Vom Bühnenbild zur Inszenierung

MÄCKLER: Man sieht in Ihrem Schaffen Kontinuität und Entwicklung. Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Hans Kresnik, die 1988 begann? Helnwein - zum ersten Mal im Stadttheater Heidelberg...

HELNWEIN: Ja, mit Macbeth.

MÄCKLER: Ist also 1988 das Jahr, in dem Sie beginnen, auch an die Produktion von Bühnenbildern heranzugehen, die Sie sich vier Jahre zuvor noch nicht zugetraut hatten, als Sie für Zadek schon die Plakate machten? Findet 1988 die Konzentration auf der Bühne statt?

HELNWEIN: Ja, in diesem Jahr bin ich zum Theater gekommen. Hans Kresnik hat mich davon einfach überzeugt. Und da habe ich die Ausstattung für Macbeth gemacht. Der Vorteil war, daßich vom Theater keine Ahnung hatte. Ich habe niemals Bühnenbilder gemacht, ich wußte nichts.

MÄCKLER: Waren Sie denn überhaupt vorher jemals im Theater?

HELNWEIN: Ja, aber selten. Ich habe mich nicht sehr damit auseinandergesetzt. Es gab ein paar Stücke, die mich fasziniert haben, wie Kaspar von Handke oder dann das, was Peter Zadek gemacht hat; an der Freien Volksbühne Berlin hatte ich eine Ausstellung - es gab also Berührungspunkte, aber wirklich eingestiegen bin ich erst 1988. Und der Vorteil ist: Wenn ich naiv an etwas herangehe wie ein Kind und mache es einfach ganz spontan, dann wird es gut. Und genau so war es. Ich war ja unbelastet... Weder bin ich ein Bühnenbildner, noch habe ich irgendeine Ausbildung. Ich habe keine Ahnung, daher auch keine Vorbilder, die ich nachahmen oder vermeiden will. Ich bin mit der Bühne umgegangen wie mit einem Bild. Und das hat sich, glaube ich, gut ausgewirkt.
Hans Kresnik war ein künstlerischer Idealpartner für mich - es passiert ganz selten, daßman jemanden findet, mit dem man sich so gut versteht. Man weißeinfach Bescheid, man mußnicht alles erklären, und meine Vorschläge waren ihm nie zu radikal, denn Hans will etwas Ähnliches wie ich. Für ihn ist Kunst eine Waffe.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 121)



MÄCKLER: Wie haben Sie ihn kennengelernt?

HELNWEIN: Er ist zu mir gekommen und hat mir vorgeschlagen, das Bühnenbild und die Kostüme für Macbeth zu machen.

MÄCKLFR: Nach der Zusammenarbeit mit Hans Kresnik - wie kamen Sie mit Heiner Müller zusammen? Hat er Ihnen auch geschrieben...?

HELNWEIN: Heiner Müller habe ich das erste Mal bei einer Podiumsdiskussion getroffen, an der Freien Volksbühne in Berlin 1986...

MÄCKLER: ... über "Gewalt, Sexualität, Antike" mit Ernest Bornemann, Hans Neuenfels, Heiner Müller.

HELNWEIN: Da bin ich ihm vorgestellt worden. Er saßdann bei der Diskussion und hat zuerst mal seine Zigarre rausgenommen und angefangen zu rauchen. Für alle bestand Rauchverbot. Da wurde er von irgendwelchen militanten Frauen beschimpft. Es war total chaotisch, alle schrien durcheinander - schließlich rißirgendein Freak mit einer Palmen-Frisur dem Neuenfels das Mikrofon weg und forderte Freiheit und Anerkennung aller Päderasten als den einzig wahren Kinderfreunden, worauf Hans Neuenfels rauslief.
Als ich einen Schluck aus einer Mineralwasserflasche nahm, merkte ich, daßsie mit reinem Wodka gefüllt war - jetzt verstand ich, warum alle so aufgekratzt waren und der Bornemann so eine Scheiße verzapfte.

MÄCKLER: Und mit welchen Vorwürfen beschimpfte man Sie?

HELNWEIN: Ich habe einfach meine Geschichten erzählt. Ich wollte zuerst gar nicht dabeisein, denn ich weißüberhaupt nichts über die Antike. Ich hatte aber zur gleichen Zeit in den Hallen meine Ausstellung, und da regte sich jemand über dieses Hitler-Bild auf... Und dann habe ich die Geschichten von meinem ersten Hitler-Bild erzählt, wie ich dazu kam, was es ausgelöst hat, was passiert ist. Das war dann der Moment, wo es still im Saal wurde, und ich habe einfach nur erzählt. Das hatte mit dem Thema gar nichts zu tun, aber die Leute hörten für kurze Zeit interessiert zu.

MÄCKLER: Kannten Sie schon Arbeiten von Heiner Müller?

HELNWEIN: Ich habe Germania Tod in Berlin gesehen - die Inszenierung von Hans Kresnik. Dazu machte ich auch das Plakat, und dann habe ich Verschiedenes von ihm gelesen - vor allem seine Interviews fand ich gut.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 123)



MÄCKLER: Hat Sie auch der Ost-West-Konflikt, exemplifiziert an Heiner Müller, beschäftigt?

HELNWEIN: Heiner Müller war ein Mann, der konnte überall ein- und ausgehen, hatte Privilegien. Für den gab es die Grenze nicht. Zum einen war er im eigenen Land eingeschränkt, und viele Äußerungen von ihm wurden bekämpft. Auf der anderen Seite wurde er aber auch sehr verehrt und war ein Vorzeigekünstler - ein Mann zwischen den Welten.

MÄCKLER: Einer der Prominenten, die Sie 1989 in den USA besucht haben, ist Norman Mailer. Wieder ein Literat - was hat Sie an ihm fasziniert? Daßer sich mit verschiedenen Stars nicht nur beschäftigt, sondern deren Biographien geschrieben hat, beispielsweise von Marilyn Monroe und Muhammad Ali?

HELNWEIN: Sein Leben fand ich immer faszinierend. Ich habe ihn mal bei einer PEN-Club-Tagung in New York getroffen. Da waren auch Arthur Miller, Susan Sontag und verschiedene andere. Ein guter Freund hat mich dann Norman Mailer vorgestellt - Hans Janitschek, früher einmal Generalsekretär der Sozialistischen Internationale. Dann war ich bei Norman Mailer in Provincetown, wo er oft im Sommer lebt, habe auch seine Tochter Damelle kennengelernt, die uns dann mit ihrem Mann und ihrem Baby in Deutschland besucht hat, und seitdem sind wir in Kontakt.

MÄCKLER: Welche Begegnung war noch wichtig für Sie?

HELNWEIN: Die mit William Burroughs. Ihn wollte ich schon immer kennenlernen, Naked Lunch war ein wichtiges Buch für mich. Ich habe auch das Gefühl, da ist eine Verwandtschaft zwischen seiner Arbeit und dem, was ich mache. Letztes Jahr ist er mir in Lawrence in Kansas für Fotos Modell gestanden. Ich wollte ihn mit einer Waffe fotografieren, und er hat eine 45er hochgehalten, ganz knapp an seinen Kopf, und der Schatten fiel quer über sein Gesicht. Es sind die besten Fotos, die ich von ihm kenne.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 124)



MÄCKLER: Und Leni Riefenstahl?

HELNWEIN: Sowohl Leni Kiefenstahl als auch Arno Breker sind die letzten Zeugen, die ganz nah am Zentrum der Macht waren, die diese Katastrophe ausgelöst hat. - Was mich fasziniert, ist die Chance, jemanden zu treffen, der dabei war, ganz oben mit dabei war, der das mitgestaltet hat. Arno Breker zum Beispiel gilt ja auch als der Mann, der diese faschistische Kunstästhetik maßgeblich geprägt hat. Und da habe ich mich gefragt: Was ist das für ein Mensch, ist er kalt, ein Nazi? Wie steht er dazu? Hatte er Zweifel? Was war oder ist seine Position zur sogenannten "Entarteten Kunst"? Was hat er gesehen, getan?

MÄCKLER: Im Jahr 1900 wurde er geboren, nach dem 2. Welt-krieg war er als Bildhauer u. a. auch für den Gerling-Konzern tätig... Welchen Eindruck hatten Sie von Breker, wie würden Sie ihn charakterisieren?

HELNWEIN: Das Problem mit Breker war, daßer im Grunde die Einstellung eines Renaissance-Künstlers oder eines Künstlers der Antike hatte. Auch diese haben ihre Aufträge von mächtigen Herrschern erhalten und mußten - unter optimalen Bedingungen - bombastische Apotheosen herstellen und haben dabei noch einen Haufen Geld verdient. Glauben Sie, daß Michelangelo oder irgendeiner seiner Zeitgenossen sich darum gekümmert hat, welche Kriege seine Auftraggeber geführt haben oder wie sie mit ihren Untertanen umgegangen sind?
Breker erzählte mir, daßStalin Anfang der dreißiger Jahre Interesse gehabt habe, ihn in die Sowjetunion zu holen, um dort die offizielle Staatskunst der UdSSR zu begründen. Molotow überbrachte Stalins Anliegen an Breker in Berlin, und der war nach eigener Aussage sofort bereit zu gehen. Er wurde nur in letzter Minute von Goebbels daran gehindert: "Der Führer bittet Sie zu bleiben. Das Deutsche Reich braucht Sie, Breker!" Das war ihm auch recht - also blieb er halt.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 126)



Als ich Breker in seinem Atelier besuchte, sah ich zwischen gigantischen Gipsabdrücken seiner Reliefs und Plastiken aus dem Tausendjährigen Reich, Kameradschaft und so was, auch mehrere Gips-Plastiken, die Neger darstellten - beispielsweise die überlebensgroße, heroisierende Büste eines beleibten Schwarzen. Auf meine Frage, wer das sei, sagte Breker, das sei der Präsident der Elfenbeinküste gewesen, der habe ihn in den sechziger Jahren besucht, ihm den Arm um die Schulter gelegt und gesagt: "Breker, kommen Sie zu mir an die Elfenbeinküste, ich werde Ihr zweiter Hitler sein." Und er hat ihm angeboten, eine neue Hauptstadt für sein Land zu entwerfen und alles zu gestalten. Im Zentrum sollte die riesige Statue eines Schwarzen mit ausgefranstem Hemd stehen, der aufgewühlt gen Himmel blickt. Das Monument, dessen Modell sich ebenfalls im Atelier befand, sollte den Titel Das befreite Afrika haben. Breker freute sich über das Angebot und machte sich sofort an die Arbeit. Es kam jedoch nie zur Realisierung, da der Präsident gestürzt wurde - und die ganze Arbeit war umsonst. Daßer hier dreißig Jahre früher als die extremste Form von "Untermenschentum" betrachtet worden wäre, das war dem Möchte-gern-Hitler von der ElfenbeinKüste nicht klar.
Ich hatte den Eindruck, Breker hatte überhaupt nichts verstanden. Er sagte, er sei nie Mitglied in der NSDAP gewesen, und er hätte auch niemals einen Zwangsarbeiter in sein Atelier kommen lassen, wie viele andere. Nach seinem Verständnis hatte er überhaupt mit nichts etwas zu tun gehabt. Das einzige, was ihn interessierte, war sein Atelier und seine Arbeit.
Diese Einstellung gibt es ja auch in den Naturwissenschaften - z. B. Samuel T. Cohen, das Arschloch, das die Neutronen-bombe entwickelt hat, war über jede Kritik an seiner Arbeit empört: Man hätte ihm eine wissenschaftliche Aufgabe gestellt, und diese habe er brillant gelöst. In einem Playboy-Interview, glaube ich, hatte er sich wieder einmal bitter beschwert, und dann erzählte er, daßihn der Papst bei einer Audienz gefragt hatte: "Wollen Sie den Frieden, Cohen?" - "Ehrensache, Heiliger Vater" - worauf ihn dieser gesegnet hätte. "Ich habe den Segen des Heiligen Vaters", sagte er dann. Da fällt mir übrigens noch eine Geschichte ein, die Breker erzählt hat. Er war zu einem Essen beim Führer geladen in der Reichskanzlei, glaube ich, alle waren da. Zur einen Seite Hitlers saßein General von der Ostfront, mit dem er in ein intensives Gespräch vertieft war, auf der anderen Seite saßHimmler und erzählte seinem Nachbarn leise, daßAdolf Ziegler, der prominente Nazikünstler, in Spanien beim Versuch, mit dem amerikanischen Geheimdienst Kontakt aufzunehmen, von der Gestapo verhaftet worden sei. Hitler, der laut Breker natürlich über die Fähigkeit verfügte, mehrere Geschichten gleichzeitig genau zu verfolgen - was man ja auch von Napoleon oder Cäsar behauptete -, drehte sich, nachdem er das Gespräch mit dem General beendet hatte, um und sagte zu dem erbleichenden Himmler in scharfem Ton: "Himmler, wie oft soll ich Ihnen noch sagen: Ein Künstler ist wie Parzival - der reine Tor. Künstler verstehen nichts von Politik - veranlassen Sie sofort die Freilassung von Ziegler." Dann erzählte Breker noch, wie er Picasso, der kurz vor der Verhaftung durch die Gestapo gestanden hätte, das Leben gerettet habe, indem er sich für ihn einsetzte. Vermittelt worden sei das Ganze von Jean Cocteau, der sowohl mit Picasso als auch mit Breker befreundet gewesen war.
In der Kunstwelt war Breker nach dem Krieg natürlich die Unperson schlechthin - der Abschaum, und Peter Ludwig ist alles um die Ohren geflogen, als er sich mit Gemahlin von Arno in Büstenform verewigen ließ.
Ich wollte ein Foto von Breker machen, wie er mein Porträt von Joseph Beuys hoch hält: Breker und Beuys auf einem Bild - ich dachte, das macht der nie, aber er tat es doch. Er hielt das Bild hoch, und dann murmelte er: "Das hätte sich der Beuys aber nicht träumen lassen."

MÄCKLER: Sehen Sie die soziale Verantwortlichkeit eines Künstlers als eine Qualität an, die Sie beispielsweise erfüllen oder zumindest anstreben, auch außerhalb Ihres Bereichs?

HELNWEIN: Man sollte das anstreben. Es ist natürlich ein utopisches Ziel, aber ich bin immer der Meinung, man müßte von vornherein die Bereitschaft haben, umfassende Verantwortung zu übernehmen. Es gibt nicht nur das Verbrechen, etwas zu tun, sondern auch das Verbrechen, etwas nicht zu tun. Und die Verbrechen Hitlers oder Stalins - oder alle großen Verbrechen und Katastrophen der Menschheitsgeschichte - sind nur möglich gewesen, weil neunzig Prozent aller Leute nichts getan haben. Sie haben zum Beispiel nichts getan, als eine Gruppe von Irrsinnigen irgendwelche Menschen zu Seife und Lampenschirmen verarbeitet und die Welt in Schutt und Asche gelegt hat.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 129)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 



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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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