Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern.

HELNWEIN: Zuerst war ich bei den Schulbrüdern - wieder katholisch. Da erinnere ich mich an den Bruder Albert, einen achtzigjährigen Mönch, der vor fünfzig Schülern in einer ganz dichtgedrängten Klasse Violine spielte - das hat mich ungeheuer beeindruckt; und dann, daß "Gut-Punkte" verteilt wurden. Das war ein kleiner rosa Zettel, da stand "Gut-Punkt" drauf, oder ein goldenes Sternchen zum Aufkleben. Wenn man hundert goldene Sternchen hatte, bekam man ein Heiligenbild oder so etwas.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 15)



Was mich allerdings weit mehr faszinierte, waren die Kaugummis, die es damals gab, diese flachen, und wenn man sie geöffnet hat, waren Bildchen zum Sammeln drinnen. Da gab es grauenhafte Bildchen von Conny und Peter Kraus oder Lolita, was mich überhaupt nicht interessierte, aber eines Tages, als ich so ein Kaugummipäckchen öffne, erblicke ich: Elvis - die zweite Offenbarung meines Lebens. Elvis war der erste schöne Mensch, den ich gesehen habe. Anders als die gedrungenen, gebeugten, verschreckten, verlegen grinsenden Nachkriegs-Wiener mit ihren verschwitzten, breiten Hosenträgern, Golserern (klobigen, robusten Wanderschuhen) und Kleppermänteln war er groß und schlank in Bluejeans und Cowboy-Stiefeln, mit einem Tuch um den Hals, mit seiner unglaublich glänzenden, fetten Frisur, seinen wunderschönen pechschwarzen Haaren, mit einer Gitarre und seiner typischen Haltung, die Hüften rausgestreckt und die Hand hoch erhoben, als wenn er in die Gitarre schlagen wollte - und der Hintergrund war blau mit großen goldenen Sternen. Ich war erschüttert. Die Begegnung mit Elvis war rein visueller Natur. Ich hatte bis dahin noch nie etwas von ihm gehört, ich habe ihn nur gesehen, aber das hat genügt. Er war für mich ein Wesen aus einer anderen Welt - und wieder kam es aus Amerika, so wie Donald Duck.

MÄCKLER: Wie verlief Ihre Schulkarriere? Waren Sie reich mit "Gut-Punkten" dekoriert?

HELNWEIN: Nein, ich war immer ein grauenhafter Schüler, die Volksschule habe ich wie in Trance verbracht. Ich wußte nie, worum es da ging. In Erinnerung ist mir noch, daß in der dritten Klasse ein Lehrer am Schluß des Unterrichts, wenn er der Meinung war, wir seien brav gewesen, eine Geschichte von Jägern und Wilderern erzählt hat; das hat mich fasziniert. - Man hätte mehr Geschichten erzählen sollen. Dann kam ich ins Gymnasium, und das war eine reine Katastrophe. Ich saß da wie jemand vom anderen Stern und habe nichts verstanden, wirklich gar nichts ... Ich verstand die Logik des Systems nicht: Prüfungen, in denen man zu bestimmten Tagen mit einem Griff irgendwelche Fragen beantworten mußte, die mit nichts in meinem Leben in Zusammenhang standen - dieses Speichern von willkürlichen Daten und dieses Bemühen, irgendwelche Sachen auswendig herunterzusagen... Was mich am meisten verblüfft hat, war, daß alle Schüler mitgemacht haben - für die schien es etwas Natürliches zu sein.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 16)



Aber ich war weit davon entfernt zu protestieren, war lange noch nicht soweit. Ich habe nur einfach nichts begriffen und keine Prüfungen bestanden; für die war ich wahrscheinlich ein absoluter Dilo, wie man in Wien sagt, also eine Flasche, ein Idiot. Ich habe diese seltsamen Sachen, um die es da ging, nur mit offenem Mund und Staunen mitverfolgt. Sie waren mir so fremd, ich wußte nicht, was ich damit sollte: Pythagoras und dies und jenes - eine feindliche, bedrohliche Welt war die Schule für mich. Darstellende Geometrie, Mineralogie - was für eine Kristallisationsform hat dieser Stein? Wer will so etwas wissen? Wie kann man sich so etwas merken? Oder in Englisch mußte man aus Ann und Pat auswendig lernen: "The Commonwealth of Nations is a great family of free and independent nations united by the Queen who is head of the Commonwealth ..." - all das auswendig lernen, ohne ein Wort zu verstehen - ". . . representing five hundred million different people of all races and religions ..." Irgend so ein Käse. Zwei Seiten lang mußte man es herunterratschen mit dieser grauenhaften Aussprache, die man vom Lehrer übernommen hat. - Also, die Schule war Scheiße. Ich habe auch so viele "Nicht genügend" gekriegt, wie es überhaupt nur geht. Irgendwann wurde ich dann endgültig gefeuert, mit Bomben und Granaten.

MÄCKLER: Konnte der Kunstunterricht keine Abhilfe leisten?

HELNWEIN: Nein. Der Kunstunterricht war genauso eine Scheiße: Wer will schon eine Wunderblume zeichnen? Also ich wollte im Leben keine Wunderblume zeichnen, ich wußte gar nicht, was das sein sollte. Und recht bunt - ich wollte überhaupt nichts Buntes machen. Unter der Bank habe ich dann heimlich Comics gezeichnet, wurde dabei erwischt, und meine Eltern mußten zum Zeichenlehrer, der sie eindringlich davor warnte, wie gefährlich das sei, ich würde damit mein Talent verpatzen. Also, das war von A bis Z eine verlorene, grauenhafte Zeit.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 17)



MÄCKLER: Welche Wunschträume hatten Sie - als Alternative?

HELNWErN: Ich kann mich noch erinnern, als Sechsjähriger habe ich auf die Frage, was ich werden wollte, immer gesagt: Papst oder Bundespräsident. Das schienen mir zwei erstrebenswerte Möglichkeiten zu sein. Und später in der Schule, etwa ab sechzehn, wußte ich zwar, daß es utopisch war, aber da hatte ich immer die Idee, Revolutionsführer zu sein. Das System zu unterminieren, zu zerstören, das war mein einziges Sehnen und Streben. Von früh bis spät war mir alles um mich herum unerträglich, ekelerregend. Das ganze Schulsystem: nicht eine Minute zu spät kommen, immer dieses Abmahnen, Bestrafen - meine Kindheit und Jugend in Österreich waren geprägt von Erfahrungen, die nur mit Terror zu tun haben. Man war immer unterdrückt, immer gemahnt, immer bestraft, immer schuldig. Das war ja auch das Prinzip der katholischen Religion. Das erste Axiom: Man ist schuldig - wegen der Erbsünde oder Erbschuld -, was immer das sein soll. Man muß immer büßen, man muß immer zerknirscht sein: "Demütig und zerknirscht von Herzen." Oder: "Dieses Jammertal der Tränen." Das hörte ich immer wieder. Und so ist auch die ganze Geisteshaltung der Österreicher gewesen, geprägt durch den Katholizismus, der im Faschismus seinen Höhepunkt gefunden hat. Der Faschismus ist ja nicht aus heiterem Himmel gefallen, aus einer Nullsituation, sondern wurde durch Jahrhunderte hindurch aufgebaut. Auch dieser Judenhaß und die Pogrome sind nicht eine Erfindung Adolf Hitlers - er hat sie zum perversen Höhepunkt gebracht. Ich glaube, daß das Christentum die haßerfüllteste, intoleranteste Religion ist, die es jemals auf diesem Planeten gegeben hat; die Idee der Kreuzzüge, das ständige Ausrotten derer, die andere Ideen hatten oder anders aussahen, beispielsweise im 13. Jahrhundert die Katharer in Frankreich: vom ersten bis zum letzten abgeschlachtet, einfach weil sie der Bibel gemäß in Armut leben wollten, was dem Papst nicht genehm war; die Hugenotten, die Templer; die Zwangsmissionierungen der "Heiden" oder der Juden, die man zwang, auf Thora-Rollen herumzutrampeln und das Kreuz zu küssen. Dann der Höhepunkt: die Inquisition, in der man alles gefoltert, zerstückelt und gemordet hat, was noch Spuren eigener Ideen hatte; jede Frau, die zwei, drei Kräuter kannte, zu schön, zu intelligent oder zu häßlich war, mußte damit rechnen, daß man sie als Hexe verbrannte. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hat der Großinquisitor von Spanien in seinem Triumph ausgerufen: "Gebt mir den Papst, und ich lasse ihn gestehen, daß er mit dem Teufel im Bunde ist."


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 18)



Das ist die Geisteshaltung, die ich als Kind gespürt habe, nach dem Krieg. Das heißt, diese Intoleranz, dieses Mißtrauen allem gegenüber, was anders ist, anders aussieht oder anders denkt, war allgegenwärtig; oder die Idee, jeder Fortschritt sei nur möglich durch Schmerz, so daß man Kinder also ständig schlagen muß, wenn man sie wirklich liebt, unter dem Schwachsinns-Motto: "Das tut mir mehr weh als dir." Dann dieses Aufwachsen in einer Religion, deren Leitbilder in erster Linie bluttriefende und verstümmelte Menschen sind und in der das höchste Wesen als gefolterter, zerfleischter Leichnam dargestellt wird, der auf ein Stück Holz genagelt ist. Man muß sich das mal vorstellen: So wächst man auf. Ist es da verwunderlich, daß die Leute in dieser Tradition auf kranke Ideen gekommen sind? Wie z. B. Juden, Zigeuner, Schwule und Zeugen Jehovas auszurotten - oder Künstler, die nicht systemkonform gemalt, Dichter, die nicht so gedichtet haben, wie die Autorität es diktierte. Und ich habe den Eindruck, daß dieser Geist nach dem Krieg dort, wo ich aufgewachsen bin, ungebrochen war. Das heißt: Wohl hat das Deutsche Reich im Faschismus seine politischen Ziele nicht erreicht, ist gescheitert, aber die Geisteshaltung blieb. Man darf zum Beispiel nicht vergessen: Durch Jahrhunderte, alljährlich pünktlich zur heiligen Fasten- und Osterzeit, sind mit Stangen und Äxten bewaffnete Christen in die Judenviertel eingedrungen und haben einfach ein paar Leuten die Schädel eingeschlagen, um den "Herrn" zu rächen, denn die Juden waren ja die "Gottesmörder". Den Rabbi Jesus hatten sie ja m einen Ehren-Arier verwandelt, der als blauäugiger, brünetter Hippie durch Kornfelder schreitet. Von dieser Geisteshaltung waren die Schulen geprägt und die Erziehungsmethoden.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 19)



MÄCKLER: Sie wurden oft geschlagen?

HELNWEIN: Manchmal von meinem Vater, von meiner Großmutter allerdings am meisten - aber das hat mir nichts ausgemacht. Sie war viel strenger als alle anderen, aber sie hat mir gefallen, weil sie die einzige war, die nicht gebeugt war; meine Eltern und alle anderen Verwandten waren durch den Katholizismus gebrochene Leute; immer gebeugt, immer devot, immer zerknirscht: "Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa." Immer schuldig. Meine Großmutter dagegen war eine Frau, die schon mit vierzehn Jahren von zu Hause, einer Familie mit vierzehn Kindern, ausgerissen ist. Sie ist, das war damals wirklich außergewöhnlich, abgehauen und allein in der Welt herumgezogen, hat sich eine Zeitlang einer Damenkapelle angeschlossen und kam schließlich als junges Mädchen nach Wien und baute sich da ihr eigenes Leben auf. Das fand ich imponierend. Sie ist immer aufrecht durchs Leben gegangen, hat ihren Mann unter Kontrolle gehabt, meine Eltern, meinen Vater: Vor ihr wagte kein Mensch zu mucksen - niemand. Wenn sie den Raum betrat, war Stille. Man mußte ihr die Hand küssen. Meine Großmutter war außer Donald Duck das einzige ungebrochene Lebewesen, das ich um mich herum sah. Sie erzählte zum Beispiel immer stolz, wie sie durch das Russenviertel ging, in Gegenden hinein, wo kein Licht brannte, wo alles voller russischer Soldaten war. Ständig bestand ja die Angst vor Vergewaltigungen. Aber meine Großmutter sagte: "Den Russen möchte ich gern kennenlernen, der es wagt, mich anzurühren!" Ihr ist nie etwas passiert, sie hatte keine Angst. Ansonsten fand ich alle Verwandtschaft eher unangenehm: Das waren alles gebrochene Menschen durch den Katholizismus, den Faschismus, durch diese jahrhundertelange Autorität, dieses Leibeigen-Sein, das hat man nach dem Krieg deutlich gemerkt. Da waren auch die Hoffnungen weg, und was übriggeblieben ist, war Nichtverstehen, der Wunsch, einfach ganz klein sein zu wollen, nichts sehen und nicht gesehen werden. Und die, die hierarchisch noch weiter drunten waren, nämlich die Kinder, die kriegten dann eine übergezogen, damit sie ja nicht hochmütig werden, denn eine der Hauptsünden - darf man nicht vergessen - ist die "Hoffart".


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 20)



Das heißt: Jemand, der das Haupt erhebt, jemand, der stolz ist, galt als Todsünder; eine Sünde, die nie zu verzeihen ist. Das ist eigentlich das, was ich mit meiner Jugend verbinde. Daher fällt es mir schwer, auf einzelne Personen einzugehen und zu sagen: Mein Vater war dies oder das. Für mich hat alles zu dem Brei meiner Umgebung gehört, die durch dieses Autoritätsdenken so seltsam kaputtgemacht wurde. "Der Heilige Vater" oder "der Heilige Stuhl" und "das heilige Lourdes" und "das heilige Wasser", Fatima und die Wunder - so etwas hörte ich ständig; Pater Bartei von den Jesuiten hat tagelang erzählt, wie grausam die Hölle sei, und immer wieder betont, daß man ihren Horror mit Worten nie beschreiben könne. Er hat Beispiele über Foltern gebracht, und das müßte man sich noch tausendmal ärger vorstellen - und ewig, nie endend. Am Ende von diesen grauenhaften Berichten kam immer: "Und jeder, der in einer Todsünde stirbt, ist auf ewig verdammt, wenn er vorher nicht beichtet und die Absolution erhält." Das heißt, wenn er auf dem Weg zur Beichte z. B. einen Unfall erleidet und stirbt, hätte er Pech, denn dann wäre er verdammt - auf ewig.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 21)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 

 

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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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