Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

MÄCKLER: Beim Stichwort "Pluralismus": Kommt Ihnen da die heutige Situation der Postmoderne mit ihrem postulierten Stilpluralismus entgegen?

HELNWEIN: Also das, was man unter Postmoderne versteht, ist zum Großteil Kitsch, künstlich geschaffen von Kunstmarkt-strategen. Wenn man heute durch Kunstmarkte geht, dann sieht man in erster Linie sehr handliche, leicht verkaufliche Dekoration, absolut flach. Da ist keine Intention dahinter - aber sehr praktisch für jemanden, der ein Geschäft machen will.
Ich glaube, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war es eine der Aufgaben der Künstler, alles, was sich an Ballast angesammelt hatte, an Erstarrung, an Versteinerung durch zweitausend Jahre Abendland, aufzubrechen, Tabus zu brechen, Stück für Stück: Kandinsky, die Dadaisten, Surrealisten, die Pop Art, Minimalismus, die Neuen Wilden - das war eigentlich ein standiges Zerstören, aber ein sehr notwendiges, um Platz zu machen, ähnlich dem Niederreißen einer Mauer. Und wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo von der alten Mauer nichts mehr übriggeblieben ist: Es gibt keine Tabus mehr! Wir nähern uns dem Zeitpunkt, wo man wieder neu erschaffen, aufbauen kann.

MÄCKLER: Wenn man dieses Neuerschaffen einmal als Zitieren definiert, das beliebig verfügbare Stücke aus der Vergangenheit nimmt und neu zusammensetzt - ist das eine Strategie, die Sie als verwandt mit Ihrer Arbeit ansehen würden? Man kann die Praxis jabesonders in der neueren Architektur sehr gut beobachten, die alle möglichen Zitate zusammenwürfelt.

HELNWEIN: Damuß man differenzieren. Wenn sich Leute einfach aus dem Abfallhaufen der Kunstgeschichte bedienen und die Sachen nur hübsch nebeneinander aufstellen, dann ist das zwar rührend, aber es dient niemandem. Richtig wäre es, wenn jemand die Scheu vor dem verliert, was es bisher an Regeln, Geboten und Eingrenzungen gab. Wenn man den Respekt verliert vor der Vergangenheit, wenn man sieht, daß es auch in Griechenland schlechte, elende Statuen, daß es in der Renaissance katastrophale Maler gab, dümmliche, vordergründige, wenn man das einfach richtig einschätzen kann, aber auch die sehr guten Leistungen von Leuten wie Leonardo, der sich durchaus mit Walt Disney messen kann - wenn man also die Scheu verloren hat und sich einfach nicht mehr einem Stildiktat unterordnet, dann halte ich das für sehr gut.

MÄCKLER: Akzeptieren Sie den Vorwurf von Kritikern, daß Sie sich inzwischen in der Kunst- und Fotografiegeschichte wie in einem Supermarkt bedienen?

HELNWEIN: Selbstverständlich sollte man sich in der Kunstgeschichte bedienen wie in einem Supermarkt, dazu ist sie ja da. Entscheidend ist: Was mache ich aus den Elementen, wie verwende ich sie, wie setze ich sie ein.

MÄCKLER: Also geht Ihre Arbeit bzw. Intention dahin, möglichst viele oder gar alle Stile und Medien zu benutzen?

HELNWEIN: Ich halte es für eine große Chance, daß es nicht gelungen ist, im 20. Jahrhundert einen einheitlichen Stil zu schaffen, die Künstler unter ein Stildiktat zu pressen. Das heißt, alle Stile, alle Materialien sind nebeneinander möglich, und das macht diese Zeit heute allen Zeiten davor überlegen. "In der Kunst ist alles erlaubt" - wie Kandinsky postuliert hat.

MÄCKLER: Ist dieses Kunstschaffen und Stilfinden bzw. -benutzen vergleichbar mit dem Prinzip des Spielens? Wenn man es beispielsweise in Kontrast zum Stilfinden eines Vincent van Gogh setzt, das - wie zumindest vielfach gesagt wird - aus Leidenschaft, aus Verzweiflung, aus einer extremen Lebenssituation heraus entstanden sei, dann ...?


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler,Verlag C.H.Beck, Seite 180)



HELNWEIN: ... ist das ganz einfach zu erklaren: Van Gogh wird standig mißbraucht für eine menschenfeindliche Ideologie. Man nimmt das Schicksal dieses armen Menschen und mißbraucht es, indem man es als Vorbild hinstellt. Van Gogh ware der letzte gewesen, der sein Leben und sein Scheitern als Vorbild für andere gesehen hatte. Das ist einfach eine Neuauflage dieses Christus-Traumas, der Idee, das höchste Ziel sei unendliches Leid und Schmerz, Aufopferung, Selbstzerstörung. Das ist diese mißbrauchte christliche Botschaft, die Todesreligion, die alles dominiert. Die meisten Künstler haben eher dem Typus des Renaissancekünstlers entsprochen. Jeder Künstler, der halbwegs etwas konnte, war immer auch erfolgreich. Für jene, die dieses Leidens-Image pusshen, ist van Gogh natürlich ein hervorragendes Beispiel: Der Künstler verkauft nichts zu Lebzeiten, und nachdem er tot ist, können andere das OEuvre ausschlachten. Das ist der Traum dieser Leute. Keith Haring ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Preise nach dem Tod des Künstlers sofort hinaufschießen; dasselbe bei Warhol. Das heißt: Diese van Gogh-Legende ist eine Erfindung der Feinde der Kunst und der Künstler vor allem, und jeder Künstler, der darauf hereinfallt, macht einen Fehler.

MÄCKLER: Sehen Sie im Stilpluralismus des eigenen Schaffens nicht die Gefahr, daß der Wiedererkennungseffekt, das Markenzeichen "Helnwein" zerstört bzw. unterminiert wird, zumindest was das Einzelwerk angeht, wenn beispielsweise Ihre monochromen Bilder an Yves Klein oder Barnett Newman erinnern?

HELNWEIN: Mein Markenzeichen ist mir scheißegal. Jede Weiterentwicklung ist immer mit Risiko verbunden. Es ist immer möglich, daß man Fehler, daß man Umwege macht, es besteht immer die Gefahr, daß man Dinge macht, die nicht gelingen. Mich interessieren Künstler, die sich andern, die ganz bewußt jedes Mal etwas völlig Neues kreieren. Davon gibt es wenige. Die meisten arbeiten nach dem Prinzip zu repetieren, an etwas zu feilen und zu variieren, was ja auch legitim ist. Das Werk und sein Urheber sind dann leicht wiedererkennbar.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler,Verlag C.H.Beck, Seite 184)



In manchen Fällen macht das Spaß. Es gibt Kunstformen, wo ich es gerne habe, wenn ein Stilprinzip durchgehalten wird: bei Raymond Chandler zum Beispiel, wo ich mir immer gewünscht habe, er möge nie aufhören. Stanley Kubrick ist das Gegenteil. Mit Odyssee 2001 hat er alles revolutioniert, was den Science-fiction-Film betrifft. Er hat neue Standards gesetzt, hatte zehn solcher Filme drehen können, und es ware ein Riesengeschäft geworden. Darum haben sich ja dann Lucas und Spielberg gekümmert. Kubrick hat nicht einmal einen zweiten gemacht - aus, das war's, und dann hörte man von ihm Jahre nichts mehr, und dann kam Clockwork Orange - ein Film, wie von einem ganz anderen gemacht. Und danach Barry Lyndon, wieder ein vollkommen anderer Stil: der erste Film, in dem mit reinem Kerzenlicht gedreht wurde - und dann kommt der Vietnam-Film Full Metal Jacket, wieder total anders. Er ist wie ein Gott, der eine Welt erschafft, sie dann liegen laßt und geht; und er erschafft anderswo eine neue, die nichts mit der ersten zu tun hat, mit anderen Gesetzen, anderen Regeln, aber genauso verblüffend und intensiv.

MÄCKLER: Und Ihre eigenen Werke?

HELNWEIN: Es gibt ein paar Arbeiten, die wirklich stimmen, die ich mir selbst gerne immer wieder anschaue. Keith Richards sagt: "Sobald ich die Gitarre anschlage und - sagen wir die ersten Takte von Jumping Jack Flash spiele, dann passiert etwas -hier - in der Bauchgegend. Da bricht etwas auf, wenn ich das spiele." So ahnlich geht es mir auch mit einigen meiner Arbeiten. Aber ich habe auch viele Fehler und viel Scheiße gemacht - -im Prinzip bin ich unzufrieden.

MÄCKLER: Woran können Sie Fehler in Ihrer Arbeit erkennen?

HELNWEIN: Wenn ich sehr viele andere Bilder gemalt habe und zurückblicke, dann gibt es Dinge, die halten, also Bilder, die ich immer wieder anschauen kann und die eher wachsen als verlieren. Und es gibt Sachen, die ich lieber nicht gemalt hatte.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler,Verlag C.H.Beck, Seite 185)



MÄCKLER: Welches sind denn solche Lieblingsbilder?

HELNWEIN: Ein ganz wichtiges ist das mit dem Titel Peinlich, das Kind mit dem Comic-Heft in der Hand, eines der allerersten, das ich gemalt habe. Es gehört zu den besten Bildern, die ich kenne.

MÄCKLER: Ihre späteren Bilder haben oft einen stark dramaturgischen Aufbau: Könnten Sie sich vorstellen, auch in Richtung bewegter Bilder zu gehen, zum Film?

HELNWEIN: Ja, einen Film zu machen, das war immer mein Traum.

MÄCKLER: Ein wichtiges Thema Ihrer Bilder sind ja die unterschiedlichsten Formen der Gewalt. Was halten Sie dann von sogenannten Gewaltvideos?

HELNWEIN: Meine Horrorvideos sind die wirklich üblen Dinge wie Musikantenstadel oder elende Familien-Serien, Soap Operas, deutsche Lustspiele, idiotische Diskussionsrunden - das sind meine Thriller. Ganz im Ernst: Obwohl mir schlecht dabei wird, muß ich mir alles bis zum Ende anschauen. Ich bin süchtig danach.

MÄCKLER: Kunst also doch als Weltverbesserung?

HELNWEIN: Ja, jede Art von Kunst verbessert die Welt - im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Meinung, daß Kunst letztlich nichts verändern kann, bleibe ich dabei, daß Kunst alles verändert. Eine schwache Kunst hat natürlich relativ wenig Wirkung - aber trotzdem: Jede Form von Kunst verändert die Welt bis zu einem gewissen Grad. Das kann man beweisen: Nehmen wir an, die letzten zweitausend oder zehntausend Jahre, je nach Belieben, hatten genauso stattgefunden wie sie stattgefunden haben, mit einem Unterschied: Wir nehmen alles weg, was Kunst und ästhetik ist, also Architektur, Theater, Malerei, Musik, Literatur, Design und Mode. Was würde übrigbleiben? - Ein Haufen Wahnsinniger, die in irgendwelchen Erdhöhlen vegetieren und die ganze Zeit damit verbringen, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen und irgend etwas kaputtzumachen. Aber sie könnten noch nicht einmal ordentliche Kriege führen, denn es gabe jakeine Palaste, Bibliotheken, Kirchen, Moscheen oder Städte, die sie zerstören könnten. Und anhand dieser Hypothese kann man sehen, was für eine Welt das wäre, wenn es die Kunst nicht gäbe.

MÄCKLER: Auf die heutige Zeit übertragen: Würden Sie Ihre Kunst also als ein Spiegelbild dieser Zivilisationsleistung ansehen?

HELNWEIN: Ich glaube, daß jede wichtige oder gute Kunst das zu einem gewissen Grad ist: folglich auch meine.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler,Verlag C.H.Beck, Seite 187)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 

 

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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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