Thematik auseinander setzen zu müssen und ob ich nachts hoffentlich noch gut schlafen könne. Ich empfinde es persönlich jedoch überhaupt nicht so, sondern ganz im Gegenteil. Ich bin mittlerweile zu dem Punkt angelangt, wo ich die Werke als Motivation und Hoffnung empfinde. Einerseits um selbst zu
versuchen den Ungerechtigkeiten entgegen zu wirken und ein Stück weit dazu beizutragen die Welt, auch wenn nur minimal, zu verbessern und zu erhalten, sei es im Bereich Umweltschutz oder Entwicklungshilfe, andererseits empfinde ich es als große Freude und Zuversicht, dass es noch einzigartige Menschen wie Gottfried Helnwein gibt.


2.5 Stil & Botschaft

Ich glaube, dass alle Arbeiten eines Künstlers im Grunde immer nur um ein einziges zentrales Anliegen oder Motiv kreisen. Und jedes Werk so etwas wie ein neuer, mehr oder weniger erfolgreicher Versuch ist, sich diesem Grundthema zu nähern, es sichtbar zu machen, zu fassen, zu formulieren, obwohl es im Prinzip immateriell, und daher nicht fassbar ist, und keine Form hat. Die Bedeutung der Methoden, Mittel, Wege und Tricks, die der Künstler dabei einsetzt, werden
von Theoretikern und Kunsthistorikern in der Regel überschätzt.
127

Gottfried Helnweins Werke haben durchaus ihren eigenen Stil, auch wenn die Bildinhalte nicht immer leicht auf zu nehmen sind. Meiner Meinung nach unterscheidet sich sein Stil vor allem auch durch dieses Detail, seine Botschaft, von den Fotorealisten.

 

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127 Gottfried Helnwein in: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG, SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html, zugegriffen am 09. Jänner 2009

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Zu Beginn wollte der hochbegabte Künstler eigentlich nicht Maler werden, so ein Beruf schien ihm zu langweilig, doch irgendwann habe er eingesehen, dass Kunst wahrscheinlich die einzige Möglichkeit sei sich gegen die Zumutungen der Gesellschaft zu wehren und zurückzuschlagen. Kunst war in erster Linie also eine Waffe.

Das Thema meiner Kunst war [daher, die Verfasserin] immer ident mit dem Thema meines Lebens: dem hoffnungslosen Versuch das absurdeste Phänomen des Universums zu verstehenden Menschen.“ 128

Das ist dann wahrscheinlich die Antwort auf die Frage nach dem Thema seiner Arbeit. Und diese scheint eine allgemein gültige, für das Gesamtwerk des Künstlers zu sein. Im Mittelpunkt, der Mensch. Studiert man, wie ich es für meine Arbeit getan habe, jedoch genauestens seine Werke so wird deutlich, dass das Kind eine bedeutende Rolle in seinem Schaffen zu spielen scheint. Im Großteil der Werke sind bandagierte, verwundete und gequälte Kinder zu sehen. Diese Abbildungen scheinen sich wie ein roter Faden durch seine Kunst zu ziehen. Dadurch stellt sich die Frage, wieso gerade Kinder, oder anders, wieso in solch einem Zustand?

Vielleicht ist es ein Defekt, aber von frühester Kindheit an sah ich immer Gewalt um mich herum und die Wirkung von Gewalt: Angst.

Ich habe jedes Stück Information, dass ich über den Holocaust, Vietnam, Chile, die Heilige Inquisition und all die Hexenjagden kriegen konnte, in mich aufgesogen.

Die durch die gesamte Menschheitsgeschichte vorhandene Lust daran, anderen, vor allem Wehrlosen, ein Maximum an Schmerz zuzufügen, war für mich immer ein Rätsel. Erstaunlich auch, welche Kreativität Menschen dabei entwickeln.
129

Dieses Unverständnis der Gewaltbereitschaft beschäftigte den Künstler von Beginn an. Je älter er wurde und mehr von der Welt verstand, desto größer schien dieses Gefühl zu werden. Aber was er vor allem nicht verstand war die Gewalt gegen Kinder. Wie man Kinder sowie Tieren nichts anderes als Liebe und Bewunderung entgegen bringen konnte, war ihm vollkommen unverständlich.

Dieses Gefühl etwas gegen die Ungerechtigkeit unternehmen zu müssen, ließ ihn seither nicht mehr los. In Deutschland und Österreich müssen jährlich tausende von Kindern durch ein derartiges Martyrium, so Helnwein, bevor sie in den Himmel dürfen.

Und dies war der Grund weshalb Gottfried Helnwein zu malen begann, Ästhetik sei dabei in erster Linie nicht die Motivation gewesen, sondern vielleicht sogar das Gegenteil. Kunst in einer anderen Art und Weise zu benutzen, als Waffe gegen die Ungerechtigkeiten auf Erden und vor allem gegen Kinder. Das Leiden des Menschen, Gewalt ist ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit. Damit lasse er sich auch fest in die Tradition der abendländisch- christlichen Kunst einordnen, so Helnwein, die sich auch damit als ihr zentrales Thema beschäftigte.

 

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Gottfried Helnwein in: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG, SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html, zugegriffen am 09. Jänner 2009
129 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 09. Jänner 2009

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Was den Künstler jedoch auch wahnsinnig interessiert, dadurch auch von dieser Tradition unterscheidet, ist die Wechselbeziehung zwischen Opfer- und Täterschaft, sowie die Fähigkeit des Menschen zur ständigen Verwandlung. Diese Wechselwirkung versucht er wieder vor allem dadurch dazustellen, dass er einmal die Opferrolle und dann wieder die des Täters einnimmt, um sich dadurch in die jeweilige Lage zu versetzten.

Weiters versucht er dies auch in den verschiedenen Metamorphosen und Verformungen der Köpfe sowie der Gesichter zu formulieren. Die Helden seiner Geschichten seien aber die Kinder, als eine Metapher für eine potentielle, vorhandene Unschuld und eine, so Helnwein, im Innersten des Menschen vorhandene Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit.130

3. Fotorealismus: Bloße Nachahmung oder doch künstlerische Interpretation ?

Realismus ist kein Stil, sondern eine Art des Zugangs und ein Ziel
(John Berger)131

Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt? Diese Frage habe ich mir während meiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Fotorealismus sowie mit dem Künstler Gottfried Helnwein gestellt. Der Grund dafür scheint Wurzeln zu haben, die weit zurück in der Geschichte der Menschheit, in der Antike, liegen.

Der griechische Begriff „Mimesis“ wird grundsätzlich meist mit der Bedeutung „Nachahmung“ übersetzt. Er gilt als Zentralbegriff der Ästhetik in der Kunsttheorie, die Nachahmung bzw. das Abbilden des Schönen, welches als erstrebenswertes Ziel galt.132

Dazu beschäftigt sich der Künstler vor allem mit dem Verhältnis von Erfahrungswirklichkeit, der Realität und der künstlerischen, nachschaffenden Gestaltung, der Fiktion. Dieses Verhältnis ist, meiner Meinung nach, enorm wichtig, da es das Vorurteil aus dem Weg räumt, Realismus sei bloß eine Wirklichkeitsspiegelung. Dabei gerät die Tatsache, dass eine realistische Abbildung zugleich eine Wertung und eigenständige Interpretation des abzubildenden Sujets beinhalten kann, in Vergessenheit.133

Diese und ähnliche Überlegungen führten, im Laufe der Begriffsgeschichte, zu stetigen Veränderungen der Auffassung der Begriffe „Nachahmung“ sowie von „Wirklichkeit". Unter Mimesis konnte daher einmal Wirklichkeitskopie, dann wieder Wirklichkeitsverwandlung, ja weiter sogar Entwürfe neuer Realitätsvorstellungen verstanden werden.134


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130 Vgl.: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG, SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html, zugegriffen am 09. Jänner 2009
131 John Berger in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004 S. 9
132 Vgl.: Mimesis. In: culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/ma/MIMESIS%20%20%20Mimesis%20o%20M%C3%ADmesis.htm, zugegriffen am 15. Jänner 2009
133 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 15. Jänner 2009
134 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 15. Jänner 2009

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Schon der griechische Philosoph Aristoteles beschäftigt sich mit dem Phänomen der Mimesis und bezeichnet sie als das wichtigste Charakteristikum der Literatur, sowie die gemeinsame Grundlage aller Künste. Aristoteles begründet das Phänomen, mit einem allgemeinen menschlichen Bedürfnis nach Nachahmung. Es funktioniert auf der Grundlage einer gewissen Ähnlichkeit zwischen der realen und der fiktiven Welt. In der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, gewann Mimesis erneut an Bedeutung und wurde vor allem auch in der französischen und deutschen Klassik zu einem wesentlichen Begriff der poetologischen Auseinandersetzungen. Im 20. Jahrhundert bekam der Begriff letztlich einen neuen Stellenwert im Neurealismus der Kunst und dem Naturalismus der Literatur.135

In der Kunst spielt Realismus allerdings nicht nur die Rolle eines Epochekonzeptes, von Courbet (schon im 19. Jahrhundert) eingeführt und von weiteren Künstlern wie Eduard Manet, mit seiner ungeteilten Hingabe für Objekte der Alltagswelt, weitergeführt, sondern ist eine (neue) Ausdrucksform. Der Begriff Realismus, als ein Versuch der Wiedergabe der äußeren Realität. Realismus ist in diesem Sinne der Versuch in der Malerei, Grafik sowie in der Bildhauerei, die sichtbare Wirklichkeit möglichst exakt und naturgetreu wiederzugeben. Diese realistischen Ambitionen verfolgten sowohl Künstler im Hellenismus, in der Renaissance bis hin zu den Realisten von heute.136

Daraus folgte auch die intensive Beschäftigung der Fotorealisten mit einer mimetischen- Darstellung ihrer Umgebung, mit dem Ziel jedes kleinste Detail naturgetreu abzubilden, eine Wirklichkeitskopie zu erzeugen. Dazu benötigt man allerdings die Fotografie, denn ohne sie kann fotorealistisches Malen nicht bestehen. Die Fotografie ist einfach das Thema des Fotorealismus, dabei gilt nach Louis K.Meisel:

Der Fotorealismus beruht eher auf dem Malen als auf der Theorie und benötigt daher keine Intellektualisierung, Spekulation und Interpretation, wie Minimal, Conceptual, Enviromental und Performance Art. Der Fotorealismus ist deswegen nicht besser oder schlechter, nicht mehr oder weniger wichtig als irgendeine andere Form der Kunst.137

Dies ist zwar nicht direkt eine Antwort auf meine Frage, aber ich finde sie kommt ihr in Ansätzen näher. Wenn Mimesis tatsächlich nur eine billige Kopie der Requisiten unserer Umgebung ist, gilt es immer noch zu ergründen, warum sie als so reizvoll und interessant erlebt wird, um ganze Epochen und Kunstformen in Atem zu halten?

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135 Vgl.: Mimesis. In: culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/ma/MIMESIS%20%20%20Mimesis%20o%20M%C3%ADmesis.htm, zugegriffen am 15. Jänner 2009
136 Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S.7
137 Louis K. Meisel in: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S.20

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Zu Beginn des Zeitalters der Fotografie waren Maler je nach Talent, den Fotografen und ihren technischen Mitteln ebenbürtig oder gar überlegen. Heute sieht die Welt jedoch ganz anders aus, neue Technologien und revolutionäre Errungenschaften vor allem im Bereich der Fotografie ermöglichen Dinge, die vor hundert Jahren noch vollkommen undenkbar waren.

Es stellt sich daher wiederum die Frage, vielleicht in einer etwas abgewandten Form, warum jemand heute noch fotorealistisch malt, obwohl es die unerschöpflich zu scheinenden Möglichkeiten der Fotografie gibt.

Besonders interessant ist diese Fragestellung bei der Betrachtung der Fotorealisten. Sie bedienen sich bekanntlicherweise zuerst der Kamera, um ihr ausgesuchtes Motiv auf einem Foto festzuhalten. Dann malen sie jenes vergrößert, aber dennoch bis ins kleinste Detail abgebildet, auf eine Leinwand und wollen auf einige normale Details aufmerksam machen, um den Betrachter dazu zu bewegen, sich bewusster mit seiner Umgebung, der Realität, auseinander zu setzen. Einige Fotorealisten versuchen sogar durch hyperrealistische Darstellungen eine neue Wirklichkeit zu schaffen.

Dabei stellen sie jedoch den, meiner Meinung nach, zu beschränkten Begriff Mimesis in Frage. Dies ist in meiner Auffassung ein wesentlicher Grund dafür, weshalb jemand fotorealistisch malt. Die zahlreichen Möglichkeiten die dieses Konzept bietet, wie z. Bsp. die Schaffung neuer Realitäten bzw. Welten. Aber kann nicht einfach nur die Tatsache, dass Fotorealisten von der Technik fotorealistisch zu malen begeistert sind, ausreichend für das Entstehen dieser Kunstform und ihrer Werke sein? Oder mache ich es mir damit zu leicht?

Persönlich glaube ich ist diese Frage nicht mit einer allgemein geltenden These zu beantworten und die Ansicht darüber variiert selbst von Künstler zu Künstler. Während Richard Estes glaubt, die Fotografie sei in Sachen Realismus nicht das letzte Wort und das möglicherweise der Grund ist, weshalb er lieber malt, unterscheidet sich davon maßgeblich die Meinung des ersten Fotorealisten Malcom Morley, für den einfach nur die Faszination an der Technik im Mittelpunkt steht.

Gottfried Helnwein beschäftigt sich ebenfalls mit fotorealistischen, sowie mit hyperrealistischen Darstellungen, mit der Nachahmung bzw. der naturgetreuen Abbildung der Realität. Dennoch unterscheiden sich seine Bilder, durch den besonderen Bildinhalt wesentlich, von den traditionellen Fotorealisten. Wieso also malt Helnwein fotorealistisch, obwohl es die Fotografie gibt und bei ihm ja offensichtlich der Inhalt und nicht die Technik im Mittelpunkt steht?

Für mich persönlich hat ein Foto eine andere Bildwirkung als ein Gemälde und diesen Unterschied spüre ich persönlich auch bei Helnweins Bildern. Obwohl ich selbst eine leidenschaftliche Fotografin bin, finde ich, dass Gemälde einen zusätzlichen Effekt haben. Ein Fotograf muss ein gutes Auge haben, Dinge sehen und einmalige Momente einfangen können. Ein Fotograf beobachtet und fängt, wenn er gut ist, Bilder von unglaublicher Schönheit, Gefühl und Emotion ein. Bilder von anderen

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Dingen und Lebewesen (sofern es kein Selbstportrait ist), ein Stück Realität festgehalten auf einem Foto, für die Ewigkeit.

Was, in meinen Augen einen Maler jedoch maßgeblich von einem Fotografen unterscheidet, ist der Umstand, dass man ihn in jedem Bild, welches ein Teil vom Künstler ist, erkennt. Ich will keineswegs damit andeuten, dass die Fotografie weniger wert ist als die Malerei. Dennoch finde ich, dass ein Künstler durch die Malerei mehr von sich selbst preisgibt, ich empfinde es dadurch als persönlicher. Ob meine Einschätzung an der Tatsache, dass in der heutigen Zeit beinahe jeder eine Kamera besitzt aber nicht jeder, wie ein Picasso malen kann liegt, weiß ich nicht genau, sie trägt wahrscheinlich auch dazu bei.

Meiner Meinung nach versteifen wir uns jedoch viel zu sehr auf die Frage, warum jemand mit einer bestimmten Technik malt. Das ist so als würde man jemanden danach fragen, weshalb er lieber klassischen Gesang ausübt bzw. lernt, als Jazzgesang, schlussendlich ist es alles eine Frage des Geschmackes und der ist bekanntlich verschieden. Ich glaube, die Frage warum jemand fotorealistisch malt, kann durchaus mit der Tatsache in Verbindung gebracht werden, dass einem Künstler diese Ausdrucksform nahe liegt und sein Talent gerade dadurch zur Gänze zum Vorschein kommt.

Als Beispiel dafür kann ich wiederum Duane Hanson anführen. Zu Beginn seiner Karriere war vor allem der abstrakte Expressionismus besonders populär und weit verbreitet. Hanson konnte sich jedoch nie mit dieser Kunstform identifizieren und dies führte beinahe zu einem Stillstand in seinem künstlerischen Schaffen.
Als er jedoch an fotorealistisch gestalteten Skulpturen zu arbeiten begann, gelang ihm der künstlerische Durchbruch. Nach jahrelanger Suche hatte also nun auch er den Realismus als seine persönliche künstlerische Ausdrucksform gefunden. Eine Kunstform die ihm es ermöglichte, seine Botschaft und sein Anliegen zu vermitteln.

Ich bin also der Meinung, die Technik sollte im Bereich der Kunst keinen besonders großen Stellenwert einnehmen. Sie ist lediglich ein Medium mit dem ein Künstler seinen Gedanken, Gefühlen und der Botschaft welche er vermitteln möchte, Ausdruck verleihen kann. In meinen Augen ist fotorealistisches Malen keine Nachahmung der Realität sondern die künstlerische Interpretation von Realismus im Allgemeinen, sollte es zumindest sein.

Ich habe mich in einer Ansicht bestätigt gefühlt, als ich Gottfried Helnwein selbst die Frage gestellt habe und er mir folgendes geantwortet hat:

Ich habe nie verstanden, warum der Technik in der Kunst so viel Bedeutung zugemessen wird. Im Laufe der Jahre habe ich, wie Sie richtig bemerken, die unterschiedlichsten Techniken benützt und kombiniert, einfach um herauszufinden, welches Medium und welche Methode für eine bestimmte Bildidee am geeignetsten ist. Ich bevorzuge keine von ihnen und meine Entschei-

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dungen sind in der Regel spontan und intuitiv. Mich interessieren in einem Kunstwerk nur die Intensität und die Wirkung. Welche Technik der Künstler eingesetzt hat, um sie zustande zu bringen, ist mir eigentlich relativ egal.138

Helnwein arbeitet mit dem Credo: „Kunst darf alles!“ und ich finde das sollte man auf alle Kunstbereiche anwenden. Die künstlerische Freiheit ist ein Geschenk und wie jemand seinen Gedanken äußert, sprich welches Medium oder welche Technik ein Künstler benutzt, soll Ausdruck individueller künstlerische Interpretation sein.

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138 Gottfried Helnwein in: Persönliches E-Mail an Susi Wiesenegger

 

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4. Zusammenfassung

In der vorliegenden Fachbereichsarbeit werden im Wesentlichen drei Aspekte des Fotorealismus behandelt:

• Entstehungsgeschichte, Techniken und die jeweiligen Vertreter

• der Künstler Gottfried Helnwein - mit Schwerpunkt auf sein vielfältiges Werk

• Fragestellung Fotorealismus: Bloße Nachahmung oder doch künstlerische Interpretation?

Etwa gegen Ende der Sechzigerjahre entstand der Fotorealismus in verschiedensten Orten Amerikas, er hatte lange Zeit keine einheitliche Richtung daher entstanden zahlreiche Namen für diese Kunstrichtung: Hyperrealismus, Radical Realismus, Sharp- Focus- Realismus und viele andere mehr. Fotorealismus entstand aus der Pop- Art und war ein bewusster Gegenpol zu den weit verbreiteten abstrakten Künsten, wie abstrakter Expressionismus und Minimal-Art. Grundprinzip vieler Fotorealisten ist, ihre Umgebung auf möglichst exakte Weise abzubilden; die aufwändige Technik steht im Vordergrund, um die gewünschte Bildwirkung zu erzeugen. Als Vorlage für die Bilder dienen dem Maler nicht länger Studien und Skizzen, sondern Fotos und Dias. Der kreative Akt besteht daher aus der Motivauswahl des Fotos sowie der folgenden farblichen Gestaltung des Gemäldes. Die Motive variieren von Künstler zu Künstler, beschränken sich aber
im Wesentlichen auf reflektierende Oberflächen - glänzende, glasverkleidete Fassaden, Schaufenster, Autos etc.. Es ist den Malern jedoch ein Anliegen, den Betrachter, der im Zeitalter der Medien oft mit visuellen Reizen überhäuft wird, mit dem Ziel, seine Umgebung bewusster wahrzunehmen, zu sensibilisieren.

Wie umfangreich das Spektrum der Möglichkeiten des Fotorealismus ist, kann man am Werk des amerikanischen Bildhauers Duane Hanson erkennen. Hanson gilt als Bindeglied zwischen Pop-Art und Foto- bzw. Hyperrealismus. Anfang der Sechziger begann der Bildhauer mit der Herstellung maßstabsgetreuer Figuren. Er entwickelte ein strenges, technisches Kompositionskonzept um die fotorealistischen Skulpturen möglichst realistisch wirken zu lassen. Hanson war stets darum bemüht, Ausschnitte der Wirklichkeit ins Museum zu bringen. Seine Kunst basierte auch auf dem Grundsatz, dass Kunst Leben ist, das ist schlicht und ergreifend realistisch. Diesen Grundsatz nahmen sich sehr viele Künstler zu Herzen und eine neue Stilrichtung entstand, der Fotorealismus.

Ich möchte das Unterbewußtsein [sic!] dort anbohren, wo man sonst nicht hinkommt.139

Von wem sonst als von dem Künstler Gottfried Helnwein selbst könnte dieses Zitat stammen. Es scheint, als würde der Künstler in diesem kurzen prägnanten Satz die Essenz seiner Kunst zusam menfassen. Die Menschen dort zu erreichen, wo sie es sonst nicht zulassen - im Unterbewussten - um eine aktive Beteiligung des Betrachters am Kunstwerk durch Hervorrufen von Emotionen buchstäblich zu provozieren.


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139 Sager, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin, 1982, S. 36

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Gottfried Helnwein wurde 1948 im Wien der Nachkriegszeit geboren, seine strenge katholische Erziehung sowie das repressive Schulsystem haben den rebellischen Freigeist stets unterdrückt und ihm das Leben zur Hölle gemacht. Im Gegensatz dazu gab es für ihn jedoch glücklicherweise auch einen Himmel, Entenhausen, eine Welt in der sich der junge Gottfried Helnwein zurückziehen und sich zum ersten Mal auch zu Hause und verstanden fühlen konnte. Diese beiden völlig gegensätzlichen Welten sind Schlüssel und Inspiration zu seinen späteren Werken und daher von größter Bedeutung.

Helnwein wollte ursprünglich nicht Maler werden. Er erkannte aber bald die Wirkungskraft eines Bildes, als er sich in jungen Jahren als Schüler mit einer Rasierklinge schnitt und mit dem eigenem Blut ein Bild Hitlers malte, die Reaktion der Schulverwaltung war dementsprechend. Kunst war für ihn in erster Linie eine Waffe, um sich gegen die Ungerechtigkeit auf dieser Erde zu wehren und die Wehrlosen zu beschützen.

In seiner Laufbahn als Künstler finde ich, hat Gottfried Helnwein beinahe alle verschiedenen Medien der Kunst ausprobiert, um wundervolle, ausdrucksstarke Werke zu schaffen: Aquarelle, Tryptichen und Zeichnungen (mit Farbstift, Feder und Tusche) zu Beginn seiner Karriere, zahlreiche Aktionen als Student, später entwickelt sich die Fotographie zu einem wichtigen Medium und eigenen Bereich in seinem Werk. Helnwein portraitierte vor allem viele Idole des 20. Jahrhunderts
wie Michael Jackson, Mick Jagger und Andy Warhol. Zum anderen dienten ihm Fotografien als Vorstudien für seine spätere Malereien, Wechselspiele mit Licht und Schatten, bei denen es Helnwein immer um Emotionen geht. Der Künstler stattete ebenso mehrere Opern mit Bühnenbildern und den jeweiligen Kostümen aus, kreierte zahlreiche Plakate für Theaterproduktionen und gestaltete Schallplattenhüllen und CD- Covers. Letztendlich beschäftigt sich der Künstler vor allem mit
hyperrealistischen Gemälden, sowie Installationen im öffentlichen Raum.

Für Gottfried Helnwein ist jedoch immer der Bildinhalt wichtiger als die zahlreich angewandten Techniken. Dies unterscheidet den Künstler wesentlich von den traditionellen Fotorealisten, da die Aussage im Mittelpunkt des Werks steht. Dabei ist die Botschaft Helnweins rein geistiger, also immaterieller Natur und kann sich nur durch das Werk selbst vermitteln. Wesentlich ist jedoch, dass der Betrachter bereit ist, sich damit auch auseinanderzusetzen d.h. jene Botschaft zu empfangen. Man muss nur vor das Bild treten und schauen - das ist alles. Ob und was dadurch im Betrachter ausgelöst wird, liegt außerhalb des Einflussbereiches des Künstlers.

Das Thema seiner Werke ist, das absurdeste Phänomen des Universums - der Mensch - und der Versuch jenes Wesen zu verstehen. Dazu will er den Menschen in all seinen Facetten, mit seinen Ängsten, Albträumen, Visionen darstellen, unter dem Credo: Kunst darf alles!

Auffällig in Helnweins Bilder ist, dass nie der Akt der Gewalt selbst sichtbar ist, sondern stets das Ergebnis und seine Opfer. Die meisten Opfer darunter sind traurigerweise Kinder, verletzte, von


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Gabel und sonstigen chirurgischen Instrumenten durchbohrte, blutverschmierte, wehrlose Kinder. Helnweins komplettes Unverständnis, wie man Kinder sowie Tieren nichts anderes als Liebe und Bewunderung entgegenbringen kann, spiegelt sich in diesen Motiven wieder. Jenes Unverständnis war auch der Grund weshalb er zu malen begonnen hatte, um den Ungerechtigkeiten auf Erden entgegen zuwirken und sie für den Betrachter sichtbar zu machen. Gottfried Helnwein ist und sieht sich auch selbst als Chronist der Zeit um uns Menschen an unsere jüngste Vergangenheit zu erinnern, zu zwingen sich mit den Problemen der Gesellschaft auseinander zu setzen. Die Helden seiner Bilder sind dennoch die Kinder, als Metapher für eine potentielle, vorhandene Unschuld und im
Innersten des Menschen vorhandene Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit.

Die Frage, warum jemand fotorealistisch malt, obwohl es die Fotografie gibt, ist meiner Meinung nach nicht mit einer allgemein gültigen These zu beantworten.
Ansicht und die Motivation variieren selbst von Künstler zu Künstler. Richard Estes z. Bsp. glaubt, die Fotografie sei in Sachen Realismus nicht das letzte Wort und dies ist möglicherweise der Grund, weshalb er lieber malt. Davon unterscheidet sich maßgeblich die Meinung des ersten Fotorealisten Malcom Morley, für den einfach nur die Faszination an der Technik im Mittelpunkt steht und er deshalb diese Malweise bevorzugt.

Ich bin der Meinung, die angewandte Technik sollte im Bereich der Kunst keinen besonders großen Stellenwert einnehmen. Sie sollte lediglich ein Medium sein mit dem ein Künstler seinen Gedanken, Gefühlen und der Botschaft, welche er vermitteln möchte, Ausdruck verleihen kann.

In meinen Augen ist fotorealistisches Malen folglich keine Nachahmung der Realität sondern die künstlerische Interpretation von Realismus im Allgemeinen, sollte es zumindest sein. Gottfried Helnwein arbeitet mit dem Credo: „Kunst darf alles!“ und ich finde das sollte man auf alle Kunstbereiche anwenden. Die künstlerische Freiheit ist ein Geschenk und wie jemand seine Gedanken äußert, sprich welches Medium oder welche Technik ein Künstler benutzt, soll Ausdruck individueller künstlerische Interpretation sein.


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Literaturverzeichnis:

BUCHSTEINER, Thomas: Kunst ist Leben und Leben ist realistisch. In: Buchsteiner Thomas/Letze; Otto (Hrsg.): Duane Hanson more than reality. Ostfildern- Ruit: Hatje Cantz, 2001, S. 68- 79
HAUSNER, Rudolf: Ich Adam. München: Deutsches Taschenbuch, 1987
HAHNAU, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/hausarbeiten.html
HELNWEIN, Gottfried: ANGELS SLEEPING. Gottfried Helnwein Retrospective. Prag: GalerieRudolfinum, 2008
HELNWEIN, Gottfried: FACE IT.Lentos Kunstmuseum Linz, Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2006
HELNWEIN, Gottfried: HELNWEIN. State Russian Museum, St. Petersburg: Könemann, 1999
HELNWEIN, Gottfried: WER IST CARL BARKS? Die Ente ist Mensch geworden - Das zeichnerische Werk von Carl Barks. Bayreuth: Neff, 1993
HELNWEIN, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle. In: www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html
HERRMANN, Günther J.: Fotorealistische Malerei - "Technik" In: www.kunst-fotorealismus.de/technik_fotorealismus.htm
HOFMANN, Fabian: Der FotoRealismus. In: did.mat.uni-bayreuth.de/~kunst/bib/fotoreal.htm
KULTURMANN, Udo. New Realism Greenich: New York Grapic Society, 1972
LAUPITZ, John: Mit Blut im Pinsel malt er was dem Publikum gefällt. Umstrittene Helnwein-Bilder bei „art & book“, In: Hamburger Abendblatt Nr.11/2 W./36, 1983
MÄCKLER, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com/maeckler/seite01.html
MEISEL, Louis K.: FOTOREALISMUS, Malerei des Augenblicks. Deutsche Auflage, Luzern, Atlantis Verlag AG, 1989
NEDOMA, Peter: Peter Nedoma, Direktor der Gallerie Rudolfinum in Prag, spricht mit Gottfried Helnwein. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html
ROMAIN; Bluemeler (Hrsg.): Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. Duane Hanson. Ausgabe 24, München: Weltkunst und Bruckmann Verlage, 1993
SAGER, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin, 1982, S.36
SCHLAPBACH, Dirk: Airbrush. Grundlagen. Motive und Modellgestaltung. Wiesbaden: English Verlag, 2004

 

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SORGE, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein - Über das Leben in Los Angeles - . In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html
STREMMEL, Kerstin: Realismus. Köln: TASCHEN GmbH, 2004

Sekundärliteratur:
WIESENTHAL, Simon: Gedanken von Simon Wiesenthal. In: Helnwein, Gottfried. Helnwein, Neunter November Nacht. Köln: Museum Ludwig, 1988
STILES, Kristine: Performance Art. In: Selz, Peter, Stiles Kristine. Theories and Documents of Contemporary Art. Berkeley: University of California Press, 1996

Weiterführende Literatur:
HELNWEIN, Gottfried; POE, Edgar Allan: Unheimliche Geschichten. Friedrichshafen: Kunstverlag Weingarten GmbH, 1979
HELNWEIN, Gottfried: HELNWEIN. Wien: Frölich & Kaufmann, 1982
HONNEF, Klaus: Pop Art. Köln: TASCHE GmbH, 2004
SCHURIAN, Walter: Phantastischer Realismus. Köln: TASCHEN GmbH, 2004


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Abbildungsnachweis:

Abbildung 1 Hanson, Abortion, 1965 aus: Buchsteiner; Letze, 2001, S.15
Abbildung 2 Helnwein, Lebebsunwertes Leben, 1979 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/watercolors/bild_1418.html
Abbildung 3 Helnwein, Selbstportrait 29, 1991 aus: Offizielle hompage www.helnwein.com/werke/selbstportraits/bild_476.html
Abbildung 4 Munch, Der Schrei,1893 aus: Hompage: www.edvardmunch.info/munch-paintings/munch-paintings/The-Scream-1893-2.asp
Abbildung 5 Messerschmidt, The Yawner aus: imagecache2.allposters.com/images/pic/SSPOD/SuperStock_1158-2220~The-Yawner-Posters.jpg
Abbildung 6 Helnwein,Selbstportrait, 1987 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/selbstportraits/bild_468.html
Abbildung 7 Helnwein, Das Grubenunglück, 1977 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/papier/bild_222.html
Abbildung 8 Helnwein, Zwei amerikanische Ärzte behelligen einen Patienten, 1977 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/papier/bild_916.html
Abbildung 9 Helnwein, Mann ohne Gesicht, 1985 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/papier/bild_1027.html
Abbildung 10 Goya, Los Caprichos, 1799 aus: en.wikipedia.org/wiki/Caprichos
Abbildung 11 Helnwein, Los Caprichos, 2006 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/leinwand/bild_2503.html
Abbildung 12 Helnwein, Gemeines Kind, 1970 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/watercolors/bild_2111.html
Abbildung 13 Helnwein, Sonntagskind, 1972 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/watercolors/bild_39.html

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Abbildung 14 Helnwein, Andy Warhol, 1983 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/photo/bild_983.html
Abbildung 15 Helnwein, Arno Breker holding a Picture of Joseph Beuys, 1988 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/photo/bild_103.html
Abbildung 16 Richter, 48 Portraits, 1971 aus: Hompage: www.gerhard-richter.com/art/atlas/atlas.php?11612&lang=de%20-%209k
Abbildung 17 Helnwein, 48 Portraits, 1992 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/leinwand/bild_689.html
Abbildung 18 Helnwein, Der Rosenkavalier by Richard Strauss, 2005 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/theater/bild_1966.html
Abbildung 19 Helnwein, Selektion, 1988 aus: Offizielle hompage: www.helnwein.com/werke/aktionen/bild_531.html
Abbildung 20 Helnwein, White Christmas, 1992 aus: Hompage: www.helnwein-museum.com/article510.html
Abbildung 21 Helnwein, Das stille Leuchten der Avantgarde, 1986 aus: Hompage: www.gottfried- helnwein.at/country/austria_special/artikel_1547.html


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Anhang:

Chuck Close: (* 1940 in Monroe)

Ende der sechziger Jahre begann Close seine großformartigen Portraits mit Hilfe der Fotografie und meist mit Acrylfarben zu malen. Objektivität war das Ziel des Malers, der stark vergrößerte Projektionen im Rasterverfahren auf eine Leinwand übertrug. Dabei bildete er entweder bekannte Gesichter oder sich selbst detailgetreu ab. Es ist faszinierend, wie unheimlich präzise Close dabei vorgeht. Er selbst jedoch ist fasziniert von der Unvoreingenommenheit dieser Verfahrensweise.

Der Fotoapparat ist objektiv. Wenn er ein Gesicht erfasst, macht er keinen hierarchischen Unterschied zwischen Nase und Wange. Der Apparat weiß nicht, was er betrachte, er zeichnet alles auf. Ich möchte mich mit diesem Schwarzweißbild auseinandersetzen, da zweidimensional und voller Oberflächendetails ist.140

Betrachtet man seine Bilder lediglich als Wiedergabe der Realität, sind sie uninteressant. Man muss allerdings hinter die Fassade blicken und sie nicht bloß als eine konsequente naturalistische Wiedergabe der Realität betrachten, sondern als eine analytische Methode, als Kommentar zum fotografischen Blick. Close beschreibt sein Verfahren selbst als den Versuch, seine Ideen durch die Kamera zu filtern. Dabei interessiert ihn die Künstlichkeit im Gegensatz zur Illusion. Besonders interessant ist die Tatsache, dass Close für die verschiedenen Bildpartien unterschiedliche Fotos verwendet. Zu seiner analytischen Vorgehensweise kommt nun also auch noch ein synthetisches Verfahren hinzu, das mit den verschiedenen Brennpunkten arbeitet und sie zusammenführt. Aus dieser Konzentration auf verschiedenen Brennpunkte entwickelte sich auch eine eigene Bezeichnung für diese Vorgehensweise: Sharp-Focus Realism.141


Richard Estes: (*1936 Kewanee)

Ich glaube nicht, dass die Fotografie in Sachen Realismus das letzte Wort hat142

sagt der Künstler, der sich selbst als realistischen Maler bezeichnete. Neben Chuck Close und Audrey Flack gilt er als einer der führenden Fotorealisten der frühen Jahren.

1967 fand er sein eigenes Thema und widmet sich seither konkurrenzlos der Umsetzung urbaner Landschaften des 20. Jahrhunderts. Seine Großstadtaufnahmen sind meist menschenleer, da er der Meinung ist, sie würden die angestrebte Präzision stören. Estes verzichtet auf narrative Elemente und widmet sich ganz der Faszination der verschiedenen Spiegelwirkungen. Die Fotografie dient


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140 Chuck Close in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 40
141 Vgl.: Ebd. S.40
142 Richard Estes in/!Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 47

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ihm hierbei als Erinnerungshilfe, dem Künstler ist es jedoch wichtig, dass alles auf seinen präzisen, hypergenauen Bildern gleich deutlich erkennbar ist.143

Ich mag es nicht, wenn manche Dinge fokussiert sind und andere nicht, weil man dann gezwungen ist wird, auf bestimmte Sachen zu achten – ich versuche, das zu vermeiden. Ich möchte, dass ihr euch alles anseht. Alles ist gleich wichtig."144

Diese gleichmäßige Präzision entwickelte sich zum fotorealistischen Pendant zur All- over- Struktur der abstrakten Malerei. Es sollte einem Protest gegen die Hierachie des vom Künstler diktierten Blicks gleichen. Man wollte dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich selbst auf ein individuell wahrgenommenes Detail zu fokussieren. Dennoch bedeutet das nicht, dass er keine Änderungen am Bild vornimmt.

Im Gegenteil, seine Bilder, die zumeist Schaufenster oder andere, sich spiegelnde und reflektierende Elemente beinhalten, stellen die Gegenstände, die nun in jenen wiedergegeben werden, ebenso präzise und genau dar wie beispielsweise das Schaufenster. In Wirklichkeit jedoch, müssten diese Gegenstände aber unscharf sein. Sein Ziel ist also nicht die realistische Wiedergabe von etwas Vorhandenen, sondern die Schaffung einer „idealen Realität“, die mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben soll, als die naturgetreue Darstellung des Geschehens. Somit schafft Estes ein verwirrendes Spiel aus Illusion und Realität.145

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143
Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S.47
144 Richard Estes in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 47
145 Vgl.:Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S.47


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Werdegang Gottfried Helnwein:
(Ausgewählte Biographie)

1948 geboren in Wien, Favoriten

1965 – 1969 Studium an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt

1966 Beginn der Arbeit mit Aktionen, erste Bandagierungsaktionen

1969 - 1973 Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste, Wien.
Beginn der Arbeit an einer Serie von hyperrealistischen Gemälden verwundeter und gequälter Kinder.
Intensive Beschäftigung mit Formen der Trivialkunst wie Comic, Werbung und Film; Umsetzung dieser Erfahrung in seiner Arbeit Aquarelle wie: Unkeusches Kind; Peinlich; Gemeines Kind. Erste Ölgemälde: Mutter, du hier?; Führer, wir danken Dir!

1970 Erhielt er den Meisterschulpreis.
Erste fotografische Selbstbildnisse mit Bandagen und chirurgischen Instrumenten;
Fotoaktion mit Kindern
Erste Einzelausstellung Nachtgallerie im Atrium, Wien.
Aktion Die Akademie brennt;

1971 Kardinal- König- Preis
Beginn der ersten Aktionen in der Öffentlichkeit in Wien – auf der Straße, in Kaffehäusern,
In einer Ausstellung im Künstlerhaus Wien kleben Unbekannte Aufkleber mit der Aufschrift „Entartete Kunst“ auf den Bildern Helnweins.
In der Galerie D in Mödling bei Wien lässt der Bürgermeister bei der Eröffnung der Ausstellung Bilder von Helnwein durch Polizisten beschlagnahmen.

1972 Aktion Blut für Helnwein in der Galerie in der Dommayergasse, Wien
Ausstellung in der Galerie des Pressehauses Wien, wird nach drei Tagen, wegen Protesten und Streikdrohungen des Betriebsrates abgebrochen.
Arbeiten an einer Serie von Feder- , Buntstift- und Bleistiftzeichnungen: Freud und Leid; Das kräht er vor Vergnügen, der kleine Mann; Das Patengeschenk

1973 Erste Radierungsauflage Meine Buben haben einen Türken in die Schlucht gestoßen
Weitere Federzeichnungen und Aktionen mit Kindern
Erstes Cover für das Polit- und Kulturmagazin Profil ( „Selbstmord in Österreich“), auf dem ein kleines Mädchen mit aufgeschnittenen Pulsadern zu sehen ist. Daraufhin heftige Reaktionen der Öffentlichkeit, viele Leser kündigen ihre Abonnements.

1974 Theodor- Körner- Preis.
Aktion Weiße Kinder mit 15 bandagierten Kindern in der Fußgängerzone Kärntnerstraße in Wien

1975 Arbeit an einer Reihe von Federzeichnungen zum Thema Korrekturen
Metallrippe zum Lächeln; Korrekturspange; Hilfe für Mann ohne Kinn; etc.

1976 Aktion Allzeit bereit, Naschmarkt Wien

1977 Studienaufhalt für sieben Monate in den USA. Intensive Auseinandersetzung mit den Werken Kandinskys und Walt Disneys

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1979 Einzelausstellung mit Federzeichnungen in der Albertina, Wien.
Aktion zum Internationalen Jahr des Kindes: R. Höpfinger und E. Regnier verteilen Süßigkeiten und Spielzeuge, versehen mit Texten und Helnwein-Bildern von verwundeten und gequälten Kindern, an Passanten in Zürich
Brief an Dr. Gross, veröffentlicht mit dem Bild Lebensunwertes Leben in der Zeitschrift Profil Helnwein beschäftigt sich intensiv mit der Spaltung der Kunst in E- und U-Bereiche und bezeichnet dies als Apartheid- Situation des 20. Jahrhunderts.

1981 Beginn einer Serie von Arbeiten über Trivialhelden und Trivialmythen
Es folgen die Bilder: Der Bomber der Nation ( Hans Krankl); Peter der Große ( Peter Alexander) und Niki Lauda
Kunstkritiker lehnen die Arbeit als totale Entgleisung ab, seine Bewunderer bezeichnen es als „Malerei für die Ewigkeit
Kritiker der Neuen Zeit antworten darauf: „Möge sich die Ewigkeit gegen eine solche Zumutung zur Wehr setzen
Erste Begegnung und Beginn der Freundschaft mit H.C.Artmann

1982 Treffen mit Rolling Stones in London, Porträts der Bandmitglieder entstehen Helnweins Kennedy- Porträt erscheint als Time- Cover anlässlich des 20.Todestag des Präsidenten
1983 Einzelausstellung im Stadtmseum München. Die Ausstellung wird von 100.000 Besuchern gesehen.
Andy Warhol sitzt Helnwein in New York Modell für einen Fotozyklus.
Erste Begegnung mit Peter Zadek
Helnwein trifft Muhammed Ali in Los Angeles, der in seinem Film mitspielt. Sein Selbstporträt wird in der Ausstellung „Köpfe und Gesichter“ in der Kunsthalle Darmenstadt gezeigt

1984 Eine Selbstporträt- Collage als Beitrag zur Ausstellung „1984- Orwell und die Gegenwart“
Helnweins Selbstporträt ist Cover des italienischen Nachrichtenmagazins L‘ Espresso
Helnwein trifft den Walt- Disney- Zeichner Carl Barks
Beteiligung an der Grafikmappe zu den Olympischen Winterspielen Sarajewo 1984
Fotosession mit Clint Eastwood im Münchner Stadtmuseum

1985 Einzelausstellung in der Albertina, Wien – mit Texten Walter Koschatzky und Peter Gorsen.
Umzug nach Deutschland, Helnwein lebt und arbeitet in einem Schloss in der Nähe von Köln
Große Veränderung in seiner Arbeitsweise; Beginn einer Serie von großformatigen, mehrteiligen Bildern ( Diptychen, Triptychen)
Intensive Beschäftigung mit Tabubereichen
Rudolf Hausner schlägt Helnwein als seinen Nachfolger für die Leitung der Meisterklasse der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien vor

1986 Er arbeitet an einer Reihe großformatiger Selbstporträt- Metamorphosen, die in dem Bild des schreienden, durch Gabeln geblendeten Selbstporträts ihren Ursprung finden
Beginn einer Reihe von großformatiger Selbstinszenierungen zu den Themen: sterbende Helden, SS- Mann, Märtyrer, Dulder, Kinderfreund und Mumie
Gott der Untermenschen; Das stille Leuchten der Avantgarde; Bete Herr denn wir sind nahe!; Eine Träne auf Reisen; Der Tod des Expertentums, Partisanenliebe; Blitzkrieg der Liebe; Geheime Elite; Gefäße der Leidenschaft

1987 Wendet sich nun auch, parallel zu den großformatigen mehrteiligen Bildern und der fotografischen Arbeiten, auch der Buntstiftzeichnung zu: Knab und Neger; Triumph der Wissenschaft; Nachgeburt der Venus; Das Lügengebet
Einzelausstellung im Leopold Hoesch Museum, Düren, in der Villa Stuck, München und im Musee d´Art Moderne, Straßburg
Installation und Ausstellungsoper Der Untermensch in der Kusthalle Bremen.
Die Monographie „Der Untermensch“, Selbstbildnisse von 1979- 1987 erscheint im Verlag Edition Braus mit Texten von Heiner Müller und Peter Gorsen.

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1988 Große Installationen Selektion (Neunter November Nacht) vor dem Museum Ludwig in Köln.
Helnwein entwarf das Plakat zu Peter Zadeks Inszenierung der „von Frank Wedekind im Hamburger Schauspielhaus, welches einen Sturm von Protesten auslöste.
Hamburgs Bürgermeister protestiert gegen das Bild und eine „Deutschsprachige Bürgerinitiative zum Schutz der Menschenwürde“ erstattet Strafanzeige gegen Helnwein und Zadek wegen Pornografie. Der Bürgermeister der Stadt Wien, Helmut Zilk, hingegen ist von dem Plakat begeistert und gratuliert Helnwein von Herzen.
Fotosession mit Michael Jackson in Deutschland.
Teilnahme an der Ausstellung „Selection 4, Polaroid- Kunst der letzten 10 Jahre“ im Victoria & Albert Museum in London und an der „Photonika“ in Köln.

1989 Einzelausstellung „Zeichnungen und Arbeiten auf Papier“ im Folkwang Museum in Essen.
Gemeinsame Arbeit mit dem Schriftsteller Heiner Müller, dem Choreographen Hans Kresnik und dem Tänzer Ismel Ivo an einem Theaterstück über Antinin Artaud
Arbeit am Bühnenbild und den Kostümen zu „Carmina Burana“ von Carl Orff an der Bayrischen Staatsoper (Eröffnung der Münchner Festspiele). Dem Staatsopern Direktor Wolfgang Sawallisch sind die Entwürfe doch etwas zu radikal, worauf er die Verträge mit Helnwein und Regisseur Hans Kresnik sofort kündigt.
Helnwein entwarf Bühnenbild, Kostüme und Masken für Shakespeare's‘ „Macbeth“, eine Inszenierung des choreographischen Theaters von Hans Kresnik im Stadttheater Heidlberg. Das Stück wird vom Publikum und Kritik gefeiert und wird später mit dem Theaterpreis von Berlin ausgezeichnet.
Einzelausstellung „Arbeit auf Papier“ im Kunstverein Ludwigsburg.
Treffen mit William S. Burroughs in Lawrence, Kansas.
Helnwein trifft Norman Mailer in Provincetown, USA
Arbeit an einer Serie von Zeichnungen und Pastellen: Modern Sleep; Gott in Panik; Das Wunderkind; Verbrannter Engel

1990 Einzelausstellung einiger Fotographien im Musee de l’Elysee, Lausanne.
In Japan erscheint bei Dai Nippon eine Monographie, die das fotografische Werk Helnweins von 1970 bis 1989 zusammenfasst, mit Texten von Toshihiharu Ito.
Bühnenbild zu „Ödipus“ von Sophokles am choreographischen Theater von Hans Kresnik, Heidelberg.
Arbeit an einem Fragment der Berliner Mauer für das Ausstellungsprojekt „30 Artists in Berlin“.
Fotosession mit Keith Richards an der Berliner Mauer.

1991 Helnwein trifft Charles Bukowski und David Bowie in Los Angeles.

Buchprojekt mit Marlene Dietreich „Some facts about myself“ , zu Berlin nach dem Fall der Mauer. Helnwein fotografiert das neue Berlin und Marlene Dietrich schreibt den Begleittext dazu.
Installation Kindskopf in der Minoritenkirche in Krems, Niederösterreich.
Arbeit an den 48 Porträts Gegenstück zu Gerhard Richters 48 Porträts von Männern.

1992 Fotosession mit Roy Lichtenstein in New York
Installation White Christmas im Leopold Hoesch Museum in Düren anlässlich der vierte Internationalen Biennale der Papierkunst.
Erste Einzelausstellung in der Modernism Gallery of San Francisco
Ausstellung „Aktion- Reaktion“ von Raine, Nitsch, Brus und Helnwein in der Stiftung Fiecht in Österreich. Einzelausstellung „Faces“ im Stadtmuseum München.

1994 Arbeitet intensiv an der Entwicklung neuer künstlerischer Techniken. Er bearbeitet und verändert Fotos am Computer und überträgt sie dann auf eine Leinwand. Dort entwickelt er sie weiter indem er sie übermalt.
Installation eines 25 mal 16 Meter großen Bildes, das ein monochrom blaues Gesicht zeigt, auf einem Gebäude in der Wiener Innenstadt

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1995 Einzelausstellung „Faces“ in Housten Center for Photography.
Der Kunstsammler Peter Ludwig beauftragt Helnwein, ein Porträt von ihm und seiner Frau Irene für das neue Ludwig Museum im Staatlichen Russischen Kunstmuseum in St. Petersburg zu malen.
Peter und Irene Ludwig erwerben Kindskopf für das Ludwig Museum in St. Petersburg und Dresden für das Ludwig Museum in Peking.

1996 Der Künstler arbeitet an den Porträts von Peter und Irene Ludwig für das Ludwig Museum in Peking.
Arbeit an einer Reihe fotografischer Darstellungen von Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Unter Verwendung von Computertechniken verändert er die Darstellungen immer wieder, bis sie sich aufzulösen beginnen.
Bühnenbild und Kostüme für „Pasolini“ im Schauspielhaus Hamburg unter der Regie von Hans Kresnik.
Einzelausstellung im Kunstmuseum in Otaru, Japan.
Gruppenausstellung zu Eröffnung des Ludwig Museums in Peking.

1997 zieht Helnwein mit seiner Familie nach Irland. Er lebt und arbeitet in einem Schloss bei Dublin.
Einzelausstellung im Ludwig Museum, im Staatlichen Russischen Kunstmuseum in St. Petersburg
Einzelausstellung im Wäinö Aalton Museum in Turku, Finnland.
Fotosession it der deutschen Musikgruppe Rammstein
Bühnenbild für „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller unter der Regie von Gert Hof in Berlin und München 146

1998 Einzelausstellung in der Modernism Gallery, San Francisco

1999 Fotosession mit Chuck Close in New York
Einzelausstellung und Rauminstallation Apokalypse in der Dominikanerkirche und im Niederösterreichischen Landesmuseum

2000 Einzelausstellung in der Robert Sandelson Gallery in London
Inspiriert durch die Arbeiten Helnweins kreiert der argentinische Schriftsteller Rodrigo Malmsten das Theaterstück „Kleines Helnwein“. Es beschäftigt sich mit den Themen Faschismus und Gewalt vor allem gegenüber Kindern.

2001 Bühnenbild und Kostüme für Stravinskis „Rake‘s Progress“ an der Hamburgischen Staatsoper.
Einzelausstellung „Ephiphany“ im Butler House in Irland und Installation in der Stadt Kilkenney wahrend des jährlichen Kunstfestivals. Er stellte dabei monumentale Bildtafeln an den Fassaden von Häusern im mittelalterlichen Stadtkern auf.

2002 Helnwein etabliert sein eigenes Atelier in downtown Los Angeles
Gruppenausstellung „Augenblick- Fotokunst“ im Museum Kunst der Gegenwart in Klosterneuburg, Wien.

2003 Entsteht eine Dokumentation Helnweins Installation zu Neunter November Nacht und den Themen Gewalt, Faschismus und Holocaust unter der Regie von Henning Lohner und wird im Museum of Tolerance in Los Angeles gezeigt.
In dieser Zeit arbeitet Helnwein auch mit Marilyn Manson zusammen und die Serie The Golden Age of Grotesque entsteht. Die Künstler arbeiten an verschiedenen Foto-, Video- und Performance Projekten die bei einer Ausstellung auf der Volksbühne in Berlin gezeigt werden.

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146 Anmerkung: Die biographischen Daten bis zum Jahr 1997 wurden aus dem Ausstellungskatalog Helnwein, anlässlich einer Retrospektive im Ludwig Museum in Moskau, entnommen. Siehe S. 414- 417

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2004 Einzelausstellung „The Child- Works by Gottfried Helnwein“ im Fine Arts Museum in San Francisco. Wird von 127.000 Besuchern besichtigt und der Kritiker des San Francisco Chronicle wählt The Child zur besten Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers im Jahr 2004.
Teilnahme an der Gruppenausstellung Donald Duck im Cobra Museum of Modern Art in Amsterdam.

2005 Einzelausstellung „Beautiful Children“ in der Galerie Ludwig Schloss Oberhausen und im Wilhelm- Busch Museum in Hannover
Zusammenarbeit mit Maximilian Schell an der Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss für die Los Angeles Opera.
Erneute Zusammenarbeit mit Marilyn Manson an dem Film-Projekt Phantasmagoria- The Vision of Lewis Carroll

2006 Einzelausstellung „Face it“ im Kunstmuseum Lentos147

2007 Einzelausstellung in der Modernism Gallery San Francisco „The Disasters of War
Angels Sleeping” Ausstellung in der Waterford Greyfriars Municipial Art Gallery
Gruppenausstellung im Fine Arts Museums of San Francisco „Rembrandt to Thiebaud a decade of collecting works on paper; Gestaltung der Retrospektive im Karikaturmuseum in Krems „DONALD DUCK ...UND DIE ENTE IST MENSCH GEWORDEN - Das Zeichnerische und poetische Werk von Carl Barks.“

2008 Beteiligung an der Ausstellung „Kunst nach 1970. Österreichische Kunst aus der Albertina
Installation in City of Waterford, Irland „The last Child
Einzelausstellung „I walk alone“ in der Natalie and James Thompson Art Gallery
Einzelausstellung in der Galerie Rudolfinum, in Prag „Angels Sleeping
Gottfried Helnwein arbeitet erneut mit dem Regisseur Johann Kresnik an der Oper "Der Ring der Nibelungen Teil 2- Siegfried / Die Götterdämmerung" am Opernhaus Bonn und gestaltet das Bühnenbild und die Kostüme.

 

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Anmerkung: Die biographischen Daten von 1998 bis zum Jahr 2006 wurden aus dem Ausstellungskatalog Face it,
anlässlich einer Retrospektive im Lentos Museum in Linz, entnommen. Siehe S. 218

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E-Mail Gottfried Helnwein

Liebe Susi Wiesenegger,

Vielen Dank für Ihr Schreiben, Ich freue mich, dass Sie meine Ausstellung in Prag sehen konnten und dass sie Ihnen gefallen hat. Gerne will ich Ihre Fragen für Ihre Fachbereichsarbeit beantworten.

Wenn Sie Ihre Arbeit abgeschlossen haben, würde ich mich freuen, wenn Sie sie mir schicken würden, ich bin interessiert, was dabei herausgekommen ist.


Nun zu Ihren Fragen:


1.) Die Medien verbreiteten oft ein sehr kritisches Bild von Ihnen: "Helnwein im Konflikt zwischen Kommerz und Kunst"; "Helnwein der Psycho-Sado Wiener";
"der Käufliche",... Ihre Kunst ist nicht leicht anzunehmen, das sagen Sie selbst, aber sind Ihnen diese Kritiken nicht manchmal zu Herzen gegangen, war es für sie schwer damit umzugehen oder waren sie eine neue Quelle der Motivation?

Derartige Kritiken gab es vor allem Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Ausgelöst wurden sie durch provokative Aussprüche und Aktionen von mir, die sich gegen den Kunstbetrieb richteten und wegen verschiedener Verbalattacken gegen sog. Kunstexperten und Kritiker. Ich war so etwas wie ein Enfant Terrible, ein Ärgernis für die Kunst-Spiessegesellschaft und ich habe wirklich gegen so ziemlich alle Regeln verstossen. Kein Wunder, dass sie mich nicht ausstehen konnten.
Inzwischen hat sich meine Arbeitsweise verändert und weiterentwickelt und ich arbeite in den letzten 20 Jahren vor allem im angelsächsischen Raum und da ist die Rezeption und der Zugang zu meinem Werk ein ganz anderer. Aber auch in Österreich scheint sich seit der Lentos-Ausstellung die Einstellung der Medien in
Bezug auf meine Arbeit geändert zu haben.

(siehe:) www.helnwein.com/presse/selected_articles/artikel_1920.html
www.helnwein.com/news/update/artikel_3599.html
www.helnwein.com/news/update/artikel_3407.html
www.helnwein.com/news/update/artikel_2747.html

Grundsätzlich sollte die Kritik für die Arbeit und die Entscheidungen eines Künstlers keine Bedeutung haben.

2.) Sie hegen eine besondere Vorliebe für vage Bildtitel, meinte einst Peter Gorsen, mit dem Anliegen eine aktive Beteiligung des Betrachters zu provozieren und individuelle Zugänge zu schaffen. Aber was ist die Botschaft, in Ihren Augen, die Sie mit Ihrer Kunst weitergeben möchten?


Die Botschaft ist rein geistiger also immaterieller Natur und kann sich nur durch das Werk selbst vermitteln. Sofern jemand bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen d.h. zu empfangen. Man muss nur vor das Bild treten und schauen - das ist alles. Ob und was dann im Betrachter ausgelöst wird, ist ausserhalb meines Einflussbereiches. Es ist so wie Marcel Duchamp gesagt hat: 'Die Kunst ist ein 2-poliges Produkt. 50% davon ist der Künstler und 50% der Betrachter, wobei letzterer genau so wichtig ist wie der Erste, und was zwischen diesen beiden Polen entsteht, ist so etwas wie Elektrizität'. Dies ist die beste Definition von Kunst, die ich bisher gehört habe.

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Jeder Erklärungs- oder Interpretationsversuch durch den Künstler oder irgendeinen "Experten", der sich als Vormund aufspielen will, kann diesen Prozess nur stören und ist daher kontraproduktiv.

3.)Meiner Meinung nach sind Sie ein unheimlich begabter Künstler und arbeiten mit so vielen verschiedenen Techniken und in so vielen Bereichen. Dabei stellt sich mir dennoch die Frage warum malt jemand, Ihrer Meinung nach, fotorealistisch obwohl es die Fotographie gibt?

Ich habe nie verstanden, warum der Technik in der Kunst so viel Bedeutung zugemessen wird. Im Laufe der Jahre habe ich, wie Sie richtig bemerken, die unterschiedlichsten Techniken benützt und kombiniert, einfach um herauszufinden, welches Medium und welche Methode für eine bestimmte Bildidee am geeignetsten ist.
Ich bevorzuge keine von ihnen und meine Entscheidungen sind in der Regel spontan und intuitiv. Mich interessiert in einem Kunstwerk nur die Intensität und die Wirkung. Welche Technik der Künstler eingesetzt hat, um sie zustande zu bringen, ist mir eigentlich relativ egal.

Ich hoffe, meine Antworten sind hilfreich für Sie und ich wünsche Ihnen Erfolg für Ihr Projekt und die Matura.


Ganz herzliche Grüsse,


Gottfried Helnwein

 

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