Gottfried Helnwein – Biografie
Vom Wiener Nachkriegskind zum international ausgestellten Künstler zwischen Irland und Los Angeles.

Kindheit in Wien
Gottfried Helnwein wurde am 8. Oktober 1948 in Wien geboren. Sein Vater arbeitete bei der österreichischen Post- und Telegraphenverwaltung. In Interviews beschreibt Helnwein das Wien seiner Kindheit als düster und bedrückend, geprägt von Kriegsruinen, katholischer Strenge und dem Schweigen der Erwachsenen über die NS-Zeit. Als befreiend erlebte er die ersten deutschen Micky-Maus-Hefte, die ihm sein Vater mitbrachte: Donald Duck wurde für ihn zu einer lebenslangen Bezugsfigur.
Ausbildung
Von 1965 bis 1969 besuchte Helnwein die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Anschließend studierte er von 1969 bis 1973 Malerei in der Meisterklasse von Rudolf Hausner an der Akademie der bildenden Künste Wien. Neben Zeichnung, Aquarell, Acryl und Öl wurde früh die Fotografie zu einem zentralen Medium, oft im Zusammenhang mit Aktionen.
Ausführlich schildert Helnwein diese Jahre im Gespräch mit Andreas Mäckler, insbesondere in den Kapiteln über die „Graphische“ und die Akademie.
Frühe Arbeiten und Skandale
Ab 1970 entstanden fotografische Selbstbildnisse mit Bandagen und chirurgischen Instrumenten sowie Aktionen mit Kindern. Seine ersten Ausstellungen in Wien lösten heftige Proteste aus; 1972 wurde eine Ausstellung in der Galerie des Pressehauses nach wenigen Tagen abgebrochen. Ein Cover für das Magazin profil zum Thema Selbstmord sorgte 1973 für Aufruhr. 1979 veröffentlichte Helnwein im profil das Aquarell „Lebensunwertes Leben“ als Reaktion auf Aussagen des NS-Euthanasiearztes Heinrich Gross und trug so dazu bei, eine öffentliche Debatte über dessen Vergangenheit auszulösen.
Internationaler Durchbruch
In den 1980er-Jahren erreichten Helnweins Bilder ein Massenpublikum: über Titelbilder für Magazine wie Time und profil, über Plakate und Plattencover. Sein Selbstporträt als schreiender, bandagierter Mann wurde 1982 zum Cover des Scorpions-Albums Blackout. 1985 zeigte die Albertina in Wien eine erste große Ausstellung; im selben Jahr schlug Rudolf Hausner ihn als Nachfolger für seine Meisterklasse vor, was die Professorenschaft ablehnte.
Schloss Burgbrohl (1985–1997)
Ende 1985 zog Helnwein mit seiner Familie nach Deutschland auf Schloss Burgbrohl in der Eifel. Dort entstanden großformatige Gemälde und Fotozyklen; zugleich wandte er sich Installationen im öffentlichen Raum zu. 1988 errichtete er in Köln zwischen Museum Ludwig und Dom die 100 Meter lange Installation Selektion – Neunter November Nacht zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome. Im selben Jahr begann die Zusammenarbeit mit dem Choreografen Johann Kresnik am Theater. Mehr dazu unter Ateliers und Wohnorte.
Irland und Los Angeles
1997 übersiedelte Helnwein nach Irland und erwarb Castle Gurteen de la Poer im Süden des Landes. 2002 richtete er ein Atelier in Los Angeles ein; seither lebt und arbeitet er abwechselnd in beiden Ländern. 2004 erhielt er die irische Staatsbürgerschaft. Helnwein ist mit Renate Helnwein verheiratet; die vier Kinder sind ebenfalls künstlerisch tätig.
Seit 2000
2004 widmeten ihm die Fine Arts Museums of San Francisco mit „The Child“ seine erste Einzelausstellung in einem amerikanischen Museum. Es folgten unter anderem Ausstellungen im Lentos Kunstmuseum Linz (2006), in der Galerie Rudolfinum Prag (2008, 2011) und eine große Retrospektive in der Albertina (2013), die zu den bestbesuchten Ausstellungen eines lebenden Künstlers in diesem Haus zählt. Daneben arbeitete Helnwein für die Bühne, etwa am Rosenkavalier der Los Angeles Opera (2005) und an Wagners Ring in Bonn. Siehe Ausstellungen.
Kontroversen
Helnweins Arbeiten waren immer wieder Anlass für Proteste, etwa sein Plakat zu Peter Zadeks Lulu-Inszenierung in Hamburg (1988). Öffentlich diskutiert wurden außerdem seit den 1990er-Jahren Berichte über Verbindungen des Künstlers zu Scientology; Helnwein bestreitet eine Mitgliedschaft und ging juristisch gegen entsprechende Darstellungen vor.
Zeitleiste
- 1948Geboren am 8. Oktober in Wien
- 1965–69Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt Wien
- 1969–73Akademie der bildenden Künste Wien, Meisterklasse Rudolf Hausner
- 1971Kardinal-König-Preis
- 1974Theodor-Körner-Preis; Aktion „Weiße Kinder“ in der Wiener Kärntner Straße
- 1982Selbstporträt als Cover des Scorpions-Albums Blackout
- 1985Ausstellung in der Albertina; Umzug nach Schloss Burgbrohl
- 1988Installation Neunter November Nacht in Köln; Beginn der Theaterarbeit mit Johann Kresnik
- 1992Buch Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler erscheint bei C. H. Beck
- 1997Umzug nach Irland; Rammstein-Album Sehnsucht mit Covern von Helnwein
- 2002Atelier in Los Angeles
- 2004„The Child“, Legion of Honor, San Francisco; irische Staatsbürgerschaft
- 2008Retrospektive „Angels Sleeping“, Galerie Rudolfinum Prag
- 2013Retrospektive in der Albertina Wien
- 2021Europäischer Kulturpreis für Bildende Kunst