Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution.

MÄCKLER: War Ihnen nun klar, in die Akademie zu wechseln?

HELNWEIN: Daß ich im Herbst 1969 noch einmal zur Abschlußprüfung in die "Graphische" ging, war wirklich nur wegen den Eltern. Die Nervenzusammenbrüche wollte ich ihnen und mir ersparen. Aber ich wußte immer, während der ganzen "Graphischen", jeden Tag, gerade wegen dieser Schule: Was ich nie im Leben werden würde, ist Graphiker oder irgend etwas, das damit zu tun hat. Und auch Maler zu werden, war eher eine Entscheidung, die plötzlich kam, weil einige meiner Freunde nun auf die Akademie gingen . .. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich die Idee bekam, die einzige Möglichkeit, in der Gesellschaft relativ autark zu sein, sich frei ausdrücken zu können und auch auf eine legitime Weise Unruhe erzeugen zu können, sei die Kunst. Ich habe den Eindruck gehabt, der letzte Freiraum in dieser Gesellschaft ist der des Künstlers, wo man relativ unabhängig, vor allem unabhängig von irgendwelchen Autoritäten, zurückschlagen kann, wo man sich wehren kann. Kunst ist immer auch Sich-Wehren.

MÄCKLER: Verlief der Übergang in die Akademie nahtlos, haben Sie die Aufnahmeprüfungen sofort geschafft?

HELNWEIN: Ich wechselte 1969 und habe mich nach den Aufnahmebedingungen erkundigt. Man müsse seine Bilder zeigen, wurde mir gesagt. Da ich vorher nie ein Bild gemalt hatte, setze ich mich einfach hin und malte eins, das ich später Osterwetter nannte.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 28)



MÄCKLER: Waren denn die Arbeiten, die Sie auf der "Graphischen" angefertigt haben, keine Kunstwerke?

HELNWEIN: Das waren keine Bilder; im ersten Jahr haben wir Naturstudien gemacht. Das war tatsächlich das einzige an der "Graphischen", was man als gutes Training bezeichnen könnte: sehen zu lernen. Man hat sich einen Totenkopf hingelegt oder ein altes Buch oder irgendwas und versucht, den Gegenstand so dreidimensional, plastisch und naturalistisch wie möglich zu zeichnen. Das Ziel war, es sollte so aussehen wie fotografiert - Training, aber keine Bilder.

MÄCKLER: Also nicht etwas, das Sie in die Mappe zur Aufnahmeprüfung in der Akademie gepackt hätten?

HELNWEIN: Das hätte man nicht vorzeigen können; die wollten fertige Bilder und keine Studien sehen, denke ich. Jedenfalls habe ich 1969 mein erstes richtiges Bild gemalt, ohne nachzudenken oder mir irgend etwas zu überlegen. Ich hatte keinerlei Informationen aus der Kunstszene und wußte nichts über den Kunstmarkt . . .

MÄCKLER: Weshalb? Haben Sie sich keine Kunstbücher angeschaut?

HELNWEIN: Nie. Kunstbücher waren für mich etwas aus der Welt der Vorgängergeneration, die ich verachtet habe, so zutiefst, daß ich damals im Leben nie ein Kunstbuch berührt hätte, nie in eine Ausstellung gegangen wäre. Ich war angewidert von diesem Kunstgeschichtsunterricht. Ständig mußte man wissen, wer wann welchen Altar oder welche Schutzmantelmadonna geschnitzt hatte - grauenhaft. Das war mir so zuwider, daß es mir für die nächsten zehn Jahre einfach die Möglichkeit verbaut hat, mich einem Museum auch nur auf 100 m zu nähern. Der Vorteil war, im nachhinein gesehen, daß ich damals tatsächlich vollkommen unbeeinflußt von der aktuellen Kunstszene gearbeitet habe, völlig unbefangen. Ich kann auch nicht indirekt beeinflußt gewesen sein, denn ich war nie in einer Galerie, habe nie eine Kunstzeitschrift gesehen.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 29)



Man muß natürlich auch sagen, damals gab es einen sehr viel weniger organisierten Kunstmarkt als heute. Es gab kaum Kunstzeitschriften, wenige Publikationen. Man hat, wenn man nicht Insider war, wirklich nichts von der Bildenden Kunst mitgekriegt - ganz anders als heute. Und Kunstbücher hatten mich sowieso nicht interessiert, ebensowenig Museen. Man sah auch damals in den Museen in erster Linie altes Zeug - moderne Kunstausstellungen gab es kaum in Wien. Und auch der berühmte Wiener Aktionismus, über den man heute viel hört, fand ja nicht in der Öffentlichkeit statt, sondern ausschließlich vor einem erlauchten Kreis, meistens ganz privat vor ein paar Freunden. Und das einzige, das auch ich mitgekriegt habe, waren irgendwelche Hetzartikel in den Tageszeitungen, Schlagzeilen wie: "Werft Uniferkel raus!" Oder: "Kakademiker." Aber niemand sagte genau, was die Aktionisten eigentlich getan hatten. Es hieß nur: "Die gehören ins Gefängnis." Aber ich wußte nie, was die eigentlich gemacht haben. Kein Mensch wußte das. Die Journalisten hatten nicht die Freiheit, zu schreiben, daß die Wiener Aktionisten auf den Tisch gestiegen sind und dahingeschissen und ins Publikum gewichst haben. Man hat es umschreiben müssen als "unglaubliche Schweinerei".
Ich habe nie etwas von denen gesehen, wußte nur, daß es irgendwo Studenten gab, die Schweine waren, mehr wußte ich nicht. Das heißt, ich kann tatsächlich sagen, daß meine frühen Aktionen der Selbstverletzungen vollkommen unbeeinflußt aus mir herausgekommen sind.
Einer der Hauptbeweggründe war das ästhetische Moment -wenn man blutig wird, wie in Rot getaucht, fand ich das wirklich faszinierend; und daß sich plötzlich die Routine rundherum total verändert, das Verhalten der Leute. Später, viel später, hat mir die Galeristin Ursula Krinzinger einen Katalog mit den Worten geschenkt: "Das ist eine Zusammenfassung der Arbeiten von Rudolf Schwarzkogler, den Sie offensichtlich sehr verehren." Diesen Namen hatte ich nie in meinem Leben gehört - -Schwarzkogler kannte ich nicht, war aber wirklich verblüfft, als ich den Katalog aufschlug und sah, daß die ganzen Aktionen mit Bandagen, diese Verstümmelungsrituale und Aktionsfotos mit vielen meiner Sachen erstaunlich ähnlich waren, die ich übrigens zur gleichen Zeit wie er gemacht hatte, ohne ihn zu kennen. Ich war ein Schüler, er ein erwachsener Künstler. Ich habe also, ohne von seiner Existenz gewußt zu haben, ganz ähnliche Aktionen gemacht, und das zeigt mir, daß - wie es ja in der Kunst oft der Fall ist - plötzlich parallele Phänomene entstehen können, weil die Stimmung, die Zeit und der Ort sie auslösen. Es muß die Atmosphäre, die Tradition in Wien gewesen sein, die einen dazu bewegt hat, so etwas zu machen, und daran sah ich, daß man als Kreativer nur bedingt autark oder autonom sein kann, weil die Umgebung, das Umfeld und die Zeit einen entscheidenden Einfluß haben.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 30)



MÄCKLER: Kannten Sie denn wenigstens die Arbeiten von Rudolf Hausner, als Sie sich in der Akademie bei ihm bewarben?

HELNWEIN: Nein. Ich hörte nur, daß man in allen Klassen abstrakt malen müßte - aber das habe ich verabscheut, lieber wäre ich Landstreicher geworden. Dann hörte ich, es gibt einen Maler, bei dem man realistisch malt. Ah, das fand ich gut. Wie heißt er? Rudolf Hausner. Gut, also nichts wie hin zum Hausner. Und dann habe ich ihm mein Bild gezeigt, das noch keiner gesehen hatte. Ich präsentierte es ihm, weil ich wußte, irgend etwas muß ich zeigen - mehr als ein Bild zu malen, erschien mir dann aber doch zu anstrengend, das erschien mir die Sache nicht wert.
Für mich war alles offen, durchaus denkbar, daß er es als absoluten Schwachsinn oder so was bezeichnet. Aber dann, zu meiner großen Überraschung, meinte er, das sei das stärkste und reifste Bild, das er jemals von einem Schüler gesehen habe. Ich war überrascht, denn ich hatte ja keinerlei Kriterien, um zu beurteilen, was gut oder schlecht ist. Und dann sagte Hausner, er würde mich sofort aufnehmen, ohne Aufnahmeprüfung, ich könne mir das alles ersparen - was mir recht war.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 31)



Die Zeit danach bedeutete für mich eine kurze Periode unglaublichen Glücks, ein Rausch von Freiheit. Plötzlich, das erste Mal in meinem Leben, war ich weg von zu Hause, hatte keinen Kontakt mehr mit den Eltern. Ich wohnte in Wien in einem kleinen Dachatelier aus der Jahrhundertwende, sehr romantisch, meistens ungeheizt im Winter, oder sehr sparsam beheizt, wenn ich die Bilderrahmen und Schubladen Stück für Stück im Kachelofen verbrannt habe. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl von Freiheit. Ich konnte selber bestimmen, wann ich aufstehe, ob ich in die Akademie gehe oder nicht, ob ich in der Nacht arbeite, am Sonntag oder Samstag, ob ich den ganzen Tag mit irgendwelchen Leuten im Kaffeehaus sitze oder ob ich mich ansaufe - das war einfach phantastisch, durch das Leben zu schreiten und nicht mehr unter dem Diktat von irgend jemandem oder etwas zu stehen. Ich habe die Leute rundherum - seltsamen Wesen gleich - bestaunt, wie sie zur Arbeit hetzen oder sonst irgendeiner Wichtigkeit hinterher. Ich lebte wie in einer Parallelwelt.

MÄCKLER: Trotz dieser Idylle und Ihrem Leben in Freiheit - warum haben Sie dann 1970 in der Kunstakademie eine Art von Aufstand inszeniert?

HELNWEIN: Ich hatte trotzdem ein Gefühl von Unbehagen, gerade in diesem ersten Erleben einer gewissen Freiheit - das ist immer der Moment, auch gegenwärtig politisch, wo Revolutionen ausbrechen. In der Zeit der totalen Diktatur, unter Stalin zum Beispiel, muckst natürlich keiner, das ist ganz klar; aber jetzt, nach Gorbatschow, wo die Leute den Geschmack von Freiheit bekommen, bricht der ganze Unmut aus. Alles, was sich die Zeit über aufgestaut hat, bricht jetzt heraus.
Meine ganze Wut richtete sich darauf, daß man mir meine Jugend zerstört hatte. Auch fand ich demütigend und entsetzlich, wie sehr ich mir als Kind alles habe gefallen lassen. Das war entwürdigend, degradierend. Ich hatte eine Art Gerechtigkeitswahn und dachte, ich muß das einfach ausgleichen, etwas davon zurückzahlen - so eine Art sizilianische Blutrache-Idee. Ich mußte einfach etwas von diesem Terror und Schmerz zurückgeben, um der Gerechtigkeit willen - damit ich meinen Seelenfrieden wieder habe. Ich hatte schon vorher in der "Grafischen" die Professoren terrorisiert, indem ich sie des Nachts anrief. Das war sehr lustig. Auch auf der Akademie waren ja die Professoren - darf man nicht vergessen - ein Haufen autoritärer Schweine, die sich aufgeführt haben wie die Gauleiter. Und daß alle Künstler in dieser Zeit ähnlich reagiert haben, beweist ja, daß meine Einschätzung richtig war.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 32)



Wenn man Peter Handke anschaut: Wie ist Handke an die Öffentlichkeit getreten? Mit seiner Publikumsbeschimpfung, indem er die Leute im Publikum als "Nazis" beschimpft hat. -Wie ist Friedensreich Hundertwasser an die Öffentlichkeit getreten? Er hat sich nackt ausgezogen und Farbe ins Publikum gespritzt. - Wie ist Arnulf Rainer an die Öffentlichkeit getreten? Indem er bei einer Ausstellungseröffnung hinter seinen Bildern saß und die Leute beschimpft hat! Und die Wiener Aktionisten haben ins Publikum geschissen. Das heißt: Das war damals die einzig mögliche und richtige Reaktion. Das war das erste Mal seit Jahrhunderten, daß eine Generation aufsteht und zurückschlägt - vor allem die Künstler.

MÄCKLER: Inwiefern?

HELNWEIN: Die Professoren der Akademie standen natürlich mit beiden Beinen noch fest im 19. Jahrhundert, und wir haben eine Drittelparität gefordert - das heißt: nicht ich, aber die organisierte, marxistisch orientierte Studentenschaft, die sich vor allem im Theoretisieren ergangen hat. Mitbestimmung der Studenten: Ein Drittel der Stimmen hätten die Professoren bekommen, ein Drittel die Assistenten, ein Drittel die Studenten - was sowieso immer zugunsten der Professoren ausgegangen wäre, weil die Assistenten ja auf deren Seite waren. Also, das war eher eine symbolische Geste. Und der einzige Lehrer, der sich dafür eingesetzt hat, war Hausner, das erfuhren wir später. Er machte sich bei einer Versammlung der Professoren für die studentische Mitbestimmung stark und ist von seinen Kollegen brutal niedergeschrien worden: "Geh' scheiß'n, Hauser ... Geh' in Oasch!" Ganz wienerisch - die haben den Hausner total niedergewalzt.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 33)



MÄCKLER: Warum engagierte er sich überhaupt für die Studenten?

HELNWEIN: Hausner setzte sich wohl deswegen für die Studentenschaft ein, weil er vorher eine Professur in Hamburg gehabt und dort eine kalte Dusche erlebt hatte. Die Deutschen waren den Österreichern in dieser Zeit der Studentenunruhen an Ralikalität ja bei weitem voraus. Auch das theoretische Wissen war viel größer, viel analytischer; in Österreich kam alles viel stärker aus dem Bauch. Also dieser Aufstand der Intellektuellen war dort ganz anders als bei uns.
Hausner kam also auf die Akademie nach Hamburg, und zwar als österreichischer Hochschulprofessor, von dort, wo der Geist der k. u. k. Monarchie herrschte, wo jeder mit irgendeinem Titel angesprochen wird: Herr Professor, Herr Doktor, Herr Geheimrat, Herr Kommerzialrat, Herr Studienrat - das ist bis heute so, man wird immer als irgend etwas bezeichnet. Es gibt zwar keinen Hof mehr in Wien, aber Hofräte gibt es jede Menge. Also der Hausner mit diesem Background - wofür er nichts kann - kam nach Hamburg; dort tobte gerade der Höhepunkt des Kampfes gegen das Establishment. Da kommt der Hausner rein und die Schüler haben ihn gleich empfangen als "alter Sack" und dergleichen, jeder war automatisch per Du mit ihm, und das war, glaube ich, ein großer Schock für den Herrn Professor. Aber er ist sehr intelligent und wendig, hat ich unglaublich schnell angepaßt und sehr burschikos, verbrüdernd in die Reihen der Studenten gestellt. Und dann kam er nach Österreich.
Man hat ihm angemerkt: Der Schreck saß ihm noch tief in den Gliedern. Als er sah, wie rückständig wir sind, dachte er ich wohl, die Bewegung kommt auch hierher, da wird er sich an die Spitze stellen, ganz vorne derjenige sein, der die Fahne der Revolution trägt - was komisch war, weil uns das ganze Theoretisieren gar nicht lag: Wir wollten einfach malen und aus. Als wir dann aber hörten, daß er von den anderen Professoren niedergeschrien wurde, weil er sich für die Studenten eingesetzt hatte, sagte ich mir, jetzt muß es passieren.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 34)



Das war es für mich, was das Faß zum Überlaufen brachte, etwas sehr persönliches und ganz anders begründet als bei den meisten Studenten, nicht als historisch notwendige Erhebung gegen den Spätkapitalismus, sondern als ein persönlicher Rachefeldzug gegen die Autoritäten: Das kriegt ihr zurück. Ich war auch sehr distanziert zu diesen emsigen Studenten, die alle mit ihren Parkajacken und runden Nickelbrillen, tiefbleich, wie aufgescheuchte Hühner hin- und hergerannt sind und irgend jemanden zitiert haben - Chefideologen haben mich immer in Tiefschlaf versetzt. Ich war dafür, etwas zu tun, zu handeln!
Die Freunde, die ich hatte - Manfred Deix oder Robert Schöller oder verschiedene Kollegen von mir -, waren ebenfalls Leute, die ganz woanders herkamen, die den Rolling Stones, Jimi Hendrix, den Comic Strips, der Trivialkultur verpflichtet waren. Das war der Ausbruch von Emotionen - Jimi Hendrix, der auf dem Boden liegt, die Gitarre anzündet und mit der Zunge drauf spielt, so etwas, ja, das war es! Dann habe ich mir gedacht, okay, ich mache einen Aufstand unter Aussparung aller Studenten, denn mit denen ist es sowieso viel zu kompliziert. Nein, ich war dafür, daß man es spürt, riecht und daß es richtig kracht. Ich war für eine echte Revolution - der Traum meiner ganzen Kindheit und Jugend. Anarchie - Leute wie Robin Hood waren mir immer viel näher als Marx oder Lenin. Marx war für mich einfach jemand, der ständig auf seinem fetten Arsch saß und sich von einem Großindustriellen aushalten ließ.
Und dann habe ich die Revolte vorbereitet, akademiefremde Leute von draußen geholt, aus dem Untergrund - Outlaws, die nicht arbeiteten, junge Leute, die nicht studierten oder nur pro forma eingeschrieben waren, herumstreunten wie hungrige Wölfe und noch eine Rechnung mit der Gesellschaft zu begleichen hatten. Aber eigentlich war es Theater, eine Inszenierung.
Den ersten Anlaß bot die Aufnahmeprüfung. Das war für uns der günstigste Moment zuzuschlagen. Es war wirklich erniedrigend, zu sehen, wie da zweihundert Anwärter mit ihren Mappen, schneeweiß im Gesicht, mit schweißnassen Händen stehen und darauf warten, daß sie in den Saal eingelassen werden, wo dreizehn Mumien sitzen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, mit gichtigen Fingern in den Zeichnungen dieser Maturanten herumwühlen und dann meistens sagen: lernen Sie lieber einen anständigen Beruf, Kunst ist nichts für Sie."


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 35)



Und da haben wir unsere Guerillas eingeschleust, die sich als Aufnahmeprüflinge verkleidet hatten. In ihre alten Firmungsanzüge gepreßt und mit leeren Mappen standen sie dann dort, neben sich Plastiktüten mit üblen Dingen drin: Rauchpulver, Stinkbomben und selbstgebastelte Sprengkörper. Einer von uns sperrte mit einem Nachschlüssel die Professoren ein, drängte sich durch die Aufnahmeprüflinge und war weg. Da standen alle ratlos. Drinnen begann ein Hämmern an der Tür, die Professoren tobten - eine Professorin erlitt einen Schwächeanfall - und das war für uns das Zeichen zum Anfangen.

(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 36)



Wir hatten auf allen Toiletten Zehn-Liter-Eimer deponiert, bis zum Rand mit gefärbter Schmierseife gefüllt, knallrot und tiefblau ... Für den Fall, daß uns Verfolgung oder Ergreifung durch Hausmeister oder irgendwelche Schergen drohte, wollten wir die Eimer die Stiegen hinunterkippen, um die Verfolger stürzen zu lassen. Dann hatten wir Hunderte von Eiern vorbereitet, die ausgeblasen und mit Anilinfarbe gefüllt waren - das war nächtelange Arbeit. Wir hatten uns extra erkundigt, welche Farben besonders zäh und nicht mehr wegzukriegen sind. Diese Farbeier konnte man dann werfen und es gab auf dieser Gründerzeitarchitektur mit ihrer neoklassizistischen Malerei überall wunderbare Flecken. Dann haben wir Unmengen von Rauchpulver angezündet und die ganze Akademie damit eingenebelt - man sah die Hand vor den Augen nicht mehr. Eier und Stinkbomben flogen herum, und dann hatten wir auch noch Farbbomben gebastelt, riesige Dinger, wie sie in Cartoons vorkommen, große Kugeln, wo oben ein zischender Docht heraussteht, und die warfen wir dann auf die Pedelle (Hausmeister), die hinter uns herhetzten. Die Bomben explodierten, und die Herren waren alle von oben bis unten rot -oder blau.
Türen wurden angezündet; wir hoben alle Fenster aus und warfen sie in den Hof, manche fielen nach innen; dann hatten wir vorher alle Feuerlöscher so präpariert, daß man sie mit einem Griff einschalten konnte, worauf der beißende Löschstaub mit einem Knall den Raum erfüllte. Zwei Leute hatten nur die Aufgabe, Panik zu erzeugen. Die rannten in diesem Qualm immer die Stiegen hinauf, hinunter und grölten: "Polizei, Feuer!" Es war ein Inferno. Und die Wärter haben dann von innen den Haupteingang abgesperrt und niemanden mehr rausgelassen, die Polizei gerufen usw. Wir hatten aber natürlich unseren Fluchtweg über die Mensa vorbereitet, uns abgeseilt und saßen schließlich nach getaner Arbeit zufrieden vor der dicht verriegelten Akademie.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 37)



MÄCKLER: Haben Sie diese Aktion später dokumentiert?

HELNWEIN: Ich sammelte die Zeitungsausschnitte damals und verlor sie leider nieder: Meine erste große Presse. lch war stolz rauf, denn es war meine Aktion - ich hatte zwei Helfer und einige Leute von außerhalb, aber alle glaubten, es sei die ganze Akademie gewesen. Interessant auch war zu sehen - und das war für mich eine faszinierende Erfahrung -, wie die Medien funktionieren, denn ich wußte ja: Das war ich mit ein paar Leuten. Als ich aber am Abend nach Hause kam und im Fernsehen die Nachrichten sah, wurde berichtet, auf der Akademie hätte es einen Studentenaufstand gegeben - Unruhen und schwere Sachschäden. Und sie zeigten Bilder von zerbrochenen Fenstern und kündigten ein Interview mit dem Rädelsführer an. Da hab' ich mir gedacht, den möcht' ich jetzt aber gerne sehen. Und sie zeigten einen Studenten, der lange Haare und ein riesigen schwarzen Bart hatte und finstere Augenbrauen wie Rübezahl - er sah gut aus, das muß ich zugeben, hatte aber der überhaupt nichts mit der Sache zu tun, sondern war halt zufällig dazugekommen, und von den Ereignissen war er genauso überrascht wie alle anderen. Und er erzählte freimütig als "Führer des Aufstands" über seine Motive und wie alles abgelaufen sei. Das war ein spannendes Lehrstück für mich. Es war das erste Mal, daß ich gesehen habe, daß die Medien einfach Illusionen produzieren - und was sie berichten, ist meistens erfunden, ist Fiktion, ist Manipulation. Damals haben sie zahlreiche Studenten interviewt, die sagten, -sie hätten lange genug gewarnt und hätten den radikalen Flügel nicht länger zurückhalten können. Tausend Sachen wurden erzählt, die alle nicht stimmten. Niemand wußte die Wahrheit, niemand außer mir und meinen Freunden... Bei den Medien ist der "Erkenntnisprozeß" dagegen offensichtlich anders gelaufen. Irgend jemand, der aussah wie ein Studentenführer, ist selbstverständlich greifbar gewesen: Und der hat erzählt, warum er's gemacht hat. Das paßte alles gut zusammen. Aber was wir gemacht haben, war eine Theater-Revolution, und damals ist mir klargeworden, daß das wirkliche Leben auch Theater ist.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 38)



MÄCKLER: Wie konnte überhaupt diese Verwechslung mit dem "Rübezahl" passieren? Haben Sie oder Ihre Freunde nicht protestiert und klargestellt: "Helnwein war das! Er war es ganz allein!" Oder haben Sie sich einfach leise verdrückt?

HELNWEIN: Ich sag' ja: Die wußten gar nichts! Sie haben nur bemerkt: Es qualmt, es donnert, die Fenster klirren, Leute toben - niemand wußte Genaues. Alle wurden von den Ereignissen überrascht. Die einzigen, die ungefähr mitgekriegt haben, was wirklich abgelaufen ist, waren die Hausmeister; die haben schon die Tage vorher gemerkt, daß wir da ständig herumschleichen. Zudem war ich auch sehr auffällig gekleidet: Ich habe immer alte Uniformen angehabt, die umgeschneidert waren, Generalshosen und Stiefel. Heute ist so was ja egal, man kann alles anhaben. Damals aber war das wirklich auffällig.
Die Pedelle bemerkten also, daß wir da ständig herumschleichen, und sie waren die ersten, die uns nachgelaufen sind während dieses Wirbels. Die konnten wir uns nur vom Leibe halten, indem wir ihnen Farbbomben entgegengeschmissen haben. Aber sie kriegten uns dann doch.

MÄCKLER: Wie das?

HELNWEIN: Also, das war so: Am Abend nach der Verwüstung gingen wir noch mal hin - oder am nächsten Abend, ich weiß nicht mehr genau - und betrachteten unser Werk. Wir stiefelten durch die leeren Räume der Akademie. Es war ein - Triumph. Überall die Trümmer, und wir haben gelacht - die Erinnerung der Revolutionäre, und hinter einer Ecke sind dann die Hausmeister hervorgesprungen und haben uns ergriffen. Sie hatten dort gelauert. Einer schrie: "Der war's, ich hab' ihn gesehen, der da, der war's." Dann nahmen sie uns unsere Pässe ab...

MÄCKLER: Warum wurden später die weiteren Untersuchungen und Verfahren seitens der Akademie eingestellt?

HELNWEIN: Zuerst sind wir angezeigt worden, und das wäre natürlich schlecht ausgegangen, großer Sachschaden usw. -wirklich ein kriminelles Delikt. Aber der Minister für Unterricht und Kunst, Frau Dr. Hertha Firnberg, eine Sozialistin, hat offensichtlich angenommen, dahinter stehe die ganze Stuenschaft und sie wollte daher ein Zeichen guten Willens setzen - wenn sie gewußt hätte, daß nur wir drei es waren, hätte sie uns natürlich eins übergebraten. Aber so wurde das ganze zu einer politischen Affäre erklärt und das Verfahen mit einer Verwarnung an die Studentenschaft eingestellt.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 39)



MÄCKLER: Gibt es sonst etwas derart Abenteuerliches, das Sie aus dieser Akademiezeit nicht nur beschäftigt, sondern das Sie auch für erinnerungswürdig halten?

HELNWEIN: Eines der ersten Bilder, das ich gemalt habe - das zweite nach diesem Osterwetter, glaub' ich -, war das Hitler. Das hing dann in der Akademie - statt als Zeichnung diesmal in Öl gemalt, als großes, bombastisches Bild, Götterdämmerungsstimmung. Der Führer blickte in den Sonnenuntergang - allerdings mit einer Narbe vom Mund bis zum Ohr. Aber die war so leicht gezeichnet, daß man sie erst sah, wenn ganz genau geschaut hat. Dieses Bild war eine Reaktion auf meine Kindheit und Jugend. Ich bin ja in die Zeit kurz nach der Katastrophe hineingeboren worden. Überall waren Spuren des Verbrechens noch sichtbar, ständig, aber jeder hat sich geweigert, darüber zu sprechen, oder die Leute waren unfähig dazu. Ich wollte aber darüber reden, ich wollte alles wissen.
Und dann habe ich in der Zeitung die Prozesse gegen die Folterer aus den KZs mitgekriegt, dieser Murer zum Beispiel wie immer er auch hieß, der Spaß daran hatte, Leute zu Foltern und umzubringen. Irgendwelche Juden mußten die Finger, die Hände in die Tür halten, die dann so lange zugeschlagen wurde, bis die Finger abfielen. Und was ich nicht verstanden -habe, war, daß diese Leute freigesprochen wurden. Ich konnne nicht verstehen, daß jemand, der so etwas tut, aus welchen -Gründen auch immer, freigesprochen wird. Und nicht nur das, sondern daß sowohl der Staatsanwalt, der Richter, die Anwälte alle auf seiner Seite waren und beim Freispruch noch im Gerichtssaal gefeiert haben. Und die Zeugen, die man aus lsrael hatte kommen lassen, wurden während des Verfahrens eingeschüchtert: Über die hat man sich lustig gemacht. Da bin
ich das erste Mal wirklich bewußt auf Distanz gegangen zu Österreich und den Österreichern. Das war wirklich ein Bruch für mich. Und ich merkte, auf alles Fragen kam immer ein: "Das verstehst du nicht, das waren andere Zeiten."


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 40)



Also das einzige Bild, das mir damals zu den Österreichern eingefallen ist, war das Hitler-Bild, ja, und zwar in Blut-und--Boden-Manier, nicht kommentiert, nicht persifliert, sondern original. Und ich besorgte mir vom Antiquitätenhändler einen schweren Rahmen aus den dreißiger Jahren. Und nun lernte ich etwas über die Magie eines Bildes: Ich hatte es einfach in der Akademie bei mir stehen gehabt, da oben in der Ecke des Ateliers, und von dem Moment an sind die Leute reingeströmt - -ich weiß nicht, warum. Ich hab' davon keinem Menschen erzählt, so wichtig war mir das Bild auch wieder nicht, ich hab's einfach gemacht. Und dann kamen die Leute von selber - keine Ahnung, woher die das alle wußten. Wie ein Lauffeuer hat es sich rumgesprochen, und all das, was ich früher wissen wollte, all meine Fragen, auf die ich nie eine Antwort gekriegt habe -- diese Wand des Schweigens ist plötzlich eingestürzt, und alle haben ungefragt geredet.
Da gibt's die Geschichte, die ich ohnehin schon oft erzählt habe: Als ich 1971 mit anderen Kollegen von der Hausner--Klasse die erste Ausstellung im Künstlerhaus hatte, transportierte ich meine Bilder hin. Mein Beitrag waren die Aquarelle mit den verwundeten, entstellten Kindern und das Hitler-Bild. Das Taxi kam, wir luden die Arbeiten hinten ein, dann brachte ich das Hitler-Porträt. Mit Hilfe des Taxifahrers schob ich es in den Kofferraum, da sagte er erstaunt: "Wo haben Sie denn das Bild her?" - "Das hab' ich gemalt." - "Das haben Sie gemalt? Warten Sie, ich zeig' Ihnen was." Läuft nach vorne, öffnet das Handschuhfach und sagt stolz: "Da schaun's her - das warn wir." Ich schau' und seh' in seiner hohlen Hand einen kleinen silbernen Totenkopf. Ich wußte damals nicht, daß dies das Zeichen der SS war. Und ich sehe es und staune, und er fängt an zu erzählen. Und erzählt die ganze Taxifahrt lachend und euphorisch über die großen Zeiten, über die Kameradschaft an der Front usw.: "Damals sind wir aufgestanden wie ein Mann."


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 41)



MÄCKLER: Tatsächlich?

HELNWEIN: Das Faszinierende war, daß er von dem Moment an, als er das Bild sah, wie aufgezogen abgelaufen ist. Und niemals hat er mich angesehen und überlegt: Moment mal, da sitzt eigentlich ein Hippie neben mir. Denn ich sah ja wirklich gem so aus, wie man nicht aussehen durfte. Ich meine, der hätte normalerweise zu mir gar kein Vertrauen haben dürfen. Aber eine Alarmanlage war durch das Hitler-Bild ausgeschaltet. Er hat nichts mehr gesehen, und alles ist aus ihm herausgebrochen.
Das Erstaunlichste aber war, als ich nach Beendigung der Ausstellung die Bilder wieder zurücktransportieren ließ, diesmal natürlich von einem anderen Taxifahrer, wiederholte sich der Vorgang. Auch dieser Taxifahrer schreckte hoch, als er das BiId erblickte - die gleiche Reaktion: "Ja, das ist noch Malerei." Und dann nahm er so ein dickes Buch von irgendeinem englischen Historiker, in dem drinstand, daß das alles nicht gestimmt hätte: Es hätte kein Auschwitz gegeben, keine KZs - es seien in den Lagern "nur" etwa dreihunderttausend Leute gestorben und nicht Millionen - und die auch nur an Typhus: So ein Buch hat er mir gezeigt, und darin war jede Zeile unterstrichen, angekreuzt mit Farbstift, rosa, blau, grün, mit Wellenlinien, Punkten und Rufzeichen - ein wahres Kunstwerk, das Buch. Er muß es millionenmal angeschaut haben, um es mit seinen Markierungen zu übersäen. Das hat er mir auf der Fahrt zu lesen gegeben, immer wieder eine andere Seite aufgeschlagen und mir nach hinten gereicht: "Da, da, lesen Sie, bitte lesen Sie das!" Und auf ähnliche Reaktionen bin ich dann immer wieder gestoßen.
In der Ausstellung bedrohte mich eines Tages ein Mann mit m Messer. Dessen Vater war nämlich im KZ gewesen, und er drehte durch, als er das Hitler-Bild sah, und dann hab' ich gesagt, er soll doch seinen Vater mitbringen, ich will mit ihm reden, mich interessiert seine Geschichte. Dann kam der Vater, und so habe ich mit vielen Leuten geredet, und es ist das passiert, wonach ich mich immer gesehnt habe: Plötzlich sind Erinnerungen herausgebrochen aus den Leuten, plötzlich sind all die Sachen hochgekommen, die ich immer wissen wollte, über die aber niemand imstande war zu sprechen. Plötzlich war ich in Kontakt mit all den Leuten, plötzlich erfuhr ich irrsinnig viel.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 42)



Auch in die Akademie kam eines Tages jemand, als ich am Sonntag dort alleine saß und vor mich hin malte - am liebsten hab' ich am Sonntag gemalt oder in der Nacht, wenn niemand da war. Ich hörte Schritte um die Ecke kommen, und da stand ein junger Mann, bleich, blonder Schopf, hellblaue Augen, und sagt: "Entschuldigen Sie, ich hab' gehört, hier gibt's ein Führer-Bild zu besichtigen?" Er hat tatsächlich "Führer-Bild" gesagt. Ich hab' ihn zu der Wand hingeführt, wo das Bild lehnte, und da fällt er neben mir auf die Knie, starrt auf das Bild und schreit: "Der Führa, a Wahnsinn, a einz'ge Spritzerei, der Führa, der Führa!" Er hatte seine Haltung verloren. Ich stand neben ihm und sah ihn knien, vor dem Bild. Er ließ alles raus. Dann hat er mir stundenlang begeistert über die Aktionen der Neonazi-Bewegung erzählt. Wie sie die FPO-Jugend unterwandern, wie sie bei den Wahlen ihre eigenen Leute dann auch in den Vorstand der FPÖ (die Freiheitliche Partei Österreichs, das Gegenstück zur FDP, aber in Wirklichkeit das Sammellager für viele Braune und Rechte) schleusen, und wie sie Hippies zusammenschlagen, ihnen die langen Haare anzünden, und wie sie bei linken Veranstaltungen provozieren... Was seltsam war, weil er sich hätte sagen müssen: "Moment, wie schaut der denn eigentlich aus?" Ich sah nämlich genauso aus wie diese Langhaarigen, von denen er sprach. Aber er sah nichts, strahlte nur und erzählte seine Geschichten.

MÄCKLER: Meinen Sie, daß Sie sich in der Akademiezeit, unter dem beginnenden Konkurrenzdruck und durch die ersten potentiellen Interessenten an Ihren Bildern gravierend zu verändern begannen? Kann es sein, daß Sie vorher introvertierter waren und langsam extravertierter wurden?

HELNWEIN: Extravertierter bin ich wahrscheinlich auf der "Graphischen" geworden. Das war die Zeit, als ich mit meinen Freunden unterwegs war. Da gab es die ersten Versuche auszubrechen - der Schule unerlaubt fernzubleiben, in der Schule zu klauen, Sabotage.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 43)



MÄCKLER: Spielen denn derzeit die Mitglieder der Wiener Künstlergruppe "Zötus" - Ihre Akademie-Kollegen Jochen Wahl, Franz Zadrazil, Ulrich Gansert, Thomas Moog und Franz Mölk - eine besondere Rolle in Ihrem Leben?

HELNWEIN: Nein, der Kontakt ist nach der Akademiezeit abbrochen; wovon ich damals wirklich sehr profitiert habe, war der Umstand, daß dort etwa zehn andere Leute waren, die sich in einer ähnlichen Situation befanden wie ich und sich in ihrer Malerei vorgetastet haben. Und das Gute war - das muß an wirklich dem Hausner zugute halten -, daß er im Gegensatz zu allen anderen Professoren der Meinung war, jeder Student müsse sein eigenes künstlerisches Programm entwickeln. Üblich auf der Akademie dagegen war: Hier ist der Meister, der selbstverständlich erwartet, daß alle Schüler kleine Kopien seiner selbst werden. Und da gab's nichts anderes. Der Hausner war der einzige, der gesagt hat, meine Malerei ist überhaupt nicht wichtig. Wichtig ist, daß jeder seine eigene Ausdrucksform findet. Und daß er dann nie da war, war sehr gut, d. h. der Umstand, daß hier ein freies Arbeitsklima herrschte und auch ein Konkurrenzkampf im positiven Sinne.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 44)



Zadrazil beispielsweise malte diese großformatigen Häuserschluchten - ich hatte bis dahin an große Formate nie gedacht. Ein anderer war auf einem anderen Gebiet sehr gut, und jener wieder ein hervorragender Zeichner. Ein oder zwei Jahre herrschte ein unglaubliches Arbeitsklima, ein gegenseitiges Inspirieren und ein Konkurrenzkampf, der alle gepuscht hat. Und aus diesem Kreis haben sechs Leute gesagt, wir machen zusammen eine Ausstellung. Aber die Verbindung war sehr lose. Wir fanden es gut, daß jeder anders war, daß es eben nichts Ähnliches gab und jeder seine eigene Aussage hatte - "Zötus" war eine Möglichkeit, zusammen auszustellen.

MÄCKLER: Und Ihre ersten Aktionen?

HELNWEIN: Ja, ich malte die ersten Bilder aus dem Kopf und bin dann mehr dazu übergegangen, die Themen auch zu inszenieren und Fotos davon zu machen - auf der Straße, in Wohnungen und in Kaffeehäusern.

MÄCKLER: Wer fotografierte?

HELNWEIN: Entweder ich selber, wenn ich aber im Bild war, dann hab' ich irgend jemandem die Kamera in die Hand gedrückt, ihm erklärt, wie er es machen soll - mal dem, mal jenem, wer gerade anwesend war. Die meisten Aktionen waren einfach nur gemacht, um fotografisch dokumentiert zu werden, inszeniert für ein Bild...

MÄCKLER: Wie haben Sie sich in diesen Jahren finanziert?

HELNWEIN: Ich muß sagen, ganz am Anfang hatte ich gar keinen Bedarf an Geld, es war alles wunderbar. Ich konnte malen - also hat mir nichts gefehlt. In Kaffeehäusern kann man den ganzen Tag sitzen für einen kleinen Braunen, und den kann man schuldig bleiben, es war wirklich egal.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 45)

Und dann war es so, daß ziemlich bald Leute auf die Akademie kamen, die interessiert waren, Ausstellungen mit mir zu machen oder Bilder zu kaufen, aber das war mir zunächst eher unangenehm, weil ich nie vorhatte, irgend etwas zu verkaufen. Es war gar nicht der Zweck der Sache - ich hielt das für ein Mißverständnis. Meine Arbeit war ein Versuch, mich vorzutasten, irgend etwas herauszufinden, zu formulieren. Aber daß da jemand kommt und das Zeug kaufen will, fand ich seltsam. Ich wußte auch nicht, was man dafür verlangen sollte. Aber es kamen immer mehr Leute, und dann hab' ich irgendwann mal was verkauft. - Also, ich hatte nie Probleme, Bilder zu verkaufen, aber ich habe mich nicht darum bemüht.

MÄCKLER: Welchen Zweck hatten Ihre Aktionen, wenn nicht den, Fotos und Bilder zu verkaufen? L'art pour l'art?

HELNWEIN: Verkauf war nie ein Motiv. Das war etwas, das von außen an mich herangetragen wurde, und ich hab' dann verkauft, aber ich hab' die Bilder nicht dafür gemalt. Was mich interessierte: Das Zentralthema meiner Kunst waren Kinder. Und ich fand Kinder, auch Erwachsene manchmal, mit denen ich auf der Straße Aktionen inszenierte. Ich habe z. B. ein Kind bandagiert, verschnürt, mit chirurgischen Klammern versehen auf den Boden gelegt. Ich sprach mit den Kindern vorher immer darüber, erklärte ihnen, was ich vorhabe. Es war eine Art Spiel für sie. Und immer wieder war die Idee daran, in diesen Alltag - der so genormt abläuft - irgendeinen Störfaktor hineinzubringen, zu sehen, was passiert, und da stand dann eben ein Kind bandagiert oder lag, und ich wollte wissen: Wie reagieren die Leute, was passiert? Ich hab' mit den Kindern auch abgemacht, daß sie, wenn die Leute fragen, nichts sagen, einfach stehen- oder liegenbleiben. Manches fand auch ohne Publikum statt - einfach ein Kind, das da liegt.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 47)


MÄCKLER: In diesen Kontext gehört wohl auch Ihre Aktion "Blut für Helnwein ", verbunden mit der Ausstellungseröffnung der Galerie in der Dommayergasse. Sie wurde am I5. Dezember 1972 von der Neuen Kronen Zeitung mit der Schlageile kommentiert: "Graf Dracula bat zur Eröffnung." Und unschuldig fragt das Blatt weiter: "Bittet Frankenstein persönlich das goldene Wienerherz zum Aderlaß?" Rund hundert Menschen zapfte das Rote Kreuz - Sie assistierten im weißen Arztkittel - einen Viertelliter Blut ab: Als Honorar gab's dann jeweils eine Zeichnung im Wert von 1000 Schilling. Das einzulösen hat Sie ja dann ein Jahr beschäftigt: Was waren das für Zeichnungen?

HELNWEIN: Federzeichnungen von eigenartigen Leuten - es gibt viele davon in meinen Büchern.

MÄCKLER: Haben Sie sich als der "Schockmaler von Wien", über den im Kurier vom 13. September 1973 zu lesen war: "Ist er wirklich ein Sadist, der junge Mann mit den sanften Augen
und der Christusfrisur?" - haben Sie sich gewundert, daß ein Jahr vorher, 1972, Ihre Ausstellung im Wiener Pressehaus schon nach drei Tagen wegen des heftigen Protestes der Redakteure, die an Grausamkeiten ja einiges gewohnt sein dürften, wieder abgebaut werden mußte?


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 49)



HELNWEIN: Ich hatte diese Ausstellung in der Pressehausgalerie in Wien, und die Angestellten einer der größten Zeitungen Österreichs mußten auf ihrem Weg zur Arbeit durch meine Ausstellung. Da drehten viele durch - es kam zu heftigen Protesten durch die Belegschaft, und der Betriebsrat drohte schließlich mit einem Streik, wenn die Bilder nicht verschwindeni würden. Jedenfalls wurde ich nach drei Tagen angerufen und gebeten, meine Arbeiten, die fein säuberlich gestapelt in der Portiersloge standen, abzuholen - das hat mich erstaunt, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.
Ich wollte Emotionen damit auslösen, ich wollte von anderen etwas erfahren. Was, war mir eigentlich egal - ich hatte keine bestimmte Erwartungshaltung. So gesehen, waren Protest und Empörung genauso gut wie Lob oder irgendeine andere Reaktion. Ich habe jedesmal gelernt von dem, was ich gehört und Ehen habe.

MÄCKLER: Wie kamen Sie überhaupt an die Presse, nämlich dahin, -für sie arbeiten zu wollen?

HELNWEIN: Ich wollte gar nicht für die Presse arbeiten. Es ist so, ich habe nach einer Form gesucht, mit der man so viele Leute wie möglich erreichen kann. Und mich hat immer der Mann auf der Straße interessiert, also Menschen, die gar nicht wissen, daß es bildende Kunst gibt. Die interessieren mich -- Experten haben mich nie interessiert. Ich wollte immer eine Kunstform finden, eine künstlerische Sprache, mit der man Arbeiter, Lehrlinge, Angestellte, irgendwelche Leute erreichen kann.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 50)



MÄCKLER: Hängt das mit Ihrer eigenen Biographie zusammen: Sie kommen ja ebenfalls nicht aus einer kunstinteressierten Schicht, wie etwa dem Bildungsbürgertum?

HELNWEIN: Ich weiß nicht, Theoretiker haben mich nie interessiert. Ich war mein Leben lang immer abgestoßen von Leuten, die theoretisieren - als Selbstzweck. Ich wollte Leute aus dem wirklichen Leben erreichen: auch Leute ohne Vorbildung. Und daher schien mir die Massenreproduktion das einzige künstlerische Medium zu sein, das geeignet war, so etwas zu erreichen. Die allgemeine Vorstellung des Kunstmarkts ist, daß z. B. ein Druckverfahren um so wertvoller ist, je antiquierter und elitärer es ist (Radierung, Lithographie etc.) und je geringer die Auflage. Ich war jedoch der Meinung, je ordinärer das Druckverfahren (z.B. Offsetdruck) und je größer die Auflage, desto höher der künstlerische Wert.
Und dann hat zum Thema "Selbstmord in Österreich" mein ehemaliger Schulkollege Bernhard Paul, er war damals gerade Artdirector des Nachrichtenmagazins Profil geworden, die Redakteure auf meine Bilder aufmerksam gemacht. Er sagte: "Du malst doch immer so grausliche Bilder, das würde zu dem Thema passen." Da hab' ich ein Bild für den Titel gemacht und einen Innenaufmacher, bei dem ich darauf bestand, daß er ohne Text war - nur mein Bild auf einer Doppelseite. Und es wurde eine Form der Titelblatt-Gestaltung, die es bis dahin nicht gegeben hat - etwas vollkommen Neues. Dieses Cover von 1973 löste dann eine Flut von Protesten, aber auch von Nachfolgern und Nachahmern aus; und auch eine neue Art von Stil, was Titelblätter und Illustrationen betraf - obwohl es für mich nie Illustration war.

MÄCKLER: Was war es dann?

HELNWEtN: Ich habe die Arbeit als künstlerische Aktion gesehen, so wie meine fotografischen oder sonstigen Aktionen. Ich wußte nur eins: Die Galerie als Ausstellungsforum hat mich nicht interessiert. Die Vorstellung von Vernissagen in kleinen Galerien mit erlesenem Kenner-Publikum, Sektflöten und belegten Brötchen fand ich ziemlich beunruhigend. Da wollte ich nie dabeisein, ich fand das überflüssig. Ich hab' ständig nach neuen Formen gesucht, daher gab's auch keine Vorbilder für mich, nicht direkt jedenfalls. Die amerikanische Pop Art kannte ich damals noch nicht, aber meine Intentionen waren ähnlich.

MÄCKLER: Haben sich konkrete Vorbilder aus der Kunstgeschichte dann nicht doch noch peu ä peu eingestellt?

HELNWEIN: Nein, der einzige, den ich damals registriert habe und den ich gut fand, war Arnulf Rainer. Die wenigen Sachen, die ich irgendwann von ihm gesehen hatte, haben mich interessiert.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 51)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 

 

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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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