Die Höhere Graphische Bundes-Lehr-- und Versuchsanstalt

MÄCKLER: War es denn Ihr Wunsch, Künstler zu werden und 1965 in die "Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt" in Wien - welch ein Name! - zu wechseln?

HELNWEIN: Nein.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 21)



MÄCKLER: Warum taten Sie es dann?

HELNWEIN: Ich habe immer gerne gezeichnet, gemalt nie; meistens Schlachten und Geheimgänge mit vielen Männchen, die alles niedertrampeln, Panzer und Explosionen, Schatzkammern - so etwas hat mich interessiert. Bilder mit viel Action und sehr beeinflußt von den Comics - das hat mich immer begeistert. Aber Maler schien mir ein superlangweiliger Beruf zu sein, wo man immer nur vor der Staffelei steht und irgendwelches grauenhafte Zeug malen muß - das wollte ich auf keinen Fall. Aber ich hörte dann, daß es "die Graphische" gibt, und die Vorstellung von einer Schule, auf der man nur zeichnen muß, keine Mathematik, keine Chemie, kein Latein hat, das war schon extremes Glück. Der Hauptgrund, warum ich dahin gehen wollte, war also die Vorstellung, daß die Dinge, die mir mein Leben zur Hölle gemacht haben, plötzlich wegfallen würden, und zeichnen, dachte ich mir, das kann ich allemal. Deshalb bemühte ich mich auch, wurde aber - ich mußte sicher drei-, vier-, fünfmal Zeichnungen vorlegen - immer abgewiesen, denn man mußte nach der Natur irgendeinen Gegenstand zeichnen - naturalistisch, und das hatte ich bis dahin nie gemacht. Ich hatte immer frei gezeichnet, und dann mußte ich mich halt über ein Jahr hin quälen, bis ich irgendeinen Scheißgegenstand so zeichnen konnte, daß er halbwegs realistisch aussah: Und dann wurde ich gnädigst aufgenommen.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 22)



MÄCKLER: Als Sie nun in der "Graphischen" nicht nur emsig zeichneten, sondern sich auch mit Rasierklingen die Hände aufschnitten: war das dann ein Protest gegen den "Brei Ihrer Umgebung"?

HELNWEIN: Ja, es war ein Protest gegen all diese Normen, Regeln und diesen Schwachsinn um mich herum. Ich fand die Schule ekelerregend, von Anfang an. Unerträglich. Ich war aber weit davon entfernt, offen zu rebellieren, denn ich merkte: Die sind in jeder Hinsicht einfach stärker und mir überlegen; aber es wurde für mich eine lebenswichtige Idee, sich nie von denen brechen zu lassen. Das heißt: Meine ganze Haltung bestand nur aus Haß allen Autoritäten gegenüber, und ich war total subversiv. Meine Idee war, zu sabotieren, kaputtzumachen, zu zerstören.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 24)



MÄCKLER: Aber sich anstelle der Hände besser die Pulsadern aufzuschneiden - sind Sie auch auf diesen Gedanken gekommen?

HELNWEIN: Nein, die Idee war nie, Selbstmord zu begehen. Im Gegenteil: Ich habe nur irgendwie gemerkt, daß diese Welt, die mit ungeheurer Brutalität und Intoleranz rundherum alles kontrolliert und niederhält, trotzdem sehr leicht zu verunsichern ist. Indem sie von all diesen Normen abhängig ist, erkannte ich, daß das die Schwachstelle ist. Es gab viele Tabus: z. B. sich selbst zu verwunden - Blut als Tabu, aber ich fand es sehr schön, was plausibel ist, wenn man so aufwächst und von klein auf sieht, daß Schmerz und Tod immer auch mit Ästhetik verbunden sind. Die besten Maler der letzten Jahrhunderte haben diese Themen bis zum Exzeß gemalt. Ich fand es faszinierend, wenn die eigene Hand voller Blut war wie in einem roten Handschuh, so wie viele Kinder unheimlich gerne Pflaster tragen, Verbände. Und dann bemerkte ich: Sobald man verwundet ist, verändert sich das Verhalten der Leute um einen herum.

MÄCKLER: Inwiefern?

HELNWEIN: Plötzlich tritt jeder einen Schritt zurück, alles ist anders, man wird ganz anders behandelt . . .

MÄCKLER: Besser oder schlechter?

HELNWEIN: Besser, wunderbar, man ist der König. Verwundete und Leidende sind die Könige dieser Gesellschaft; schlecht war nur, wenn man stolz war oder irgend etwas gern gemacht hat. Da wurde man sofort niedergeknüppelt. Aber jemand, der verwundet war, war eine Art Märtyrer. Ich konnte zu spät zur Schule kommen, wenn ich wollte, mußte nur meine Hand hinhalten und blutüberströmt sein, und schon wollte man gar nicht mehr wissen, wie es passiert ist, und dann hat mich die wunderschöne Sekretärin des Direktors bandagiert. Das war wunderbar, wenn ich von dieser Frau verbunden wurde, sehr sachte und sanft, voller Mitgefühl, ihre Brüste immer vor Augen, das hat mit gut gefallen.

MÄCKLER: Und wie wurde der junge Helnwein behandelt, wenn er, statt sich die Hände zu zerschneiden, lieber den Hitler zeichnete?

HELNWEIN: Ich muß nur kurz noch ergänzen - diese Verwundungen kamen auch daher, daß ich beim Holzschnitt oder Kupferstich oft sehr ungeschickt war. Zu den Malen, wo ich mich absichtlich verwundet habe, bin ich auch sehr oft abgerutscht und mir mit dem scharfen Stichel in die Hand gefahren. Das fand ich dann aber auch wieder gut - Absicht und Zufall haben sich ergänzt, so daß ich praktisch ununterbrochen geblutet habe. Nun zur letzten Frage: Die Hitler-Zeichnung, das war im Prinzip dieselbe Motivation. Mir schien dieser routinierte Alltag unerträglich, und erstaunlich war für mich, daß sich die meisten meiner Studienkollegen so wunderbar angepaßt haben. Ich war jemand, der sich einfach nicht einfügen konnte in diesen Alltag der langweiligen, nicht enden wollenden Aktstunden, wo man ewig keinen Ton gehört hat außer dem Scharren der Kohle- und Kreidestifte auf dem Papier. Vorne saß immer irgendein schwammiges Aktmodell, und das mußte man ewig abzeichnen - warum, weiß ich nicht. Da war auch dieser Professor, der ständig irgendwelche Sätze sagte, die mir ein Rätsel waren; der stand hinter einem und raunte einem ins Ohr: "Sei kühl wie ein Fechter." Oder: "Wage den Panthersprung!" Oder, indem er das Becken der dort liegenden Frau mit seinen Händen in die Luft zeichnete und ausrief: "Sieh den Korb, der dich getragen!" Eigenartige Dinge, die mir völlig fremd waren. Ich war ein Kind der Comic-Generation und konnte mit diesen krausen Gedanken nichts anfangen. Und so habe ich eines Tages statt des fetten Aktmodells den Führer aufs Papier gezeichnet - es war, wie einen Molotowcocktail in einen Hühnerstall zu werfen.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 25)



Hitler war ein Tabu-Thema; man hat nie darüber geredet, nie Antworten diesbezüglich gekriegt, die Alten sind immer todernst geworden und erblaßt, wenn das Thema angesprochen wurde. Aber mich hat es interessiert. Ich sah ja ständig Fotos von meinem Vater und den Großvätern, alle in Heeresuniform. Ich bin ständig auf Relikte aus dieser Zeit gestoßen - mal eine Propagandaschrift, eine alte, zerknüllte, auf dem Dachboden, Hitler-Bilder - und diese Aufmärsche, Fackeln und die Ereignisse mit den Juden. Ich habe ständig gefragt, aber nie Antworten gekriegt. Und da sagte ich mir, das ist es, was ich jetzt machen will. Deshalb habe ich statt des fetten Aktmodells einen Hitler gezeichnet.

MÄCKLER: Wie wurde denn die Zeichnung rezipiert?

HELNWEIN: Ganz erstaunlich. Ich dachte nur, daß der Lehrer vielleicht eine abfällige Bemerkung machen würde, aber nein, im Gegenteil. Das war das erste Mal, wo ich etwas über die Magie eines Bildes erfahren habe. Der Lehrer kam herein, mit seinen quietschenden Gummischuhen hat er sich von Schüler zu Schüler bewegt und irgendwelchen Schwachsinn geraunt, und als er hinter mir stand, war nichts. Ein Moment der Stille, dann ein ungeheures Quietschen der Absätze, und draußen war er aus der Klasse. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür wieder, und die gesamte Professorenschaft quoll herein - wie große weiße Vögel sahen sie aus in ihren wallenden Arbeitsmänteln, als sie in den Aktsaal hereinströmten und die Türe hinter sich versperrten. Der Direktor hielt eine Rede zur Verblüffung der meisten Schüler, denn sie hatten mein Bild ja gar nicht gesehen, da jeder so ein Riesenbrett vor sich stehen hatte. Plötzlich erzählte er mit bebender Stimme über die schweren Zeiten damals: "Das könnt ihr nicht verstehen. Ihr habt den Krieg ja nicht erlebt." Und so weiter: "Wir haben damals alle unseren Mann gestanden, das war unsere Pflicht." Der achtzigjährige Weltruf der "Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt" stehe auf dem Spiel, wenn man jetzt an den unseligen Zeiten rüttele und so weiter. Dann haben sie mein Blatt beschlagnahmt, ganz offiziell - und sind wieder verschwunden.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 26)



Das war für mich der Moment, wo ich das erste Mal das Gefühl bekommen habe, du kannst mit Ästhetik etwas verändern, du kannst auf eine ganz subtile Art und Weise Bewegung hineinbringen, du kannst auch die Mächtigen und Stärkeren, kannst eigentlich alles ins Rutschen und Wanken bringen, wenn du die Schwachpunkte kennst und mit ästhetischen Mitteln drantippst, ganz leicht. Ganze Gebäude von Macht und Dominanz, von Stärke und Unterdrückung kommen ins Wanken. Was ein Bild auszulösen imstande ist, habe ich damals mit Erstaunen erfahren.

MÄCKLER: Haben Sie dann den Abschluß an dieser Lehranstalt geschafft?

HELNWEIN: Bei der Abschlußprüfung, als wir alle mit gespitzten Bleistiften und den übrigen Utensilien bereit waren anzutreten, kam ein Professor und raunte mir ins Ohr: "Packen Sie ein und gehen Sie wieder." Ein paar Minuten, bevor es begann, sagten sie zu mir: "Sie können wieder gehen - raus'" So wurde ich hinausgeschmissen. Nachdem alle anderen diesen Abschluß gemacht hatten, ließ man mich dann noch mal im Herbst antreten. Ich habe irgendwas gezeichnet und es dann halt geschafft.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 27)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 

 

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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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