Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach

MÄCKLER: Wie haben Sie nach der Akademiezeit gelebt? Sich erst einmal in die Arbeit gestürzt? Von früh bis spät gemalt oder...?

HELNWEIN: Nein, ich hab' nur ganz wenig gearbeitet. Wenn, dann war ich sehr konzentriert, aber eigentlich war das selten. Ich war meistens unterwegs und habe mit Leuten geredet, diskutiert und viel gelesen, vor allem philosophische Texte, habe Aktionen gemacht und fotografiert.

MÄCKLER: Das ist aber das Gegenteil von dem, was ich hier lese: "Nach dem Studium vergrub sich Helnwein in seiner Wohnung und arbeitete wie ein Besessener."

HELNWEIN: Wo steht das?

MÄCKLER: Im Stern, Nr. 3/1988, S. 38.

HELNWEIN: Ich habe mich nicht vergraben und gemalt nach der Akademie.

MÄCKLER: Welche Vorstellung kann man sich dann von Ihnen und Ihrem postakademischen Leben machen?

HELNWEIN: Ja, da war ich halt meistens unterwegs. Damals war ich kurz vor dem Abkratzen. Ich hab' Drogen genommen...


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 52)



MÄCKLER: Was haben Sie - wie viele von uns damals - konsumiert? LSD?

HELNWEIN: LSD ein-, zweimal. Auch Alkohol und andere Drogen... Nach dem zweiten Mal LSD hab' ich einen derartigen Horrortrip gekriegt, der hat überhaupt nicht mehr aufgehört, jahrelang. Viele Jahre.

MÄCKLER: Wie hat er sich ausgewirkt?

HELNWEIN: In allen möglichen Formen - ich habe so seltsame Beschwerden gehabt: Plötzlich, ich war auf der Straße, sah ich nichts mehr - ich war blind. Dann stand ich da, hab' mich irgendwo festgehalten und gefragt: Was mach' ich jetzt? Ich wußte, das hat mit dem LSD zu tun - das kann noch Jahre später wirken. Oder das Gleichgewicht war weg - ich konnte nicht mehr gehen oder stehen.

MÄCKLER: War das eine Phase, in der Sie Ihrem Leben und der Gesellschaft gegenüber nicht positiv eingestellt waren? Sehen Sie Parallelen zu den Selbstverstümmelungsaktionen seit der Schulzeit?

HELNWEIN: Die Selbstverletzungsaktionen waren für mich nichts Unangenehmes. Im Gegenteil, das waren die Lichtblicke in dieser traurigen Zeit. Blut ist etwas Ästhetisches. Ich war wie ein Kind, das gern ein Pflaster oder eine Bandage trägt, ohne daß da eine besondere Philosophie dahintersteckt.

MÄCKLER: Wenn ich das jetzt einmal als ein destruktives Element bezeichnen würde...

HELNWEiN: Ich fand den Umstand, daß man sich verwundet, natürlich: Man schneidet sich auf, das war ästhetisch, riecht gut, schmeckt gut, sieht gut aus. Seltsam - destruktiv fand ich die Gesellschaft um mich herum: repressiv, unterdrückerisch, krank, dekadent. Und ich hab' mich durch diese Handlung von ihr distanziert und war plötzlich herausgehoben. Ein einziger kleiner Schnitt, und plötzlich war viel Platz um einen herum. Alle haben sich zurückgezogen, distanziert, ja, die Lehrer waren entsetzt und haben mich von da an vorsichtig behandelt - -das fand ich gut.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 53)



MÄCKLER: Also eine Verbindung zwischen Ihren frühen Einschnitten und dem Alkohol samt Drogen, das...

HELNWEIN: Nein, hat nichts damit zu tun. Das hab' ich mit klarem Kopf gemacht. Ich war nie klarer als in diesen Momenten. Diese Oberlehrer waren mir alle zu nah. Ständig haben sie sich eingemischt, einem ständig in die Hosentaschen gegriffen, ständig etwas vorgeschrieben, verboten, bemängelt, bemäntelt, zurechtgewiesen... Ich fragte mich: Was hab' ich mit diesen Leuten eigentlich zu tun - dies sind häßliche und fremde Menschen. Wie kommen die dazu, mir immer so nah zu sein und über mich bestimmen zu wollen - wie kommen die dazu, daß sie mir immer im Gehirn herumstieren wollen? Ich habe einfach das Bedürfnis gehabt, mit den Leuten nichts zu tun zu haben - um etwas mehr Distanz wollte ich gebeten haben. Und diese winzigen Schnitte haben dafür gesorgt.

MÄCKLER: Würden Sie sich, rückblickend auf das Jahr 1973, als einen Aussteiger bezeichnen?

HELNWEIN: Ich war ja nie drinnen! Ich konnte doch nicht aus etwas aussteigen, wo ich nicht drin war. Die Schulzeit - da versuchte man, mich in etwas hineinzupressen, das mir vollkommen fremd war. Aber ich war nie ein Teil davon. Ich habe nie Aufgaben gemacht, ich hatte miserable oder keine Noten, ich habe nichts gekonnt, ich hab' nichts gewußt und war unfähig, auch nur irgendeine Prüfung zu bestehen, das heißt: Ich war immer draußen - nie drinnen. Ich habe nicht beschlossen, ein Rebell und Verweigerer zu sein, aber ich war einer durch meine Natur.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 54)


MÄCKLER: In diesen Jahren 1971 bis 1973, als die ersten Ausstellungen beginnen und das erste Zeitschriften-Cover erscheint, das Sie schlagartig bekannt und berüchtigt macht, fangen Sie ja nun aber doch an, zumindest in die Branche einzusteigen.

HELNWEIN: Das war kein Einstieg, sondern ich benutzte von außerhalb, was immer mir an dem Instrumentarium grade gelegen kam. Ich hatte nichts mit Profil noch mit sonst irgendeinem Magazin zu tun gehabt. Der Art-director da drin war ja auch ein Freak - der nach kurzer Zeit auch wieder gegangen ist. Wir waren da ähnlich eingestellt. Der ist z. B. zu Profil gegangen und hat sich als Art-director beworben, hatte keine Ahnung, wie eine Druckmaschine ausschaut, wußte nichts - wir haben nie was gewußt. Und da haben sie gefragt: "Haben Sie Erfahrung als Art-director?" - "Ja, ja." - "Aha, gut."
Und dann wurde er aufgenommen, weil er so einen Schmäh hatte und Leute um den Finger wickeln konnte. Er hat irgendwas dahergeredet und keine Ahnung davon gehabt, was ein Art-director machen muß, und zwar wirklich nicht. Er ist von der "Graphischen" schon nach dem zweiten Jahr geflogen. Um das zu schaffen, muß man wirklich schon wieder gut sein. Aus disziplinären Gründen sind wir alle gefeuert worden. Und er war Art-director dort, wovon andere träumen: bei Profil, dem österreichischen Spiegel. Und daraufhin haben sie gesagt: "Okay, dann bitte übernehmen Sie doch gleich jetzt den Umbruch des Hefts und die Drucküberwachung." Der hatte natürlich noch nie gehört, was ein Umbruch ist - er hatte keine Ahnung. Und er hat einfach hingehört und unglaublich schnell gelernt, und niemand hat was bemerkt. Und dann hat er eben zu mir gesagt, "mach ein Bild". Aber die Redaktion war gegen mein Bild. Und daraufhin hat er das Cover heimlich doch drucken lassen. Und es ist dann einfach gelaufen - sie konnten es nicht mehr stoppen.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 55)



MÄCKLER: Die Leser-Reaktion war dann ja entsprechend heftig und kontrovers. Abonnements wurden gekündigt. Aber einmal auf die Thematik bezogen: Sie haben in Ihren Darstellungen von Kindern und den Selbstporträts in diesen Jahren immer wieder auch Stigmen eingesetzt, beispielsweise bei dem Lichtkind von 1976.

HELNWEIN: Stimmt, ja...

MÄCKLER: Stigmatisierung als ein Phänomen der christlichen, katholischen Tradition mit ihren Heiligenlegenden?

HELNWEIN: Auch.

MÄCKLER: Wie kommt das? Hat Sie der Katholizismus, besonders derjenige österreichischer Prägung aus Kindertagen mitsamt seinen Heiligenlegenden, bis in diese Jahre hinein verfolgt?

HELNWEIN: Die einzige Form von Kultur, mit der ich damals in Berührung gekommen bin, war die Kirche. Das heißt, ich habe erlebt, was jahrhundertelang die einzige kulturelle Berührung für viele Menschen war: die Kirche.
Und ich sah dann dort den heiligen Stephanus mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Steinen liegen. Warum liegen da Steine? Weil er gesteinigt wurde. - Aha, dann steht die Katharina mit dem Rad dort, einem riesigen Rad. Warum hat die ein Rad? Weil sie gerädert wurde. - Dann gab's die heiligen Wundmale: "Oh, Haupt voll Blut und Wunden..." Das sangen wir - ich meine, das war die Erziehung. Daß sich das möglicherweise niederschlägt in der Kunst, erstaunt mich eigentlich nicht. Sind Sie katholisch?

MÄCKLER: Nein.

HELNWEIN: Gut, also wenn man katholisch ist, weiß man das. Man muß sich das vorstellen, man singt voll Inbrunst: "Drücke deine Schmerzen / tief in aller Christen Herzen." Na ja, gut. Dann gab's den heiligen Sebastian, der verzückt gen Himmel blickt und von oben bis unten mit Pfeilen durchbohrt ist, und noch irgendeinen Heiligen, der einen Rost vor sich herschiebt: Kennen Sie den?

MÄCKLER: Laurentius heißt der Gute...


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 56)



HELNWEIN: Ja, der schiebt einen Rost auf Rädern vor sich her, so wie im Supermarkt den Einkaufswagen, denn er ist geröstet worden: Das war die Form von Literatur und bildender Kunst, mit der ich konfrontiert war.

MÄCKLER: Die daraus herleitbare Ikonographie findet man dann auch schon in dem 1973 unter der Regie von E. Kroiss gedrehten Film über Sie, Engagierte Kunst?

HELNWEIN: Ja, da hat jemand die Aktionen gefilmt, in denen ich Kinder bandagiert und ihnen Klammern eingesetzt habe in den Mund, an die Augen und Ohren und sie verbunden und verschnürt habe.

MÄCKLER: Woher kommt der frühe Medienrummel?

HELNWEIN: Meine Art zu malen hat sich herumgesprochen, die Leute kamen an die Akademie. Meine Arbeiten sind offensichtlich aufgefallen, und die Ausstellungen sind besprochen worden. Die Leute haben stark darauf reagiert und sich mit meiner Arbeit auseinandergesetzt.

MÄCKLER: Ein Film folgt dem anderen: Helnwein Sehtest wird 1974 erstmals ausgestrahlt.

HELNWEIN: Ja, das war im ZDF.

MÄCKLER: Wie kamen Sie an den Regisseur Heinz Dieckmann heran?

HELNWEIN: Er kam an mich heran. Ich weiß nicht, er hat sich halt gemeldet, wollte einen Film über mich machen, und da sagte ich damals schon, was mich nicht interessiert, ist ein Film, so wie Künstlerporträts meistens sind: daß einer fragt und der Künstler ewig quatscht. Ein Film muß ein visuelles Ereignis sein. Außerdem habe ich eigentlich nichts zu den Bildern zu sagen gehabt. Die Leute wollten ja immer wissen: "Was haben Sie sich bei dem Bild gedacht? Warum haben Sie das Bild gemalt?" Das ist die Standard-Frage. Aber kein Maler kann in Wirklichkeit sagen, warum er ein Bild malt. Ich habe noch nie einen Künstler getroffen, der sich etwas denkt bei der Arbeit. Und wann immer er etwas dazu sagt, ist es nicht wahr.
Also, das Leid aller Künstler ist, daß man sie immer fragt, warum sie dieses und jenes Bild malen. Und ich habe damals vorgeschlagen: "Machen wir es doch so: Wir zeigen die Bilder ganz unterschiedlichen Leuten, Kindern im Kindergarten, Kranken, einem Zuhälter, einer Schlagersängerin, einem Briefträger, schauen wir, was sie dazu sagen. Es ist doch viel wichtiger, was die Leute zu den Bildern sagen, was sie empfinden, denn das, was ich mitteilen will, ist auf dem Bild. Wichtig ist, was sagen die Leute jetzt dazu?"
Und das haben wir gemacht. Es war, glaube ich, ganz spannend. Ich muß sagen, ich hab' mein Publikum eigentlich sehr gern gehabt. Ich bekam eine wirklich intensive Beziehung zu den Leuten. Bei den Reaktionen bemerkte ich, daß die Bilder offensichtlich imstande sind, sie zu berühren oder zu rühren, je nachdem. Der Zuhälter hat Tränen in den Augen gehabt, komischerweise: So ein kleiner Vorstadtzuhälter, Nadelstreifen, gepolsterte Schultern, schwarzes Hemd und weiße Krawatte. Er trug eine Sonnenbrille.
Der Regisseur hat gesagt, er soll sie doch abnehmen, damit man seine Augen sieht. Da hat er sie langsam abgesetzt und drunter ein blaues Auge von einer Schlägerei gehabt. Dann schaut er das Bild an, und es war für mich faszinierend, zu sehen, wie ein und dasselbe Bild bei zehn verschiedenen Leute imstande ist, zehn verschiedene Reaktionen hervorzubringen. Und der Zuhälter hat gesagt: "Es ist erschütternd." Und zwar ehrlich, das war nicht gespielt, das war auch nicht jemand, der irgend etwas vortäuscht. Er hat nur gesagt, er sei wirklich erschüttert über so viel Grausamkeit diesen armen Wesen gegenüber. Und so haben die Leute sehr, sehr unterschiedlich reagiert. Das waren die Male, in denen ich das Gefühl hatte, ich bin Menschen nahe. Ich habe viel von den Leuten über meine Bilder erfahren. Von mir hätte man relativ wenig erfahren, denn das, was ich gemalt habe, war für mich ebenso seltsam wie für den Betrachter wahrscheinlich. Es lag ja kein theoretischer Plan zugrunde, den ich vorher ausgeheckt hatte, sondern ich malte einfach.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 60 )



MÄCKLER: Mit Dieter Schwertberger gründeten Sie 1974 das Zentrum für Kunst und Kommunikation. Das Plakat des Z.K.K., das am 1. April 1976 offiziell in der Singerstr.
8 eröffnet wurde, zeigt eine Person, liegend auf der Straße. Ihr Kopf ist verbunden, ein kleines Kind reicht beherzt die Hand -eine Metapher, den Notstand fehlender künstlerischer Kommunikation in Wien zu überwinden?

HELNWEIN: Wir haben im 1. Bezirk, also im Zentrum von Wien, eine alte Pelzfabrik mit riesigen Fenstern aus der Jahrhundertwende gemietet. Ausstellungen fanden statt, Performances, Konzerte, Blues, Rock, Lesungen...

MÄCKLER: Woran ist das Unternehmen dann so rasch wieder eingegangen?

HELNWEIN: Das ist aus verschiedenen Gründen eingegangen; für mich war es eine wichtige Erfahrung. Ich habe etwas ganz anderes ausprobiert: wenig gemalt und gezeichnet, mehr organisiert, geredet, Leute zusammengebracht - eine Zeitlang, dann war es vorbei. Da wollte ich wieder weg.

MÄCKLER: Wie haben Sie in diesen Jahren gelebt; wie darf sich das der Leser vorstellen? Er sieht Ihre Bilder und Fotos von Ihrer Person. Sie sehen in dieser Zeit - wie Sie selbst sagen und wie wir es von dieser Generation kennen - mit langen Haaren und bunter Tracht durchaus etwas "revoluzzerhaft" aus..

.

HELNWEIN: Wie?

MÄCKLER: "Revoluzzerhaft", in Anführungszeichen.

HELNWEIN: Ja, ich trug meistens Uniformen. Die haben wir in der Judengasse bei den Juden gekauft und sie in der Zeit der "Graphischen" umschneidern lassen. Es gab ja damals gar nicht die Möglichkeit einer ausgefallenen Kleidung, da gab's nichts. Das heißt, man konnte immer nur dieselbe graue Einheitsscheiße anziehen. Die einzige Chance war in Wien die Judengasse, eine kleine Gasse, in der noch ein paar jüdische Geschäfte standen - und die haben dort Sachen für uns geschneidert nach Belieben.
Es sah dort aus wie in den zwanziger Jahren - so als hätte der Wahnsinn des tausendjährigen Reichs diese kleine Gasse übersehen, vergessen. Da gab's z. B. den alten Braturan - der legte mir immer was Besonders zurück, obwohl ich wirklich dauernd flach (mittellos) war. Er sagte immer: "Zahlen Sie doch in Raten, und wenn es nur zehn Schilling sind. Ich kann warten. Ich habe Zeit." Mal hatte er Gamaschen oder eine Dragoner- oder Ulanenuniform aus der Monarchie. Und einmal sagte er geheimnisvoll: "Heite hab' ich was ganz Besonders -an herrlichen, original SS-Mantel." Und er legt mir einen langen, taillierten, schwarzen Uniformmantel auf die Theke. Ich kaufte ihn und stellte später fest, daß er von einem Straßenbahnschaffner aus der Monarchie stammte...


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 62)



Einmal schob er seine Rockärmel hoch und zeigte mir seine seltsam roten, entstellten, vernarbten Unterarme: "Da haben Sie mich im KZ in siedendes Wasser gehängt." Das sagte er, aber eigenartig gelassen, als würde er über irgend etwas Belangloses reden, das gar nichts mit ihm zu tun hat. Als ich ihn einmal nach der Zeit im KZ fragte, sagte er zu meiner Verblüffung. "Wissen Sie was: Das hat mir gutgetan. Schau'n Sie mich an: Ich bin heite 75 Jahre alt und kerngesund. Mir fehlt nix, und warum? Weil wir nix zum Essen gehabt ham, und Fasten is g'sund. Schau'n Sie sich die Leute heute an, wie die überfressen sind, und dauernd sind's beim Arzt, und dann trifft sie der Schlag."
Dann beugte er sich vor, hielt mir seinen Kopf hin und fuhr sich mit den Händen durch sein weißes Haar: "Da, schau'n Sie sich das an: Is des a Haarwuchs? Ja, des kommt davon, daß sie uns immer a Glatz'n g'schert ham - davon kriegt ma an g'sunden, dichten Haarwuchs."

MÄCKLER: Wie würden Sie sich denn politisch in dieser Zeit einschätzen? Eher links, marxistisch orientiert, eher rechts?

HELNWEIN: Rechts sowieso nicht, rechts in keinem Fall, aber auch links nicht . .. Ich meine, alles hat damals nach links gezogen, und links war einfach die Lösung: die Gegenwelt zum Establishment. Aber alles, was ich dort kennengelernt habe, hat mich abgestoßen. Deswegen war Anarchie für mich immer das, wo ich mich am ehesten zu Hause gefühlt habe. Die Freunde, die Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe, teilweise auch aus der sogenannten linken Szene, waren in Wirklichkeit Anarchisten, nie Marxisten. Die Linken waren halt ein Sammellager für alle, die gegen das Establishment oder gegen die Nazis oder gegen die Rechten waren. Aber typisch marxistisch orientierte Leute haben mich gelangweilt, die fand ich elend. Das war einfach nur wieder ein neues Biedermeier mit schwachsinnigen Regeln: eine neue Art von Spießertum, genauso verlogen wie das unserer Eltern, genau das gleiche in Rot, überhaupt kein Unterschied. Da gab es andere Werte und andere Symbole, aber die haben dasselbe Spiel gespielt, dieselbe Scheiße - man mußte unbedingt einen verbeulten VW oder 2 CV haben; man durfte nur bestimmte Kleidung tragen - dies war nicht erlaubt und jenes auch nicht - das habe ich ja eh gezabt, lang genug. Ich brauchte doch keine neuen Oberlehrer. Immer, mein Leben lang, bin ich auf eine Nation von Oberlehrern gestoßen, die einem ständig sagten, was man machen soll und was nicht. Und die neuen Linken waren erst recht so eine Ausgeburt an Oberlehrertum: grauenhaft.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 63)



MÄCKLER: Hat Sie Mickymaus nicht auch belehrt?

HELNWEIN: Donald Duck - nicht Mickymaus. Ja, ich finde tatsächlich, daß die Donald Duck-Geschichten von Carl Barks bilden. Alle anderen Walt Disney-Comics sind nicht wirklich bedeutend. Sie haben vor allem keine Geschichten, selbst die, die ganz gut gezeichnet sind. Der Unterschied ist, daß das Werk von Carl Barks auch vom Literarischen, vom Inhalt her für mein Verständnis zur Weltliteratur gehört. Für mich ist Carl Barks ein Universalgenie, weil er die Qualität eines Shakespeare besitzt in dem, was er geschrieben hat, und vom Zeichen her ist er ein Leonardo! Seine Geschichten haben tatsächlich eine unglaubliche Qualität und Tiefe in der Sicht des Lebens, die erstaunlich ist. Ich habe von Donald Duck mehr über das Leben gelernt als in allen Schulen, in denen ich war. Als ich ach Amerika kam, habe ich nichts angetroffen, was ich nicht schon durch diese Geschichten kannte. Und alles ist genau so gewesen wie in diesen Comics.

MÄCKLER: Sie haben, als sie 1977 nach Disney World gedöst sind, Amerika so angetroffen wie in den Donald Duck--Geschichten?

HELNWEIN: Nicht in Disney-World, aber außerhalb, auf den Straße, in New York, in Los Angeles, in Florida. Ich traf nichts an, was ich nicht schon kannte. Und bis heute geht mir das so. Wenn man irgend etwas erlebt - was typisch für Amerika ist und für uns eigenartig -, sind das immer Situationen, die ich bereits kannte: durch Comics oder Filme. Es ist so: Wenn man die Geschichten gut kennt, dann merkt man, daß sie sehr viel über die menschliche Natur aussagen, über alle Aspekte des menschlichen Daseins, das ist unglaublich.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 66)



MÄCKLER: Als Sie 1977 nach Florida reisten, war es also ein Wunschtraum, der in Erfüllung gehen sollte?

HELNWEIN: Ja, das war etwas, das ich wohl schon vorher hätte machen sollen, denke ich mir hin und wieder. Mit vierzehn hätte ich abhauen sollen von zu Hause, nach Amerika, das wäre wahrscheinlich das Beste gewesen. Aber, wie dem auch sei, ich habe es halt dann später gemacht. Als ich da war, habe ich ferngesehen, was ich gern mache, wenn ich in ein fremdes Land komme, monatelang nur ferngesehen, vor allem Werbung. Da lernt man viel über ein Land, sehr viel.
Was mir im amerikanischen Fernsehen aufgefallen ist: Der Schwerpunkt der Werbung ist immer das Essen. Es wird ständig gefressen, Snacks, nicht richtiges Essen. Ständig stopft sich irgend jemand etwas in den Mund. Und ständig ist es crispy, crunchy, rich, flayored, creamy, onehundred-percent natural, was völlig absurd ist, weil das Zeug natürlich onehundred-percent synthetisch ist - alles, was die essen. Die Nahrung hat nie etwas anderes gesehen als das Labor, aber alles ist natural, crispy, crunchy und so weiter. Und ständig ißt irgend jemand was, Fish and Chips, Burgers, Ketchup, Cornflakes, Kopfschmerztabletten, Tylanol, Aspirin, extrastrong. Jedes Problem kann gelöst werden, man muß nur irgend etwas fressen - ein orales Inferno.
Wenn man hingegen die deutsche Werbung anschaut: Da geht es immer um's Putzen, weiß, noch weißer, und der Sheriff und Der General und der Weiße Wirbelwind ... und dauernd blicken Frauen in Pfannen und sind geblendet, weil alles so spiegelt, und tauchen ihre Hände in irgendwelche Waschmittel ein: Weißer Riese, Meister Proper, Andy, Sunil usw. Wenn man in Deutschland fernsieht, hat alles mit dem Waschen zu tun. Das Interessante ist: Von diesen Werbespots kann man sehr gut auf die Gesellschaft schließen, und ich habe den Eindruck, in Deutschland hat dieser Wahn mit dem Saubermachen, mit dem Reinigen auch mit der Vergangenheit zu tun, die man los-werden, wegwaschen will, während die Amerikaner im Gegensatz darauf vertrauen, daß man die ganze Welt auffressen kann. Das ist ja wirklich die Philosophie drüben: Man sitzt da in völliger Apathie - Konsum als die Lösung für alles. Habe ich ein Problem, nehm' ich die richtige Pille, oder zwickt es da, eine andere, und wenn ich jeden Tag Aspirin nehme, dann krieg' ich keinen Herzinfarkt. Wenn man dann aber Magenblutungen vom Aspirin bekommt, dann nimmt man eine andere Pille, die löst das wieder auf.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 66)



MÄCKLER: Sieben Monate USA: Was war Ihnen noch wichtig?

HELNWEIN: Ein wesentliches Erlebnis hatte ich in Washington, in der National Gallery. Bis dahin war ich ja wirklich ein gnadenloser Vertreter und Partisan der Trivialkunst, der Gegenkultur, voller Leidenschaft gegen alles, was nur im entferntesten mit der akzeptierten, überkommenen Kultur zu tun hatte. Aber in Washington habe ich zufällig die ersten Kandinsky-Bilder gesehen, im Original. Und Kandinsky war früher - seit der Schulzeit - ein Horror für mich, einfach schon die Vorstellung von diesem abstrakten Zeug, diesen Dreiecken und Strichen ... Und dann sah ich diese Bilder im Original, völlig unvorbereitet, und war geschockt. Ich stand vor den Bildern und fühlte, daß ihre Farben wahnsinnig vibrieren wie ein Energiefeld. Ich schaute dann auf die Schilder, wer der Maler sei: Kandinsky. Seitdem habe ich mich sehr mit Kandinsky beschäftigt. Er hat mich fasziniert, vor allem auch seine Kunsttheorie.

MÄCKLER: Darauf kommen wir später - im Kapitel über Ihre Kunsttheorie - zu sprechen. Deshalb Szenenwechsel, wieder zurück nach Österreich: War die Alpenregion nicht ein arger Kulturschock nach sieben Monaten USA?

HELNWEIN: Ja, klar. Ich mußte - da ich kein Geld mehr hatte -einfach zurück, arbeiten, um Geld zu verdienen.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 67)



MÄCKLER: Womit?

HELNWEIN: In erster Linie mit Zeitschriften-Covers, vielen Titelblättern. Damals habe ich mich entschlossen, ich möchte auf alle Titelblätter der Welt, wenn schon. Ich fand das einfach eine spannende Form der Ausstellung, zu wissen, an jedem Kiosk hängt ein Bild von mir, und all die Leute, die da herumlatschen, müssen sich das ansehen.

MÄCKLER: Ist Ihnen dieses Ziel in den USA klargeworden oder schon vorher? War der Aufenthalt in den USA ein einschneidendes Erlebnis für Ihre weitere Biographie ?

HELNWEiN: Ja, das war auch ein einschneidendes Erlebnis, aber nicht so wie Wien - da hab' ich mich ja immer in die Hand geschnitten...

MÄCKLER: ...und 1979 zum "Internationalen Jahr des Kindes" eine größere Aktion gemacht: Süßigkeiten, Spielzeug und Bilder verschenkt...

HELNWEIN: Ja, das waren in Zellophan verpackt Lutscher und kleine Bären, wunderschöne Sachen. Und an jeder Tüte hing ein kleines Briefehen dran, ein Kärtchen, schön gedruckt, und das zeigte immer ein anderes verstümmeltes Kind.

MÄCKLER: Wie lauteten die Texte?

HELNWEIN: Das waren Texte, die zur Befreiung der Kinder aufgerufen haben. Ich finde immer noch, daß Kinder tatsächlich die einzigen Menschen sind, die heutzutage, auch in der sogenannten ersten, also zivilisierten Welt, den Status von Sklaven der Antike haben. Kinder dürfen nichts besitzen, keine Entscheidungen treffen, nicht reisen, wohin sie wollen, und nicht leben, wo und wie sie wollen. Wenn man Lust dazu hat, kann man ihnen eins drüberziehen, daß ihnen die Ohren wackeln - straffrei! Oder man kann sie vergewaltigen.
Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt, verlangt die Gesellschaft selbstverständlich Bestrafung. Wenn jemand ein sechsjähriges Mädchen vergewaltigt, fordern "Experten" Verständnis und behutsames Vorgehen, Therapieangebote und dergleichen - nur ja keine Strafe.
Die Sprache ist ja manchmal auch sehr verräterisch: Es heißt der Mann, die Frau, aber das Kind - das Kind ist sächlich, also eine Sache, ein Gegenstand - etwas, das man besitzt und wegwerfen kann, wenn man dessen überdrüssig ist. Nur Geisteskranken und Kindern sind die Menschenrechte entzogen - die bürgerlichen Rechte. Und es war mir eigentlich immer ein Anliegen, daß man Kinder wie richtige Menschen respektiert, wie Individuen, von der Geburt an, und sie mit allen Rechten ausstattet.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 68)



MÄCKLER: Und dieser - Kampf kann man es nicht nennen, aber diese große, berechtigte Provokation im selben Jahr gegen den "Gerichtspsychiater Nr. 1 ", den österreichischen Euthanasiearzt Dr. Gross: Wie kamen Sie auf ihn?

HELNWEIN: Ja, ganz einfach. Ich habe mich mit dem Thema Faschismus und der Vergangenheit Deutschlands und Österreichs immer sehr beschäftigt, ständig, von Kindheit an. Es war nichts, das von außen kam, es kam aus eigenem Antrieb - das hat mich mehr beschäftigt als die Kunst. Auf diese Sache bin ich dann gestoßen, als in der österreichischen Tageszeitung Kurier ein großes Interview mit diesem Dr. Gross abgedruckt war, in dem man ihn gefragt hat: "Sie haben doch Kinder getötet in der Nazizeit?" Und er freimütig antwortete: "Ja, das stimmt, aber das waren halt andere Zeiten, damals war das üblich... heutzutage würde ich das auch nicht mehr so machen..."
Er war eigentlich ganz gelassen, und dann fragte der Interviewer: "Es ist also wahr, daß Sie Hunderte von Kindern mit Injektionen getötet haben?" - "Nein, das stimmt nicht, von Injektionen kann keine Rede sein. Wir haben es sehr human gemacht, finde ich, wir haben das Gift ins Essen gemischt, und die Kinder sind friedlich gestorben. Das heißt, die haben gar nicht mitgekriegt, was mit ihnen geschieht."
Das Schockierende für mich war weniger der Umstand, daß jemand so etwas sagt, sondern der Schock für mich war, daß darauf niemand reagiert hat. Es gab keinen einzigen Leserbrief! Niemand hat gefragt: Warum ist der denn eigentlich immer noch der Gerichtspsychiater Nr. 1 in Österreich - da war einfach nichts, das hat niemanden gestört. Und dieselben Leute haben aber sehr heftig reagiert, als im ORF - im österreichischen Fernsehen - ein Moderator zum ersten Mal ohne Krawatte aufgetreten ist. Da brach für Tausende eine Welt zusammen. Es gab Berge von empörten Leserbriefen und Anrufen, die die sofortige Entlassung des TV-Mannes oder seine Vergasung forderten. Und diese Leute waren dieselben, die einfach entspannt die Zeitung umblätterten, als jemand sagte: "Ich habe ein paar hundert Kinder umgebracht." Das verstand ich nicht, und ich dachte mir, vielleicht sind die Leute einfach nicht imstande zu lesen; vielleicht müssen sie sehen, wie das ausgesehen hat. Was der Mann so launig beschrieben hat - vielleicht mußte ihnen erst jemand ein Bild davon malen. Und so rief ich im Profil an und bat um eine Seite für eine Art "offenen Brief". Die Redaktion war einverstanden, ich hatte aber nur eine Nacht Zeit, denn am nächsten Tag war Redaktionsschluß. Ich habe einfach ein Kind gemalt, das mit dem Gesicht in den Teller gefallen ist, nachdem es das vergiftete Essen gegessen hat, und alles ist vollgepatzt. Und dazu schrieb ich einen sarkastischen Brief. Das hat irgendwie doch Bewegung hineingebracht, die Leute redeten darüber, man war empört, denn das war nicht so lustig anzusehen. Gross ist kurze Zeit später, wenn ich das richtig verstanden habe, in Pension gegangen; aber auf eine unehrenhafte Art. Normalerweise wird man belobigt und kriegt irgendwas. Das hat er nicht - er mußte zurücktreten. Als ihn Freunde gefragt haben, warum er mich nicht verklagt, hat er gemeint: "Als Nicht-Mediziner ist dieser Mann nicht satisfaktionsfähig für mich."


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 71)



MÄCKLER: Apropos Kinder: Zwei Jahre vorher, 1977, wurde Ihr erster Sohn geboren, Cyril.

HELNWEIN: Ja.

MÄCKLER: Hat Sie das Ereignis sehr bewegt?

HELNWEIN: Ja, aber dieser erste Sohn war vom ersten Mann meiner Frau. Sie hat sich aber, als sie schwanger war, von ihm getrennt, und dann haben wir uns kennengelernt.

MÄCKLER: Und 1979 - Ihre Tochter Mercedes ist von Ihnen?

HELNWEIN: Nehme ich an, ja.

MÄCKLER: Waren Sie bei der Geburt anwesend?

HELNWEIN: Nein. Ich war nie dabei.

MÄCKLER: Hätte Sie dieser Vorgang nicht interessiert, wo Sie in vielen Ihrer Bilder medizinische Instrumentarien - Verbände, Klammern, Spritzen - verwenden?

HELNWEIN: Nein, eigentlich nicht. Ich weiß, das interessiert alle Leute, aber das interessiert mich nicht. Was mich interessiert, ist das Kind, das Individuum, die Person, nicht der Vorgang der Geburt.

MÄCKLER: Auch die gesamte klinische Situation nicht?

HELNWEIN: Nicht im Zusammenhang mit einer Geburt.

MÄCKLER: Wann haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

HELNWEIN: 1976.

MÄCKLER: Sie fortan zu heroisieren, wie es Salvador Dali mit Gala immer wieder praktiziert hat, kam Ihnen dann nicht in den Sinn?

HELNWEIN: Heroisieren?

MÄCKLER: Ja, sie als Apotheose der Vollkommenheit darzustellen - beispielsweise?

HELNWEIN: Nein, so ist es nicht. Aber heroisieren kann ich sie schon, weil sie für mich wirklich der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. - Um das Verhältnis mit meiner Frau zu umschreiben (er lacht): Kahnweiler und Picasso würde eher passen...

MÄCKLER: Kahnweiler und Picasso - sehe ich recht? Haben Sie Ihre Frau jemals porträtiert?

HELNWEIN: Nein.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 73)



MÄCKLER: Möchten Sie es auch nicht?

HELNWEIN: Doch, ich habe immer wieder daran gedacht, aber es hat sich nie ergeben: So gesehen bin ich nicht inspiriert von ihr. Ich habe zum Beispiel sehr oft Kinder als Modell verwendet, aber gar nicht so oft meine eigenen, erst später immer wieder. Ich bin in meiner Arbeit auch nie autobiographisch, nicht einmal bei den Selbstporträts, was oft mißverstanden wird, wo die Leute dann glauben, der ist größenwahnsinnig oder total introvertiert, der muß sich irgendein Trauma von der Seele malen. Aber ich habe auch nie vorgehabt, etwas über mich zu erzählen.
Wenn ich meine Kinder nehme, dann meine ich irgendwelche Kinder. Den Ali nehme ich so oft, weil er dem Kindertypus entspricht, den ich mir im Bild wünsche - das ist der einzige Grund, nicht weil er mein Sohn ist. Und wenn ich für ein Bild eine Frau suche - was nicht oft geschieht, weil Kinder die Hauptpersonen sind -, dann suche ich mir einen Frauentypus, der meinem Bildkonzept entspricht.

MÄCKLER: Die künstlerische Vorstellung ist also nicht identisch mit dem Frauentyp, den Sie sich für Ihr eigenes Leben wünschen?

HELNWEIN: Ich bin in meinen Arbeiten nie von realen Personen inspiriert, außer bei Idolen, die ich darstelle: Da geht es um dieses Klischee, um diese Person; aber bei allen anderen Arbeiten habe ich ein Bildkonzept und suche mir dann die Modelle so wie Utensilien zusammen.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 74)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 

 

gottfried-helnwein-interview.com
Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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