Das Porträt als Rollenspiel

MÄCKLER: Sehen Sie die Rolle des Künstlers darin erschöpft, den Menschen bestenfalls ein Spiegelbild vorzuhalten? Reicht diese Beschränkung aus?

HELNWEIN: Damit ist schon eine Menge erreicht. Was Shakespeare geleistet hat, ist einfach, daß er das große Geschehen dieser Welt, in das wir alle integriert sind und zu dem wir natürlich keine Distanz haben, verkleinert und sehr vereinfacht auf die Bühne gebracht hat, so daß Leute, die jetzt aus einem Abstand auf diesen künstlichen Mikrokosmos schauen, Parallelen zu ihrem eigenen Spiel bzw. Gespieltwerden erkennen und Strukturen, Zusammenhänge sehen, vielleicht plötzlich die eigene Rolle erkennen können; und deswegen ist Shakespeare auch übriggeblieben, deshalb wird er als wichtig betrachtet, weil er das Vorhalten des Spiegels mit einer besonderen Direktheit, Radikalität und Kompromißlosigkeit praktiziert hat. Und das ist, glaube ich, überhaupt das Ziel jeder Kunst und jedes Künstlers: totale Einfachheit, totale Radikalität, weg von der Komplexität. Etwas, das sonst in der Welt schwer realisierbar ist - in der Kunst kann man es. Kunst ist der einzige Bereich, in dem man den Weg zurück zur Einfachheit noch gehen kann.

MÄCKLER: Gehört dazu Distanz, oder muß der Künstler selbst "betroffen" sein?

HELNWEIN: Beides gehört dazu, beides; aber ohne Distanz ist es unmöglich. Distanz gehört zu jedem schöpferischen Akt. Die totale Identifikation würde auch bedingen, daß man dadurch das Bewußtsein verliert. Bewußtsein von irgend etwas zu haben heißt aber immer auch, Distanz zu haben: Ich muß es von außen anschauen können; wenn ich das Objekt selber bin und es von außen nicht mehr sehen kann, habe ich das Bewußtsein verloren. Das wäre dann für mich die absolute Identifikation. Und ich glaube, man muß ein gewisses Maß an Abstand zu den Dingen haben, um sie beurteilen oder darstellen zu können.


(Gottfried Helnwein im Gesprä ch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 148)



MÄCKLER: Auch zu sich selbst?

HELNWEIN: Ja, würde ich sagen.

MÄCKLER: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu sich selbst schildern?

HELNWEIN: Das ist eine Frage, die mir zu allgemein ist.

MÄCKLER: Es gibt Menschen, die beschäftigen sich nur mit sich und ihrer Welt. Man könnte sie Egozentriker oder Egomanen nennen - die Verlagsbranche ist voll davon. Sie meinen, den Mittelpunkt des Universums darzustellen und möchten sich in allem gespiegelt sehen...

HELNWEIN: Ich glaube, daß man sehr viel über sich selbst erfahren kann, wenn man sich mit der Umwelt beschäftigt oder mit anderen Menschen.

MÄCKLER: Wie tief können Sie dabei als Porträtist in einen anderen Menschen hineinschauen? Bis in die Pore?

HELNWEIN: Bei manchen Porträts sind Dinge herausgekommen, die für mich mit freiem Auge vorher nicht erkennbar waren. Das habe ich sowohl bei gemalten als auch bei den fotografischen Schwarzweiß-Porträts gemerkt. Und diese Bilder haben nie mit einer heilen Welt zu tun, sondern mit Zerrissenheit und den Schattenseiten.

MÄCKLER: Sehen Sie diese eher außen oder in sich selbst?

HELNWEIN: Diese Frage verstehe ich nicht.

MÄCKLER: Wenn Sie aus des Porträtierten Tiefe etwas hervorholen können, was der Betrachter als solches - bewußt oder unbewußt - wiedererkennt, haben Sie es dann nicht zuerst in sich selbst schon entdeckt und durch Projektion auf das Gegenüber übertragen?

HELNWEIN: Wahrscheinlich beides. Das hat sowohl mit dem Porträtierten zu tun als auch mit mir. Mir ist das egal, ob der Porträtierte Mick Jagger ist oder ein vierjähriges Kind - es ist immer das gleiche: Ich versuche, zwischen mir und dem anderen irgendeine Art von geistiger Verbindung herzustellen, und immer, wenn es mir gelingt, dann passiert etwas mit der Fotografie, es werden plötzlich Dinge sichtbar, ganz magisch, die mit freiem Auge nicht erkennbar sind.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 149)



MÄCKLER: Sehen Sie einen qualitativen Unterschied zwischen Fotografie und Malerei als Instrumentarium, um psychische Tiefen des Porträtierten auszuloten?

HELNWEIN: Nein, keinen qualitativen Unterschied. Das Medium ist sekundär, vor allem in keiner Weise ein Qualitätsmerkmal.

MÄCKLER: Aber gibt es Qualitäten, die Sie mit der Fotografie nicht ausdrücken können - oder schlechter als mittels Malerei? Ab wann malen Sie ein Gesicht, und ab wann fotografieren Sie es lieber? Hat das eine mit Vision, Fiktion zu tun und das andere mit Realität? Man sagt ja - mit einem Augenzwinkern - das Objektiv sei objektiv...

HELNWEIN: . .. eben nicht. Besonders gut merkt man das, wenn Fotografen mit den gleichen Werkzeugen unter haargenau den gleichen Bedingungen arbeiten und sogar noch dasselbe Modell haben - wenn dann auf ihren Fotos vollkommen verschiedene Persönlichkeiten dargestellt sind oder zumindest unterschiedlihe Seiten dieser Person. Sehen Sie sich Normar Mailer an -- von Mapplethorpe fotografiert oder von Annie Leibovitz oder von mir, und Sie werden sehen, es gibt offenbar drei verschiedene Mailers, die nichts miteinander zu tun haben. Was mir an der Fotografie gefällt, ist - besonders in der Schwarzweiß-Fotografie - die limitierte Möglichkeit. Ich bin ehr eingeschränkt, und das ist etwas, was mich fasziniert, herausfordert. Eigentlich ist die Schwarzweiß-Fotografie eines meiner Lieblingsmedien, ich habe sie von Anfang an verwendet. Sie hat wahrscheinlich auch meine Art zu malen sehr beeinflußt, geprägt, denn Schwarzweiß-Bilder haben eine viel größere Schärfe als Farbbilder. Farbbilder haben immer etwas Verschwommenes, während Schwarzweiß-Filme, die ja nur in Hell und Dunkel zerlegt sind, sehr viel klarer sind. Ich nahm als Vorlage für meine Bilder nie Farb-, sondern immer nur Schwarzweiß-Bilder. Die Farben erfand ich, daher haben sie bei mir immer eine große Künstlichkeit, auch Willkürlichkeit manchmal, und eine gewisse Realitätsferne.

MÄCKLER: Zum Inkarnat in Ihren Porträts: Haben Sie sich beispielsweise an Rubens orientiert? In Ihren als auch Rubens' Bildern kann man ja gut beobachten, wie die Haut aus den drei Grundfarben zusammengesetzt wird in feinster, "pointillistischer" Manier.

HELNWEIN: Ja, ich fange immer mit Blau und Rot... Nein, mit Rot fange ich an, mit Kadmiumrot dunkel, und dann arbeite ich mit Blau darüber, Ultramarinblau, und es sind im Prinzip immer nur Ultramarinblau und Kadmiumrot, im Wechsel. Und dann folgt eine kurze Phase, wo ich ganz leicht mit Gelb darübergehe, leicht darübersprühe, ganz kurz nur, und dann gibt es wiederum Blau und Rot. Daher also sind die Farben, aus denen alles zusammengesetzt ist, ganz einfach die Grundfarben, so wie beim Offsetdruck. Deswegen finde ich ja den Offsetdruck ein sehr ehrliches Medium. Es hat Blau, Rot, Gelb (und Schwarz). Und aus diesen Grundfarben wird alles zusammengesetzt - auch das sogenannte Menschenbild.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 151)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 



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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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