Die Idole des 20. Jahrhunderts

MÄCKLER: Was interessiert Sie an Leuten mit Charisma - Elvis Presley, Peter Alexander, Mick Jagger, Michael Jackson, Stalin und Hitler? Was haben diese Figuren als "Idole des 20. Jahrhunderts", denen Sie sich in Ihren Bildwerken widmen, gemeinsam?

HELNWEIN: Elvis war eine dieser charismatischen Jahrhundert-gestalten - mit einer ganz unschuldigen Art von künstlerischem Rebellentum. Selbstverständlich hat sich die amerikanische Gesellschaft der fünfziger Jahre mit den Inquisitoren McCarthy und Hoover durch ihn bedroht gefühlt, denn die fünfziger Jahre waren eine sehr repressive Zeit - das vergißt man oft. Elvis hat die ganze Erwachsenenwelt, die Welt der bigotten Kriegsgewinnler herausgefordert, aber ohne es zu wissen. Er wußte gar nicht, was er da tat. Man legt sich aber nicht ungestraft mit den Mächtigen an, indem man einfach heraustritt und frech die Werte des Systems in Frage stellt. Es endet immer damit, daß man schneller stirbt, das geht gar nicht anders. Die Mächtigen sind niemals tolerant gegenüber solchen Leuten gewesen, ob das jetzt John Lennon war, Martin Luther King oder Rosa Luxemburg.
Man weiß ja mittlerweile, daß das FBI und der CIA Berge von Akten über Künstler angelegt haben - sogar Thomas Mann haben sie als Kommunisten verdächtigt. Hoover hat Elvis bespitzeln lassen und jede Menge Akten über ihn angelegt - von einem Jungen, der einfach Musik machte und gut aussah, der völlig naiv war, unpolitisch, wie man gar nicht unpolitischer sein kann; ein amerikanischer Patriot, wie man kein größerer sein kann. Trotzdem stellte er eine Bedrohung dar, denn Elvis war nicht gebrochen, sondern er war stolz und schön. Zur Strafe wurde ihm ein Haarschnitt verpaßt, dann mußte er nach Germany zum Militär. Dann haben sie ihn gezwungen, in einem Haufen grauenhafter Filme mitzuspielen, und schließlich wurde er mit Medikamenten so lange vollgestopft, bis er genauso aufgedunsen war wie Hoover und elend verreckt ist -- das war die Rache. In unserer Erinnerung aber lebt Elvis weiter - unbefleckt und rein.
James Dean ist anders - er ist ein Mysterium. Es gibt kaum jemanden, der so sehr verehrt wird, von Frauen und Männern gleichermaßen und durch alle Generationen. Jedes vierzehnjährige Mädchen in Japan kennt Jimmy Dean - oft ohne jemals irgendeinen Film von ihm gesehen zu haben. Er gehört zu den großen Mythen dieser Welt. Außer drei Filmen hat er nichts hinterlassen. Es hat bessere Filme gegeben und bessere Schauspieler, und es gibt keine Schallplatten von ihm -nichts. Nur eine Pose. Aber Millionen können sich mit ihm identifizieren, denn er verkörpert wie kein anderer vor ihm die Phase, die jeder wenigstens in seiner Jugend durchlebt: diese ganz bestimmte Traurigkeit, das Gefühl von Verlorenheit, Einsamkeit, Verzweiflung und Rebellenturn - nirgends dazuzugehören, nicht zur Welt der Erwachsenen, aber auch zur Kinderwelt nicht mehr. James Dean ist der androgyne Engel aus diesem Zwischenreich.

MÄCKLER: Aber bei Stalin und Hitler - haben Sie es da nicht mit anderen Werten und Kategorien zu tun? Zwar haben auch diese beiden Personen zuerst Millionen Menschen fasziniert, bevor sie sie abgeschlachten ließen...

HELNWEIN: Ja, das sind die großen Negativ-Gestalten - die sind genauso wichtig. Zu allen Zeiten haben besonders destruktive Figuren eine große Faszination ausgeübt; das sieht man schon anhand der Märchen: Die Lieblingsfiguren der Kinder sind der Wolf, die Hexe, Dracula, Frankenstein ...


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 159)



MÄCKLER: Und wenn jemand wie Mick Jagger mit seinem Konterfei az la Helnwein nicht einverstanden ist? Sehen Sie das dann als Ihre Fehlleistung an?

HELNWEIN: Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, wann immer ich das Porträt auf den Punkt bringe, dann hat es die Tendenz, den Porträtierten nicht zu gefallen. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, obwohl ich es ja verstehe, daß Mick Jagger gerne wie ein Michael Jackson aussehen würde; aber meine Vorstellung von ihm ist einfach, daß er ein lebendes Stück Rock 'n' Roll-Geschichte ist. Wenn man sein Gesicht sieht, sind es einfach die Spuren eines Lebens als Schwein mit einer Menge Drogen und Sex - ich finde, er sieht faszinierend aus. Keith Richards steht da ganz anders dazu: Er ist jemand, der stolz darauf ist, der trägt sein Gesicht wie einen Orden. Wenn man ihm ins Antlitz schaut, dann sieht man in die Abgründe des Rock 'n' Roll.

MÄCKLER: Würden Sie meinen, daß Sie die Rollengrimassen dieser Idole, teilweise jedenfalls, entlarven, indem Sie beispielsweise von Mick Jagger nicht das erwartete Bild des Ewigjungen liefern, sondern das, was in Ihren Augen der Wahrheit entspricht?

HELNWEIN: Es gibt kein erwartetes Bild, es gibt da nichts zu liefern, weil ich ja nie von ihm gebeten wurde, ein Porträt zu malen, sondern es war mir ein Anliegen, Ich habe auch überhaupt nicht die Absicht, irgend jemanden zu entlarven, sondern mich zu dem vorzutasten, was diese Kultfigur, Mick Jagger zum Beispiel, ausmacht. Und das Ergebnis meines Versuchs ist dann dieses Bild. Manchmal gelingt es mir, näher heranzukommen, manchmal nicht. Aber ich denke, mit einigen Bildern bin ich ganz nahe dran.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 162)



(<---vorige Seite) (nächste Seite--->)

 

I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 



gottfried-helnwein-interview.com
Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
2002 by Gottfried Helnwein und Andreas Mäckler. Alle Rechte vorbehalten. Jegliche Form der Vervielfältigung nur nach schriftlicher Genehmigung.